Die Uni Leipzig hat einen Neuen. Mit der Berufung von Prof. Dr. Martin Saar auf die Professur für Politische Theorie am Institut für Politikwissenschaft beweist die alte Alma mater lipsiensis, dass sie dann, wenn Spielräume für Neubesetzungen bestehen, auch mutige Entscheidungen trifft. Saars Steckenpferd ist ein Thema, das sonst in der Politikwissenschaft gern "vergessen"" wird: die Macht.

Kritik und neue Fragen sind für Prof. Dr. Martin Saar ebenso relevant wie neue Antworten, wenn es um “Politische Theorie” geht. Seit dem Sommersemester 2014 hat der Wissenschaftler der Universität Leipzig die Professur inne, teilt die Universität mit. In Forschung und Lehre widmet er sich insbesondere neuzeitlichen und modernen politischen Theorien. “Innerhalb meiner Forschungsfelder untersuche ich die Echos und Prägungen vergangener Epochen im heutigen politischen Denken. Politische Theorie hat eine ideengeschichtliche Seite und reflektiert heute politische Probleme, Krisen und Handlungsoptionen”, sagt Saar.

Das klingt jetzt mal ganz trocken. Aber er macht das, was in den Geisteswissenschaften meist ganze Welten eröffnet: Er verändert die Sichtweise auf sein Arbeitsgebiet und nutzt dazu das Ideenreservoir der frühen Aufklärung.

“Zum einen beschäftige ich mich aus historischer Sicht mit politischer Ideengeschichte besonders des 17. Jahrhunderts, also der ,Frühen Neuzeit’, und des 19. Jahrhunderts, in dem die ,Moderne’ im engeren Sinn geboren wurde”, erklärt der 43-Jährige. “In systematischer Hinsicht frage ich zum anderen nach den Grundbegriffen und zentralen Konzeptionen, mit denen sich Politik heute beschreiben und erklären lässt.”

Hierbei steht für den gebürtigen Tübinger der Begriff der Macht im Vordergrund. Wichtige Verbindungen zu den anderen Großkategorien des Politischen – wie Staat, Recht und Legitimität – lassen sich ihm zufolge herstellen.

Nachlesbar ist das auch schon. 2013 erschien im Suhrkamp Verlag sein Buch “Die Immanenz der Macht – Politische Theorie nach Spinoza”. Eine Leseprobe auf der Website des Suhrkamp Verlags macht schon mal sichtbar, wohin die Reise da geht. Denn aus der Ideenwelt Spinozas arbeitet Saar darin zwei wesentliche Aspekte zur Machttheorie heraus. Verknappt kann man sagen: Es geht um Dynamik und Immanenz.

Und da wird’s spannend. Denn zumeist lassen heutige Theoretiker die Sache mit der Macht ja gern weg, erklären politische Systeme zu Idealgebilden, als wenn nicht permanent alle möglichen Leute und Gruppierungen bestrebt wären, innerhalb der gegenseitigen Abhängigkeiten ihre Wirkungsmöglichkeiten zu erweitern – so werden auch Demokratien zu gesellschaftlichen Systemen, in denen die verschiedenen Machtansprüche für eine permanente Dynamik sorgen.

Und die Immanenz? – Da geht es um die Ziele der Macht bzw. der Leute, die in einer Gesellschaft wirksam werden. Da wird gern behauptet, dass es transzendente Ziele wären, die angestrebt würden. Aber so wie Saar Spinoza liest, liegen die Ziele im Raum der Politik selbst, “der immer und unauslöschlich ein sich ständig verändernder, instabiler Raum der Macht bleiben wird. Im Innern dieses Raums bleiben, aus der Immanenz der menschlichen Fähigkeiten und Vollzüge selbst Maßstäbe, Geltungen und Stabilisierungen zu entwickeln und den Versuchungen der Transzendenz, nämlich der Flucht in letzte Begründungen oder übernatürliche Autoritäten, zu widerstehen, darin liegen in Spinozas Sicht die Größe und Tragik des Politischen begründet, die für die Philosophen nicht immer leicht zu denken und für die Handelnden nicht leicht auszuhalten sind”, schreibt Saar im Vorwort seines Buches.

Und nicht nur für Philosophen ist das tragisch. Auch für die Völker und Nationen, die von Leuten beherrscht werden, die ihre Macht mit derlei “letzten Begründungen oder übernatürlichen Autoritäten” ummänteln. Egal, ob das religiöse oder idealistische sind wie “die Schaffung eines Neuen Menschen”.Dass Spinoza damit auch schon die Autoritäten seiner Zeit angriff, haben diese schnell begriffen. Der Vatikan setzte Spinozas “Tractatus theologico-politicus” alsbald auf den Index. Denn natürlich griff er die theologische Autorität an, wenn er den Menschen zum Selberdenken aufforderte. Die Autoritäten der Welt beziehen ihre Macht in der Regel daraus, dass Menschen das glauben, was ihnen gesagt wird. Und Spinoza blieb ja nicht bei diesem Einzelnen, sondern hinterfragte auch das Recht politischer und theologischer Autoritäten, die Denk- und Lebensweisen der Bürger vorschreiben zu wollen.

So fern ist uns die Frühaufklärung also gar nicht. Und die Autoritäten, die mit aller Macht versuchen, anderen vorschreiben zu wollen, wie sie zu denken und zu leben haben, sind auch nicht wirklich weniger geworden.

Ein hochaktuelles Thema also, das für die angehenden Politikwissenschaftler das Studium in Leipzig ganz bestimmt sehr spannend machen kann.

Am Institut für Politikwissenschaft wie an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie insgesamt habe er für seine Forschungsfragen ein “hervorragendes Umfeld” gefunden, in das seine Kompetenzen und bisherigen Erfahrungen “außerordentlich gut passen”, erklärt Martin Saar.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Dieter Koop verantwortet Saar außerdem die fachwissenschaftlich und fachdidaktisch angelegten Lehramtsstudiengänge des Instituts.

Saar: “Unsere Studierenden sollen solide politikwissenschaftliche Kenntnisse erwerben und die Grundlagen der Didaktik der Gemeinschaftskunde kennenlernen. Zugleich, und das ist besonders wichtig, wollen wir sie in die Lage versetzen, Inhalt und Funktion der politischen Bildung und das Verhältnis von Schule und Gesellschaft kritisch zu reflektieren.” Es sei wichtig, das grundsätzlich Umstrittene und Streitförmige der Politik zu sehen – eine Voraussetzung dafür, im späteren Lehrerberuf Interesse an Politik wecken und Mut zum politischen Urteil machen zu können.

Saar hat Philosophie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin studiert und war für ein Jahr Fulbright-Stipendiat und später Theodor Heuss Lecturer an der New School for Social Research in New York. Mit einer Dissertation zum Begriff der Genealogie bei Friedrich Nietzsche und Michel Foucault wurde er 2004 am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main promoviert und war anschließend als wissenschaftlicher Assistent am Frankfurter Institut für Politikwissenschaft tätig. Dort hat er sich mit einer Arbeit zur politischen Theorie Baruch de Spinozas im Winter 2011 habilitiert. Vor seiner Berufung nach Leipzig hat er außerdem in New York, Bremen, Hamburg und Berlin gelehrt.

www.uni-leipzig.de

www.sozphil.uni-leipzig.de/cm/powi/institut/

www.suhrkamp.de/buecher/die_immanenz_der_macht-martin_saar_29654.html

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar