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Historische Kriminalfälle aus Sachsen: Edle Räuber, Täter aus Not und einige mysteriöse Todesfälle aus 500 Jahren

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    Eigentlich kennt sich der Dresdner Autor Dietmar Sehn aus mit den Verbrechen im alten und neuen Sachsen. Er hat über die Jahre fleißig gesammelt und auch schon einige Bücher zum Thema herausgebracht. Und mit den „Historischen Kriminalfällen aus Sachsen“ zeigt er einmal sehr kompakt, dass sich auch andere Räuber mit dem erzgebirgischen Stülpner Karl locker messen konnten. Und seit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe weiß alle Welt wieder, wie leicht man hier an Beute kommt.

    Sein Buch ist im Grunde ein kleines Panoptikum der berühmtesten Räuber, Betrüger und Totschläger. Zumindest derer, die es zu medialem und literarischem Ruhm gebracht haben. Denn die Geschichten der ganz großen Übeltäter haben Schriftsteller schon immer fasziniert. Aus Gründen, die Sehn nicht weiter untersucht. Was nicht überrascht.

    Die Faszination der Abgründigen und Regelbrecher

    Darum mogeln sich auch Kommunikationswissenschaftler nur zu gern herum. Denn was fasziniert Leser/-innen eigentlich an diesen kleinen und großen Kriminellen? Ist es wirklich nur die so gern zitierte Sensationslust, die Gier, am Finsteren und Abgründigen in unserer Welt teilzuhaben, echte Monster zu sehen? Also das, womit vor allem Boulevardmedien ihr Geld verdienen und die Leute zum Narren machen?

    Das wäre ein Aspekt. Aber das würde nicht wirklich erklären, warum Krimis so beliebt sind und schon Kinder sich für einen Räuber Hotzenplotz begeistern. Der kommt zwar nicht aus Sachsen. Aber die sächsischen Räuber können sich auch sehen lassen, denn die Räuber Karasek, Käsebier und Wenzel Babinsky sind – wie Stülpner – berühmt und Helden von Liedern, Erzählungen, Romanen und Filmen.

    Und das sind sie eben nicht, weil die Menschen sich an ihren Räubereien ergötzen, sondern weil ihnen ein Nimbus zugewachsen ist, wie ihn in der Weltliteratur etwa ein Robin Hood hat. Und da sind wir der Sache schon etwas näher. Denn die Konsumenten all dieser scheinbar so kriminellen Stoffe identifizieren sich oft genug mit den Tätern selbst, ihrem subversiven Treiben, dem spätestens die gedruckten Geschichten dann auch eine Note von Gerechtigkeit einschreiben.

    Das Verbrechen und die Macht

    Denn so wie Kriminalität immer eine Definitionsfrage derer ist, die über Macht und Justiz verfügen, so wird eben diese Macht auch als drückend und ungerecht empfunden, gerade dann, wenn die Gesellschaft tatsächlich ungleich und ungerecht ist. Wären all die von Sehn versammelten Berühmtheiten tatsächlich nur blutige Monster gewesen, dann wären sie nie auf diese Art berühmt geworden, wie sie es sind – nämlich als Teil einer sächsischen Volksgeschichte, die sich mit diesen Vogelfreien und Rebellen immer auch identifiziert.

    So, wie man sich mit diesem widerborstigen Manfred Krug immer wieder identifiziert, egal, ob er den erzgebirgischen Stülpner spielt oder den schlitzohrigen Käsebier. So unverfroren, frech und die Mächtigen ins Bockshorn jagend.

    Fehler mit Tragweite

    Mit Wenzel Babinsky wird es schon schwieriger, denn seine Legenden sind vor allem im Tschechischen lebendig, obwohl er vor allem in Sachsen operierte und seine Räuberbanden koordinierte. Vielleicht hat Sehn deshalb ein falsches Geburtsjahr angegeben und ihn erst mit 112 Jahren sterben lassen.

