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Die Blutnacht von Manor Place: Der zweite Band mit True-Crime-Geschichten aus der Feder von Arthur Conan Doyle

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    Wer den 2007 auch auf deutsch erschienenen Roman „Arthur & George“ von Julian Barnes gelesen hat, wusste schon, dass dieser Arthur Conan Doyle zwei Seelen in seiner Brust hatte. Einerseits war er der analytische Denker, der auch echte Kriminalfälle wie den um den zu Unrecht verurteilten George Edalji löste, andererseits war er am Ende seines Lebens überzeugter Spiritist und glaubte, Spiritismus könnte eine völlig neue Wissenschaft werden.

    2016 hat der Germanist Michael Klein schon einen der berühmtesten True-Crime-Fälle von Arthur Conan Doyle in einem Band im Morio Verlag vorgestellt: „Der Fall Oscar Slater“, ein echtes Geschenk für die Sherlock-Holmes-Freunde hierzulande, denn in diesem Fall demonstrierte Doyle akribisch, wie man mit reiner rationaler Überlegung die seltsamen Verirrungen einer überforderten Polizei korrigiert und die Spur des tatsächliche Täters findet.

    Seine Sherlock-Holmes-Geschichten waren ja auch deshalb so erfolgreich und beliebt, weil sie vor dem Hintergrund damaliger Polizeiarbeit regelrecht erfrischend wirkten. Warum, das macht nun auch dieser Band sichtbar, in dem Michael Klein vier wahre Fälle aus dem publizistischen Leben Arthur Conan Doyles versammelt. Denn wenn Doyle merkte, dass ein die Öffentlichkeit bewegender Fall augenscheinlich völlig falsch ermittelt worden war, dann scheute er sich nicht, zur Feder zu greifen und seine Fallanalysen auch in den großen Zeitungen des Landes zu veröffentlichen.

    Und weil das Publikum dem Autor des Sherlock Holmes auch zutraute, dass er genauso blitzgescheit war wie sein erfundener Held, zeigten diese Veröffentlichungen Wirkung. Auch der Fall Edalji hat ins Buch gefunden, sodass die Leser/-innen auch Doyles Orginal-Artikel dazu lesen können – nebst Ergänzungen durch Herausgeber Michael Klein, denn auch Julian Barnes‘ Roman von 2007 erzeugte in England jede Menge Aufmerksamkeit.

    Und kurz nach der Veröffentlichung kam gar noch ein Briefkonvolut zur Versteigerung mit Originalbriefen von Arthur Conan Doyle an jenen Polizeichef, der damals dafür sorgte, dass der Fall blutiger Tiertötungen rund um das Nest Great Wyrley und boshafte und denunziatorische Briefe, die den jungen Rechtsanwalt Edalji verdächtigten, nicht aufgeklärt wurden. Die Briefe machten dann auch etwas sichtbar, was Doyle wohlweislich nur am Rande diskutiert hatte: dass dieser Polizeichef augenscheinlich ein Musterexemplar eines Mannes mit rassistischen Vorurteilen war, der auch die Macht hatte, neue Ermittlungen zu verhindern.

    Doyle hatte guten Grund zu befürchten, dass so eine Polizeiarbeit das Vertrauen nicht nur in die englische Polizei erschüttert. Denn die Vorurteile dominierten dann auch den Prozess vor einem Laiengericht, das den unschuldigen George Edalji zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte, ohne dass ein einziger der von der Polizei vorgelegten Beweise auch nur die erste ernsthafte Begutachtung überstand.

    Und die Peinlichkeiten setzten sich fort, als auch das britische Innenministerium und eine eingesetzte Kommission nach Doyles erstem Artikel nicht loskamen von den ethnischen Vorurteilen, mit denen das letztlich zusammengeschusterte Beweismaterial gespickt war. Und es ist fast wie heute: Ein seltsamer Corpsgeist, der zu echter Fehlerkultur und dem Eingestehen von Fehlurteilen unfähig ist, mauerte auch dann noch weiter, als Doyle in einem zweiten großen Beitrag nachwies, dass der beschuldigte Edalji auch die verleumderischen Briefe nicht geschrieben haben konnte.

    Zuvor präsentiert Klein drei andere Fälle, in denen Doyle zur Feder griff, auch wenn er in den Fällen „Die Blutnacht von Manor Place“ und „George Vincent Parkers Liebesgeschichte“ nicht aufklären musste, wer der Mörder war. Dafür steht eher die Zurechnungsfähigkeit der Täter im Mittelpunkt. Der Fall der Mrs. Emsley hingegen gehört wieder in das Reich der Kriminalfälle, in denen die Polizei nicht wirklich ausermittelt hat und wichtige Zeugenhinweise einfach ignoriert hat.

    Wer Doyle liest, lernt eine Menge über die notwendigen Fähigkeiten von Ermittlern – und die Gefahren, wenn sie sich von Vorurteilen oder gar einer vorverurteilenden Presse manipulieren lassen.

    Umso verblüffender ist natürlich der dritte Buchteil mit den Doyleschen Versuchen, Fälle zu sammeln, in denen Geister und Träume zur Aufklärung von Morden beigetragen haben. Michael Klein findet eine gewisse Entschuldigung dafür, denn die blutige Tragödie des Ersten Weltkrieges trug natürlich dazu bei, dass viele Menschen die Trauer über den Tod geliebter Menschen mit der Sinnsuche im Spiritismus kompensierten – auch Doyle selbst.

