Wir brauchen eine Landwirtschaft, die die biologische Vielfalt bewahrt und nicht zerstört

Für alle LeserIm kommenden Jahr trifft sich die internationale Staatengemeinschaft in China, um das globale Rahmenwerk für die biologische Vielfalt nach 2020 zu verabschieden. Stärker als bislang sollten darin wissensbasierte Prinzipien einer ökologischen Landwirtschaft verankert sein, fordert ein internationales Wissenschaftler-Team, darunter Prof. Josef Settele vom UFZ, in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution. Mehr als 360 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben weltweit ihre Zustimmung zu diesem Meinungsbeitrag bekräftigt.

Die Landwirtschaft sichert das Überleben der wachsenden Weltbevölkerung, und nimmt derzeit dafür etwa ein Drittel der Landmasse der Erde in Anspruch. Doch die anhaltende Umwandlung naturnaher Lebensräume in landwirtschaftliche Nutzfläche, verbunden mit der zunehmenden Intensität der Produktion, der den starken Einsatz von Agrochemikalien einschließt, haben negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Landwirtschaft, so wie sie derzeit praktiziert wird, für die Gefährdung von rund 62 Prozent aller bedrohten Arten weltweit verantwortlich ist.

Doch das müsste nicht so sein. Bei entsprechender Gestaltung könnten Agrarlandschaften sowohl die Ernährung sichern als auch Lebensräume für die biologische Vielfalt bieten, die Vernetzung zwischen Schutzgebieten fördern und die Fähigkeit der Arten erhöhen, auf Umweltbedrohungen zu reagieren – schreibt ein internationales Wissenschaftlerteam in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“.

Unterstützt von über 360 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 42 Ländern plädieren die Forschenden deshalb dafür, wissensbasierte Prinzipien einer ökologischen Landwirtschaft stärker als bislang in das globale Rahmenwerk der UN zur Erhaltung der biologischen Vielfalt nach 2020 zu integrieren.

Im Kern ihrer Forderungen steht eine diversifizierte Landwirtschaft – von der Landschaftsplanung über konkrete Nutzungskonzepte bis hin zur Vermarktung sowie Kommunikation mit allen Beteiligten. Zum Beispiel verbessern diversifizierte Nutzungskonzepte landwirtschaftlicher Flächen die biologische Vielfalt und die Bestäubung und verringern die Auswirkungen von Krankheitserregern und Schädlingen.

Sie tragen außerdem dazu bei, die Schutzziele in angrenzenden Schutzgebieten zu erreichen, die zunehmend unter den Auswirkungen einer intensiven Landnutzung in den umliegenden Gebieten leiden.

Bestimmte ökologische Praktiken können zudem den Einsatz synthetischer Pestizide, eine wesentliche Ursache für den Verlust der biologischen Vielfalt, erheblich reduzieren. Ein effektiverer Einsatz von Düngemitteln kann die Nährstoffbelastung verringern und die Auswirkungen auf das Klima mildern, weil kohlenstoffbindende Bodenmikroorganismen erhalten bleiben. Kombinierte Anbausysteme wie Agroforstsysteme können den Ausstoß von Treibhausgasen verringern.

Neben dem Schutz der Umwelt und der biologischen Vielfalt profitieren aber auch die Landwirte von einer höheren Diversität – etwa durch erhöhte wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, geringere Abhängigkeit von agrochemischen Betriebsmitteln und in Subsistenzsystemen durch vielfältigere und nahrhaftere Nahrungsmittel. Ertragsunterschiede zwischen konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise werden sich durch neue Nutzpflanzensorten, kombinierte Anbausysteme und technologische Innovationen künftig weiter verringern.

Die geforderte Diversität sollte sich aber auch auf Instrumente erstrecken, die der Implementation und Umsetzung konkreter ökologischer Prinzipien und Maßnahmen dienen. Dazu zählen die Stärkung globaler Netzwerke, der Ausbau technischer Innovationen und die Verbesserung der Kommunikation zwischen Politik und Praxis. Die Autoren betonen, wie wichtig es ist, mit Landwirten, indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten, sie zu unterstützen und auch ihr Wissen und ihre Sichtweisen einzubeziehen.

Dr. Thomas Cherico Wanger von der Westlake University China und der Universität Göttingen und Erstautor des Artikels: „Die Bedeutung der Agrarökologie für die Veränderung der Landwirtschaft und den Schutz der Biodiversität wurde von vielen hochrangigen Organisationen, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und von Praktikern anerkannt, was sich auch in der Anzahl und Zugehörigkeit der Unterzeichner des Artikels widerspiegelt. Nach unseren positiven Gesprächen mit Vertretern der COP15 hoffe ich, dass er dazu beitragen kann, die Diskussionen in der politischen Arena anzuregen und einen wirklichen Einfluss auf die landwirtschaftlichen Produktionssysteme zu nehmen“.

Professor Josef Settele vom UFZ, Mitverfasser und Ko-Vorsitzender des Globalen Berichtes des Weltbiodiversitätsrates IPBES fügt hinzu: „Die Art und Weise wie wir künftig unser Land nutzen, wird mitentscheiden, ob wir den Verlust an biologischer Vielfalt stoppen können. Aber die Landwirte allein können das nicht schaffen. Handlungsbedarf besteht für die Politik ebenso wie über die gesamte Versorgungskette – von der verarbeitenden Industrie über den Vertrieb bis hin zu den Verbrauchern“.

Publikation: Wanger et al. „Integrating agroecological production in a robust post-2020 global biodiversity framework“, Correspondence in Nature Ecology & Evolution (2020).

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