    Das tut weh, weil dazu ein simpler Blick ins Lexikon genügt hätte. Er steht auch in der deutschsprachigen Wikipedia. Genauso wie Georg Büchner, der seinen „Woyzeck“ nun einmal nicht erst 1913 fürs Münchner Residenztheater geschrieben hat. Das gesegnete Alter von 100 Jahren hat leider auch Büchner nicht erreicht. Er starb schon 1837 mit 23 Jahren und hinterließ seinen „Woyzeck“ als Fragment.

    Was heißt hier spektakulär?

    So etwas darf nicht passieren. Es torpediert ein durchaus wichtiges Buch, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Denn Bücher mit historischen Kriminalfällen gibt es doch mittlerweile bergeweise. Gern mit Worten wie „spektakulär“ in der Betitelung, was dann meistens – wie eben leider auch bei Wikipedia – mit Begriffen wie „Schauspiel, Augenweide, Anblick, auch Krach, Lärm“ übersetzt wird.

    Tut mir leid, aber das ist einer von den wirklich schwachen Wikipedia-Artikeln, bei denen man merkt, dass die Autoren sich nie wirklich mit dem Hintergrund und der Herkunft des Wortes beschäftigt haben. Spektakel kommt nun einmal vom lateinischen Wort für Schauspiel. Darin steckt das spectare = schauen. Genauso übrigens wie in Inspektion und Respekt.

    Es gilt also, etwas anzuschauen. Und in der negativen Verwendung des Wortes Spektakel steckt schon die ganze Verachtung für die Menschen, die sich auf den Dresdner Brücken die Flugblätter mit den atemberaubenden Moritaten andrehen lassen, alles wissen und lesen wollen zum großen Räuber und Mordbrenner und dann auch noch zur Hinrichtung pilgern, die ja die Mächtigen in Sachsen bis ins 19. Jahrhundert als öffentliches Schau-Spiel inszeniert haben.

    Wie wird einer eigentlich zum Verbrecher?

    Auch der arme Woyzeck wurde ja in Leipzig öffentlich auf dem Markt hingerichtet. Und Sehn fasst einmal sehr eindrücklich zusammen, wie dieser Mann so wurde, wie er als Soldat ausgenutzt und ge-braucht wurde und hinterher keinen Broterwerb fand, weil ihn keiner als Gesellen anstellen wollte.

    Zum weltberühmten „Fall“ wurde er freilich erst, als sich die Ärzte und Juristen über seinem Fall darüber zerstritten, ob er nun psychisch zurechnungsfähig war oder nicht. Etwas, was ja bis heute jeden Strafprozess begleitet als Frage: Ist der Täter voll schuldfähig, oder wurde er durch äußere oder innere Umstände in eine Situation getrieben, in der er quasi nicht Herr seiner Sinne war?

    Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob einer als mächtiger Mann seine Macht dazu missbraucht, andere zu schröpfen, zu betrügen oder gar zu töten, oder ob es ein armer Hund ist, der in seiner Verzweiflung aufbegehrt. Womit wir jenen Punkt erreicht haben, an dem sich auch heute noch Millionen Leser/-innen und Zuschauer/-innen mit den edlen Räubern und Rebellen identifizieren: Sie sehen in ihnen den Mut, den sie selbst nie aufbringen würden, sich gegen unaushaltbare Zustände aufzulehnen.

    Wenn die Mächtigen das Recht der anderen brechen

    Denn egal, ob Käsebier, Karasek oder Babinsky: Sie agierten in Zeiten der Not. Und auch viele andere der von Dietmar Sehn Porträtierten handelten aus schierer Ausweglosigkeit. Das geht schon bei Kunz von Kaufungen los, dem der Herzog die Rückgabe seiner Ländereien verweigerte. Der „Prinzenraub“ beschäftigt bis heute Autoren und Publikum – aber nicht, weil der engherzige Hezog sein Recht durchsetzen ließ und man mit den beiden Prinzen fiebert, sondern weil man diesen Kunz von Kaufungen versteht.

    So ratos steht so Mancher da, wenn ihm die Mächtigeren, Reicheren und Einflussreicheren Recht nehmen und Recht vorenthalten. Da hätte Sehn auch den Michael Kohlhaas mit aufnehmen können in seine Sammlung. Aber das hätte das Buch wohl gesprengt.

