Am Ende rollt ein Kopf und es sieht ganz so aus, als hätte es da im kleinen Herzogtum Anhalt einen jener Justizirrtümer gegeben, die besonders tragisch sind, weil sie einen Menschen das Leben kosten, der möglicherweise mit der blutigen Tat nichts zu tun hat. Der Kopf rollt am 15. August 1885 im Hof der Strafanstalt Coswig. Neun Monate nach den Ereignissen, die Antje Penk in diesem Buch erzählt.

Antje Penk ist eigentlich Lehrerin. 1972 geboren, hat sie aber seit 2010 auch einige Bücher mit authentischen Kriminalfällen verfasst und 2017 einen Wittenberg-Krimi veröffentlicht. Aber was sie in diesem Buch beschreibt, hat so ähnlich wohl wirklich stattgefunden. Das Urteil von 1885 ist dem Buch genauso als Faksimile beigegeben wie das Gnadengesuch des Mannes, der am 15. August 1885 sterben wird.

Wahrscheinlich unschuldig. Auch Johannes Abendroth, der Polizeidiener von Wörlitz, glaubt nicht an die Schuld des manchmal unbeherrschten Ewald Preitz, der in Wörlitz seinen Ruf weghat und sich in der Nacht, als der Tabakhändler Christian Stange ermordet wird, seltsam verhält. Antje Penk hat Abendroth zu ihrem Helden gemacht. Denn augenscheinlich erzählen seine Ermittlungsberichte in der Kriminalakte eine Geschichte, die dem am 21. März 1885 gefällten Urteil nicht entspricht.

Selbst der Staatsanwalt plädierte für eine lebenslange Haft statt eines Todesurteils. Denn die Zweifel, dass Preitz – gar allein – der Täter war, sind groß. Vieles deutet auf die Mitschuld von Stanges Ehefrau Minna hin. Und dieses Viele steht in den Berichten, die der Polizeidiener Abendroth jeden Tag an die Staatsanwaltschaft schickte.

Das Urteil der Wörlitzer Gerüchteküche, wer der Täter gewesen sein muss, steht schon früh fest. Aber Abendroth hat seine Zweifel. Er scheint sogar auf dem neuesten Stand der Polizeiarbeit zu sein, was diese Geschichte zu etwas Besonderem macht, denn die Entwicklung der Kriminalpolizei als eigenständige Abteilung war erst im Gange. Und sie fand damals zuerst in den Großstädten statt. Um 1885 war jenseits der Großstädte noch gar nicht daran zu denken, dass es so spezialisierte Polizisten gab.

Aber dieser Abendroth behandelt den Fall auf sehr moderne Art: Er sichert Beweise, befragt Zeugen, lässt sich auch von der frühzeitigen Verhaftung des Verdächtigen nicht beirren. Und er findet zu viele Verdachtsmomente, die das Verbrechen in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und das will etwas heißen in einem Nest wie Wörlitz, das selbst heute nur 1.400 Einwohner hat. Auch wenn der benachbarte Wörlitzer Park schon die ersten Reiselustigen aus aller Welt anlockt, was natürlich die Wirte im Ort freut.

Aber das ändert das Leben der Einwohner noch nicht wirklich. Das kulturelle Leben besteht aus wöchentlichen Likörverkostungen beim Kaufmann, wer auch nur in die nächsten größeren Orte will, muss den Kutscher bestellen. Aber Abendroth läuft meistens zu Fuß – auch in die Nachbardörfer, mal auf der Suche nach einem geheimnisvollen Mexikaner, mal zur Überprüfung des Alibis für den Hauptverdächtigen – das sich leider nicht bestätigen lässt.

Es erwischt den letztlich Angeklagten also nicht zufällig. Die große Klappe, mit der der Schlosser sonst seine Landsleute einschüchtert, wird ihm zum Verhängnis, wie es aussieht. Und nur dieser Abendroth lässt nicht locker, rückt auch der jungen Witwe auf die Pelle. Wahrscheinlich zu sehr. Sie wehrt sich und streut Gerüchte, die auch die zarten Liebesbande des jungen Polizeidieners gefährden. Ist das hinzuerfunden? Wer weiß.

