Ist das schon Industrie 4.0 oder ist wieder mal der Roboter Vater des Gedankens?

Da entwickelt sich was. In kleinen Schritten. Zumindest hat Prof. Holger Müller das Gefühl. Er ist Professor für Supply Chain Management an der der HTWK Leipzig, also so etwas wie Professor für Beschaffungsketten in der Wirtschaft. Es könnte durchaus ein Teil von „Industrie 4.0“ sein: die zunehmende Nutzung von intelligenten Systemen im Einkauf. Aber die meisten Unternehmen sind da nicht ganz so euphorisch.
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Oder mit der Wortwahl der HTWK zum Thema: „Die Mehrheit der deutschen Unternehmen steht den Themen Digitalisierung, Vernetzung und Industrie 4.0 noch sehr zurückhaltend gegenüber. Die meisten sind weit davon entfernt, das Innovationspotenzial des ‚Internet der Dinge‘ für die Beschaffung ihres Unternehmensbedarfs auszunutzen. Dagegen können die wenigen Best-Practice-Unternehmen ihren Entwicklungsfortschritt auf diesem Gebiet weiter ausbauen.“

Das sind zentrale Ergebnisse einer gemeinsamen Studie von Prof. Holger Müller, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig), und Prof. Ronald Bogaschewsky, Universität Würzburg. Eine nicht ganz unabhängige Studie. Das muss hinzugefügt werden.

Die Studie „Digitalisierung, Vernetzung, Industrie 4.0 in Einkauf & Supply Chain Management – heute und morgen“ wurde im Auftrag des Deutschen Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) durchgeführt und vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ) sowie dem Software-Unternehmer Allocation Network unterstützt.

Prof. Ronald Bogaschewsky und Prof. Holger Müller untersuchen seit 2006 jedes Jahr, wie die Digitalisierung Einkauf und Beschaffung in Deutschland verändert.

An der Befragung nahmen zwischen November 2016 und Februar 2017 insgesamt 262 Unternehmen aus Industrie, Dienstleistungsgewerbe, Handel und öffentlichen Institutionen teil.

Die zentralen Studienergebnisse wurden am Dienstag, 14. März 2017, vor mehr als 1.000 Teilnehmern auf den 8. BME-eLÖSUNGSTAGEN in Düsseldorf vorgestellt.

Es ist ein wenig wie beim fahrerlosen Auto: Ein Teil der Branche versucht das Thema mit aller Macht möglichst schnell durchzudrücken und zum Marktstandard zu machen. Aber nicht alle Beteiligten sind begeistert. Etliche setzen nach wie vor lieber auf persönliche Begegnungen und Verhandlungen auf Augenhöhe.

Aber die Vision der Beschaffungsbranche tendiert derzeit zum „fahrerlosen Auto“: Man träumt von vollautomatisierten Bestell- und Lieferketten, in denen kluge Maschinen automatisch die preiswertesten Angebote, schnellsten Lieferwege und besten Alternativen finden. Ein Modell, das quasi die weltweite Verfügbarkeit aller möglichen Produkte, Rohstoffe und Dienstleistungen einspeichert und dazu nutzt, die Logistik zu optimieren.

Jedes Unternehmen benötigt Materialien und Services, um die eigenen Endprodukte zu fertigen, um mit diesen zu handeln oder um Dienstleistungen anzubieten. Die möglichst effiziente und kostengünstige Beschaffung dieser Güter ist damit ein zentraler Faktor für unternehmerischen Erfolg, betont zumindest die HTWK, wo man die Optimierung solcher Lieferketten lernen kann. Um damit dann wieder Kosten zu senken.

Holger Müller erklärt es so: „Das Internet der Dinge macht es möglich, Waren bei Bedarf automatisch zu bestellen und zu liefern. Man kann sich das vorstellen wie einen intelligenten Kühlschrank, der nicht nur verbrauchte Lebensmittel selbst nachbestellt – und das bevorzugt dann, wenn sie gerade ein Sonderangebot sind – sondern der auch vorausschaut und weiß, dass am Wochenende höchstwahrscheinlich Besuch kommt und hierfür eine spezielle Lieblingsschokolade benötigt wird. Für den privaten Alltag mag das unheimlich klingen, aber für Unternehmen verbirgt sich darin ein enormes Potenzial, Kosten zu reduzieren und – was viel wesentlicher ist – die für sie wesentlichen Beschaffungsmärkte und Lieferketten strategisch zu bearbeiten. Doch vor allem kleine und mittelständische Unternehmen kämpfen aktuell noch mit der Digitalisierung der operativen Abwicklungsprozesse im Einkauf und beschäftigen sich – wenn überhaupt – nur in ersten Ansätzen mit der intelligenten Vernetzung im Sinne von Industrie 4.0.“

In der Studie zeigte sich freilich, dass nur 14 Prozent der befragten Unternehmen die einfachen Bestellprozesse schon komplett automatisiert haben. Von den verbleibenden Unternehmen gab aber fast die Hälfte an, dass sie aus diesen Basisprozessen keine Wertschöpfung für das Unternehmen ziehen.