    Es hätte gleichwohl noch deutlicher gezeigt, warum Autoren sich gerade diese widerspenstigen und nur zu oft tragisch gescheiterten Figuren auswählen, um daran die Not des Menschen zu zeigen in einer Welt, in der es ohne Gesetze und Recht nicht geht. Und die trotzdem Ungerechtigkeiten schafft.

    Oder auch wirklich kaltblütige Kriminelle hervorbringt, jene Typen, die ganz und gar nicht mehr mit dem Recht zum Unrecht hadern, sondern rücksichtslos agieren und sich nehmen, was ihnen nicht gehört – so wie der Mörder des Dresdner Malers Kügelgen oder die Taschendiebesbanden vom Leipziger Hauptbahnhof, die mit der Leipziger Kriminalpolizei gemeinsame Sache machten.

    Wie (Boulevard-)Medien den Blick auf das Verbrechen veränderten und verzerrten

    Im Lauf des 19. Jahrhunderts geht Sehn natürlich auch zunehmend über, die Fälle aufzugreifen, die seitdem Stoff für Zeitungssensationen geworden sind. Hier verändern sich die Gewichte zusehends, weil jetzt nicht mehr das Volk selbst die Auswahl trifft und die Legenden um seine „Helden“ spinnt, sondern professionelle Redakteure, denen es um völlig andere Dinge geht: Auflage und Politik.

    Auf einmal werden die Kriminalfälle zur permanenten Anklage an Politiker und „Verantwortliche“. Ein auf den ersten Blick scheinbar demokratisches Element. Aber man merkt mit Verblüffung, dass man bei den Erzählungen zum Raub des Sophienschatzes, zu den „Zwölf Särgen“ (im geklauten Transporter) oder zum „Mord im Rotlichtmilieu“ auf einmal auf der „falschen Seite“ steht.

    Meist auf der Seite arroganter Boulevard-Redakteure, die nicht nur lauter Vorwürfe gegen Polizei und Politik heucheln, sondern auch mit Verachtung auf die Täter und erst recht die Opfer herabschauen. Als stünden sie als erhabene Richter über allen Dingen und wären selber so ohne Fehl und Tadel, dass sie derart rücksichtslos urteilen dürfen.

    Erinnern Sie sich noch an den „Sachsensumpf“?

    Sind das nun die heutigen Räubergeschichten? Nicht wirklich. Denn ihnen fehlt alles, was wirklich gute literarische Geschichten ausmacht: Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Identifikation mit den Opfern (die auch die Täter sein können, denn in den ganz großen Erzählungen der Literatur bedingt das Eine immer auch das Andere).

    Außer vielleicht in der Geschichte vom „Sachsensumpf“, die Dietmar Sehn auch noch kurz versucht zu erzählen und die dann fast beiläufig mit den ersten Geschichten in seiner Auswahl korrespondiert: Hier werden nämlich Mächtige zu Tätern, missbrauchen ihre Macht und lassen die Opfer und selbst die Ermittlungsbeamten hinterher erst recht spüren, dass man Mächtige nicht verdächtigen darf. Macht korrumpiert. Die Affäre ist fast vergessen.

    Aber es ist nicht die einzige zu Unrecht vergessene Geschichte, die Sehn in seine Sammlung aufgenommen hat. Denn das 20. Jahrhundert in Sachsen ist auch ein Jahrhundert der nicht aufgearbeiteten Geschichten. Mal war es den gerade Mächtigen nicht genehm, dass eine Sache aufgearbeitet wurde, mal waren sie selbst so unter Druck, dass sich niemand fand, die Tragödie wirklich als solche aufzuschreiben.

    So wie bei der Ermordung des sächsischen Kriegsministers Gustav Neuring 1919. Oder beim überraschend plötzlichen Tod des sächsischen Ministerpräsidenten Rudolf Friedrichs 1947, dem dann überraschend schnell 1950 auch noch sein Kontrahent Kurt Fischer folgte.