    Aber die Fälle, die in „Ein neues Licht auf alte Verbrechen“ gesammelt sind, erinnern doch verblüffend an die berühmtesten Geister- und Schauergeschichten der damaligen Zeit. Da kann sich der hochbegabte Kriminalautor so anstrengen, wie er mag, und alle rationalen Erklärungen dieser meist sehr historischen Fälle ausschließen – es gelingt ihm nicht. Auch deshalb nicht, weil er – anders als in den vorigen Fällen – weder die Polizeiakten kennt noch die Aussagen aller Beteiligten.

    Er muss sich auf das verlassen, was schriftlich überliefert ist. Aber was überliefern geistergläubige Zeitzeugen, wenn sie überzeugt sind davon, dass es da mystische Verbindungen selbst über riesige Distanzen gibt? Da ist dann das Mystische das Erzählenswerte, das natürlich auch die Sicht auf den Fall verstellt und mögliche andere Erklärungsansätze gar nicht erst überliefert.

    Ein Zwiespalt, auf den ja auch schon Julian Barnes in „Arthur & George“ einging. Immerhin trat Doyle ja sogar als Redner auf, um den Spiritismus als neue Wissenschaft zu erklären, der ja schon ganz ähnliche Vorläufer im Okkultismus und im Mesmerismus hatte. Natürlich ist „Arthur & George“ ein sehr detaillierter Versuch, auch die Persönlichkeit von Arthur Conan Doyle besser zu verstehen (was die Faulpelze unter den Rezensenten geradezu als Zumutung empfanden).

    Denn kaum ein Autor ist so typisch für die gern vergessene Tatsache, dass selbst der rationalste Mensch seine dunklen Seiten hat. Gerade das zeichnete ja auch Sherlock Holmes aus, der seine Fälle auch deshalb löst, weil er die irrationalen Denk- und Handlungsweisen aller Beteiligten mit einkalkuliert. Ebenso wie ihre Vorurteile, uneingestandenen Manien und seelischen Abgründe.

    Alles Dinge, die ja bei aller Entwicklung der Kriminaltechnik nicht verschwunden sind. Was das rationale Denken der Ermittler nur umso mehr herausfordert. Was aber eben Träume und Hellseher/-innen nicht wirklich zu geeigneten Ermittlungsinstrumenten macht, auch wenn es Arthur Conan Doyle empfiehlt. Und trotzdem sind diese „alten Verbrechen“ eine schöne Herausforderung auch im Doyleschen Sinn, auch wenn man seinen Erklärungen nur kopfschüttelnd folgt.

    Denn sie regen geradezu an, Doyles hingeworfene Urteile zu hinterfragen und selbst zu überlegen, ob hinter den alten Erzählungen nicht auch rationale Erklärungen stecken können, die durch die als sensationell empfundenen Träume und Wahrsagungen eher verdeckt und verdrängt werden. Oder ob gar die berühmten „Erinnerungen“ von Zeugen dahinterstecken, die ihre Erinnerungen durch später Erlebtes und Gehörtes regelrecht neu konstruieren.

    Die meisten Menschen sind nun einmal sehr schlechte Zeugen und ihr Gehirn konstruiert auch die Vergangenheit immer wieder neu. Etliche dieser alten Fälle sehen genau so aus. Und vor allem stammen sie alle aus einer Zeit, in der es eine richtige Polizeiarbeit entweder noch gar nicht gab oder erst in rudimentären Ansätzen, in der all die wissenschaftlich basierten Ermittlungsmethoden, die praktisch erst zu Doyles Lebzeiten entwickelt wurden, noch gar nicht existierten.

    Man vergisst ja so leicht, dass Sherlock Holmes auch deshalb so faszinierte, weil er genau diese modernen Methoden immer wieder resolut anwendet und die harten Fakten seiner kleinen Experimente dem scheinbar längst gelösten Fall eine völlig andere Wendung geben.

    Sherlock Holmes war praktisch der Pionier unter den rational arbeitenden Detektiven. Es überrascht also nicht, dass sein Autor durchaus auch mal zur Irrationalität neigte – übrigens wie der Großteil seiner Zeitgenossen. Das alte Denken verschwindet ja nie sofort, wenn das neue sich erstmals ans Licht wagt.

    Im Gegenteil: Es zieht sich gern noch das Mäntelchen des Neuen an und versucht ein triumphales Comeback – was in der aktuell lebenden Generation ja auch fast immer funktioniert, weil die meisten Menschen lieber an mystische Erscheinungen glauben, als die Welt und eben auch ihr Leben mit nüchterner Rationalität zu betrachten. An unsichtbare Mächte zu glauben ist so verführerisch, wenn man Angst davor hat, sein Leben und Denken ändern zu müssen.

    Ich hätte ja jetzt gern noch schnell ein passendes Sherlock-Holmes-Zitat angefügt. Aber da werde ich meine Sherlock-Holmes-Sammlung wohl selbst durchpflügen müssen, denn die wilden Zitate-Sammlungen im Internet glänzen allesamt nur bei einem Punkt: fehlenden Quellenangaben. Und bei Wikiquote, wo man Wert auf Quellen legt, hat sich noch niemand gefunden, der die Sherlock-Holmes-Erzählungen mal systematisch durcharbeitet. Aber zumindest findet man dort unter den wenigen Zitaten den Titel der jeweiligen Erzählung, aus der das Zitat stammt. Das berühmteste stammt aus „The Boscombe Valley Mystery“: „Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“.

    Da steckt eigentlich der ganze Sherlock Holmes drin und der halbe Arthur Conan Doyle.

    Arthur Conan Doyle Die Blutnacht von Manor Place, Morio Verlag, Heidelberg 2020, 22 Euro.

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