Holger Müller sieht in dieser Automatisierung freilich einen Weg, Kosten zu sparen: „Damit setzt sich zunehmend durch, dass der Einkauf nicht auf ‚Besteller‘ reduziert werden darf – sein Wert liegt in der Gestaltung und Steuerung von weltweiten Lieferketten sowie der Beziehungen und Partnerschaften zu Lieferanten.“

Ein Punkt, an dem wahrscheinlich viele Befragte gestutzt haben. Denn Beziehungen und Partnerschaften zu Lieferanten hält man am besten auf dem persönlichen Wege. Man ruft ja nicht nur an, um 20 Paletten Rohlinge zu ordern oder den Preis für 10 Tonnen Kies auszuhandeln.

Es ist wirklich wie beim großen Indianerztanz um die selbstfahrenden Autos: Menschen handeln doch nicht nur miteinander, um am Ende aufs i-Tüpfelchen optimierte Abläufe zu haben. Handel ist nach wie vor eine zutiefst zwischenmenschliche Aktion, oft genug sogar ein Geben und Nehmen. Man trifft sich nicht nur, um den Anderen zum günstigsten Angebot zu überreden, sondern oft genug zum beiderseitigen Vorteil. Auch um Probleme zu klären, Schlachtpläne zu machen, neue Möglichkeiten auszuloten und – was Maschinen einfach nicht können – gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Wer so etwas immer wieder macht, weiß, was für komplexe Beziehungen da entstehen.

Ob das mit Algorithmen gefütterte Maschinen genauso können?

Für Müller ist das aber eine niedrigere Stufe dessen, was er selbst tut. Eine überhaupt nicht optimale Stufe der Digitalisierung.

Beispielsweise geben über 60 Prozent der Befragten an, mit ihren Lieferanten in Fragen des Qualitätsmanagements ausschließlich traditionelle Kommunikationswege (Telefon, Fax, E-Mail) zu nutzen. Und nur 3 Prozent der Unternehmen sehen sich in der Lage, Risiken in der Versorgungskette durch intelligente Suchalgorithmen identifizieren zu können.

Und dann wird es schwierig. Denn ein Fazit der Studie ist: Der Einkauf als Bindeglied zwischen Unternehmen spiele eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung innerhalb der Industrie 4.0. Die Befragung zeige, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen sei.

Holger Müller: „Dieser Weg kann nur gelingen, wenn im Unternehmen alle Funktionen im Wertschöpfungsprozess inklusive des Einkaufs als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden.“

Das mündet natürlich irgendwann in eine komplette Logistik, in der jeder Abschnitt durchdigitalisiert ist und in Liefersysteme, die sich selbst regulieren – und möglicherweise auch optimieren.

Was sich dann wieder mit fahrerlosen Lkw trifft, die – von Algorithmen aufgefordert – durch die Lande fahren.

Aber es sieht auch ganz nach einem weiteren Schritt aus, den Menschen auch aus der Lieferlogistik der Unternehmen wegzuoptimieren. Dann sitzen die Logistiker und Dispatcher nur noch in großen Schaltzentralen und überwachen ein System, das alles selbst organisiert. Aber die Befragung zeigt auch: Die Industrie ist ganz und gar nicht homogen. Manche hochautomatisierte Unternehmen werden den Weg wohl gehen.

In anderen Branchen sorgen die realen Umfeldbedingungen dafür, dass man gar nicht alles automatisieren kann. Aus der Studie zitiert: „Ob sich der Großteil der Unternehmen hieran orientieren wird, hängt jedoch auch von Faktoren ab, die die individuelle relative Vorteilhaftigkeit der Lösungen  beeinflussen, wie bspw. Industriezugehörigkeit, Wertschöpfungstiefe, Stellung in der Wertkette, fremdbeschaffte Güter, Transaktionshäufigkeiten und letztlich auch von der  Beschaffungsstrategie. Unbenommen  dieser Aspekte dürfte aber der Trend zu einer stärkeren IT-Unterstützung in den Prozessen und Aufgabengebieten von Einkauf und SCM eindeutig sein.“

Das aber ist eben noch nicht „Industrie 4.0“, die eher für jene kleine Zahl von Industrieunternehmen interessant ist, die schon jetzt hochautomatisierte Liefer- und Bestellketten haben. Die Mehrzahl der Unternehmer wird wohl weiter mit ihren Kunden und Lieferanten reden wollen – so von Mensch zu Mensch. Und in beiderseitigem Interesse. Womit die 2017er Studie die Studie von 2016 bestätigt. Nicht alle träumen von „Industrie 4.0“.

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HTWKIndustrie 4.0
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