    Die Fakten verschwinden lassen im Schredder

    Natürlich scheitern Forscher da oft an einer Aktenlage, die nur noch davon erzählt, dass da jemand emsig besorgt gewesen war darum, alles Wesentliche zu vernichten und zu schreddern. Aktenschreddern ist in Sachsen eine lang geübte Kunst, wenn es darum geht, Verbrechen oder Versagen einfach verschwinden zu lassen.

    Aber man merkt genau hier schon zu deutlich, dass sich auch das Erzählen über große Heldenstürze und rätselhafte Todesfälle verändert hat – durch eine andere Medienlandschaft, durch andere Polizeiarbeit. Und durch mächtige Täter, die gelernt haben, wie man Spuren verwischt und öffentliche Wahrnehmung (und damit auch Geschichtsschreibung) manipulieren kann.

    „Das Verbrechen“, das es so nicht gibt

    Und damit ändert sich auch der Blick der Öffentlichkeit auf „das Verbrechen“, das es so eindeutig ja nicht gibt. Nur manchmal wird – wie in „Nervenkrieg in der Heide“ – fast ungewollt sichtbar, wie Menschen aus innerer Not handeln können, weil sie ihre Dämonen (in diesem Fall aus einem Auslandseinsatz der Bundeswehr) nicht los werden. Gute Krimi-Autoren kennen diese Nöte und Dämonen noch und schreiben gerade deshalb Romane, die bei ihren Leser/-innen ein tiefes Mitgefühl ansprechen.

    Die üblichen Medien aber, die sich auf Blut und Mord stürzen genau mit der Haltung, die sie den „Spannern“ am Tatort dann vorwerfen, kennen dieses Mitgefühl nicht. Respekt schon gar nicht. Denn zum Respekt gehört nun einmal auch hier: die Fähigkeit, den Anderen in seiner Not wenigstens zu erkennen.

    Verbrechen erzählen auch was über die Gesellschaft

    So gesehen ist Sehns Auswahl durchaus ein gelungener Versuch zu zeigen, wie sich unsere Sicht auf die großen Verbrechen und die manchmal berühmten Täter verändert hat. Oder eben auch nicht. Denn es ist ganz und gar nicht gesagt, dass die Lust der (Boulevard-)Medien an Mord und Verbrechen dieselbe ist, die Menschen heute noch fasziniert die Geschichten über Käsebier und Karasek lesen lässt und erschüttert Woyzeck auf der Bühne dabei zuschauen, wie er an der Welt und am Leben verzweifelt.

    Erst so wird ja begreifbar, dass „das Verbrechen“ immer auch von den Verwerfungen einer Gesellschaft erzählt, davon, dass etwas ganz Elementares nicht stimmt. Nur dass es die einen erdulden und ertragen und versuchen, trotzdem ein anständiger Mensch zu bleiben. Und andere überschreiten jene im Grunde unsichtbare Linie und werden zu Tätern.

    „Das Böse“ kann pure menschliche Not sein

    Meist ohne es wirklich gewollt zu haben. Mit dem fatalen Ergebnis, dass dann meist Unschuldige leiden. Und selbst Richter manchmal nicht wissen, ob da nicht der Falsche vor ihnen steht, während die eigentlichen Verursacher sich weiterhin als Saubermänner darstellen können.

    Denn wirklich zu großen literarischen Geschichten werden Kriminalfälle erst dann, wenn in den Sündern vor Gericht ihre menschliche Not sichtbar wird. Das, was einen braven Zeitgenossen froh sein lässt, nicht auf der Sünderbank sitzen zu müssen. Im Verbrechen spiegelt sich die Seele unserer Gesellschaft.

    Das zumindest hat sich seit den Tagen des Kunz von Kaufungen nicht geändert. Auch in Sachsen nicht, wie man hier in 33 ausgewählten Fällen nachlesen kann.

    Dietmar Sehn Historische Kriminalfälle aus Sachsen, Sutton Verlag, Erfurt 2021, 13,99 Euro.

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