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Der „lange Arm“ benachteiligter Lebensbedingungen

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    Härtere Arbeit, geringere Anerkennung, schlechtere Ernährung, weniger Geld für Fitness und Erholung ... Es gibt viele Gründe, warum ärmere Menschen früher sterben als reiche. Es gibt noch ein paar Faktoren mehr, wie ein jetzt veröffentlichtes Papier der Leopoldina zeigt. Aber es hat fast immer mit Geld und Einkommen zu tun, denn das entscheidet auch über Bildungswege und ungesunde Lebensweisen.

    Die Lebenserwartung in Deutschland ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Gründe dafür sind wachsender Wohlstand, sozial- und arbeitspolitische Verbesserungen und der Zugang der Bevölkerung zu einem leistungsfähigen Gesundheitssystem. Diese Faktoren scheinen allerdings nicht allen sozialen Schichten gleichermaßen zugute zu kommen. Denn immer noch sterben Menschen mit geringerem sozialem Status viele Jahre früher als sozial bessergestellte Menschen. Dies konstatiert das von Prof. Dr. Johannes Siegrist und Prof. Dr. Ursula M. Staudinger herausgegebene Papier mit dem Titel „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf“. Die Autorinnen und Autoren der darin veröffentlichten Beiträge untersuchen, welche Einflüsse in verschiedenen Abschnitten des Lebens zu dieser Ungleichheit beitragen und wie man diese mindern kann.

    Unterschiede in der Sterblichkeit durchziehen die gesamte soziale Schichtungsstruktur der Gesellschaft. Bereits die Mitglieder der zweithöchsten von fünf Einkommensschichten haben eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung als die der obersten Schicht, schreiben Siegrist und Staudinger in ihrer Einleitung. Dieser Trend setze sich auf jeder nachfolgenden Stufe der Einkommensdifferenzierung fort. Der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen der niedrigsten und der obersten sozialen Schicht beträgt mehr als acht Jahre bei Männern und mehr als vier Jahre bei Frauen und ist einer der am besten gesicherten Befunde der epidemiologischen Forschung.

    Aber wie die unterschiedlichen Faktoren wirklich wirken, ist unter Forschern noch Diskussionsgegenstand. Denn oft werden die Grundlagen für ein gesundheitsschädliches Verhalten schon früh gelegt, wie es im Papier ebenfalls nachzulesen ist: „Neben gesundheitsschädigendem Verhalten stellen ungünstige Wohn- und Umweltbedingungen während der Schwangerschaft und in früher Kindheit weitere Vulnerabilitätsfaktoren dar, ebenso chronische psychosoziale Stresserfahrungen in der Eltern-Kind-Beziehung. Im Prozess der primären Sozialisation werden die affektiven, kognitiven, motivationalen und moralischen Aspekte individueller Entwicklung entscheidend geformt. Dabei beeinflussen schichtspezifische Sozialisationsstile die Ausbildung individueller Fähigkeiten und Kompetenzen, mithin auch die Ressourcen zur Bewältigung gesundheitsrelevanter Herausforderungen.“

    Welche Spanne sich da auftut, macht diese Gegenüberstellung sichtbar: „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf: Neue Forschungsergebnisse für Deutschland und ihre Bedeutung für die Prävention. So wurde beispielsweise deutlich, in wie starkem Ausmaß der ,lange Arm‘ benachteiligter Lebens- und Arbeitsbedingungen im mittleren Erwachsenenalter in die nachberufliche Phase des Lebens hineinwirkt. Diese erhöhen nicht nur die krankheitsbedingte Frühinvalidität, sondern schränken auch Lebensqualität und soziale Teilhabe im dritten Lebensalter ein.

    Schließlich setzt sich die soziale Beeinflussung von Morbidität und Mortalität weit über das 80. Lebensjahr hinaus fort. Wenn diese im Vergleich zur mittleren Lebensphase weniger stark ausgeprägt ist, liegt dies vor allem an der erhöhten Frühsterblichkeit von Mitgliedern niedrigerer sozialer Schichten.

    Andererseits profitieren sozial bessergestellte Frauen und Männer im höheren Lebensalter von den Chancen aktiven Alterns, unter anderem mittels gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung und Aktivitäten wie Ehrenamt und Betreuung. Sie sind besser in der Lage, physische und mentale Einschränkungen zu kompensieren und jene Eigenschaften selektiv weiterzuentwickeln, welche ihre Lebensenergie, Zufriedenheit und soziale Einbindung stärken. Schließlich werden die Chancen gesunden Alterns durch die Aktivierung des in früheren Lebensphasen gebildeten kulturellen Kapitals und des bereichsspezifisch erworbenen Wissens erhöht.“

    Die am Dienstag, 3. September, erschienene Leopoldina-Publikation „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf“ enthält Kurzfassungen von Beiträgen einer gleichnamigen Tagung, die im November 2018 in Berlin stattgefunden hat. Dabei wurden drei Zielsetzungen verfolgt: Erstens sollten die Referentinnen und Referenten einen möglichst aktuellen und gesicherten Wissensstand vorstellen. Dazu wurde Expertise aus verschiedenen Disziplinen einbezogen, insbesondere der Epidemiologie, der Soziologie, der Psychologie und der Ökonomie. Zweitens sollte der wissenschaftliche Diskurs im Vordergrund stehen. Unter anderem thematisieren die Beiträge deswegen ungelöste Fragen und Widersprüche bezüglich der Kausalität von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit. Drittens lag ein Fokus auf der Perspektive des Lebensverlaufes. Dabei gehen die Autorinnen und Autoren der Frage nach, in welchem Lebensabschnitt in Abhängigkeit von der sozialen Lage welche Weichen für Gesundheit und Krankheit gestellt werden.

    Leopoldina-Forum Nr. 2: „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebensverlauf ‒ Neue Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung für die Prävention“, Hrsg.: Johannes Siegrist und Ursula M. Staudinger, ISBN 978-3-8047-4034-1, 58 Seiten.

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