Antje Penk erzählt ganz bestimmt nicht so trocken, wie es in den damaligen Gerichtsakten steht. Sie gibt dem Ort eine dichte Atmosphäre, lässt die Herbsttage kalt und trüb werden. Und sie versucht auch das Leben ihrer Figuren möglichst authentisch zu malen – bis hin zu den ziemlich armseligen Behausungen einiger Beteiligter, die sich so deutlich unterscheiden von der Villa des scheinbar so reichen Tabakhändlers, den es ausgerechnet in den Geburtsort seiner Frau verschlagen hat.

In Mexiko scheint er kein Glück gehabt zu haben, in Bremen wollte ihn augenscheinlich seine Familie nicht unbedingt in der Nähe haben. Immer mehr entpuppt sich die eigentliche Lebenstragödie des Mannes, der am 24. Oktober 1884 so dramatisch ums Leben kam. Aber dann kommt der Tag, an dem Abendroth amtlich und freundlich gebeten wird, seine Bemühungen einzustellen. Die Chance, den Fall wirklich bis zu Ende aufzuklären, wird ihm genommen.

Der Leser hat freilich an diesen zunehmend kälter und trüber werdenden Tagen Ende Oktober, Anfang November ein gut Teil jenes Wörlitz kennengelernt, wie es damals gewesen sein mag. Ohne elektrisches Licht, ohne Zentralheizung. Immer wieder sieht man den emsigen Polizeidiener beim Feuermachen. Oder sein prächtiges Zuchtkarnickel füttern. Zum Glück hat er eine Schwester, die sich auch noch um seinen Haushalt kümmert. Dazu gibt es noch ein kleines Extra-Drama.

Man merkt schon, dass hier eine Frau schreibt, die weiß, wie gern Männer die Mühen eines gut geführten Haushalts übersehen. Andererseits hat sie aus ihrem emsigen Abendroth einen sympathischen Helden gemacht, keinen von der Bosheit der Welt deprimierten Polizeier, wie sie heute in Kriminalromanen wimmeln.

Dieser Mann sieht seine Arbeit als Mission. Er will sie gut und gründlich tun. Und gar so viele Morde gab es ja in Wörlitz bestimmt nicht. Möglich, dass der Mann später noch Karriere machte. Zumindest den Staatsanwalt muss seine Arbeit beeindruckt haben.

Aber man merkt es ja schon: Das Gericht selbst war völlig zufrieden, einen Mörder präsentiert zu bekommen. Wozu dann noch eine Verkomplizierung des Falls? Selbst das Gnadengesuch des Ewald Preitz liest sich eher ungeschickt – aber vertraut. So reagiert ein Mensch, der in seinem Leben immer wieder mit unbegründeten Beschuldigungen und Verdächtigungen zu tun bekommt, aber auch nie gelernt hat, sich dagegen zu wehren. Das gilt nicht nur für das neblige 19. Jahrhundert. Das gilt auch heute noch. Und dann entgleisen Lebensläufe – manchmal wegen einer Kleinigkeit.

Aber genau das ist es, was diesen mutmaßlichen Täter nicht wirklich zu diesem Mord passen lässt. Aber Abendroth sind die Hände gebunden. Und dann ist die Geschichte aus, die Akte abgeschlossen.

Da bleibt nur noch die Phantasie, wie es weiterging mit all den Protagonisten in Wörlitz, die man kennengelernt hat, alle sehr lebendig gemalt von der Autorin. Man merkt schon, dass sie ihrem Personenensemble gerecht werden wollte. Und auch, dass sie ihrem Abendroth ein bisschen Glück wünscht im Leben. Auch als Gegenentwurf zu diesem Pech, das den Tabakhändler Christian Stange das Leben kostete.

Antje Penk Der Tabakhändler, Lychatz Verlag, Leipzig 2018, 19,95 Euro.

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