Das Wahlergebnis ist keine Entscheidung über den Volksantrag zum längeren gemeinsamen Lernen

Für alle LeserWenn neoliberales Denken auch in die Schulen eindringt, dann macht es dort Politik. Und über ihren Lehrerverband machen dann Lehrer, die das rigide Wettbewerbsdenken verinnerlicht haben, dann auch wieder Landespolitik und machen Druck auf eine sowieso schon konservativ eingestellte Regierung, die dringenden Reformen bitteschön zu unterlassen. Genau so agiert der Sächsische Lehrerverband.

Tatsächlich hat er in seiner Äußerung zum Volksantrag zur Gemeinschaftsschule am 21. November die Argumente der Befürworter eines längeren gemeinsamen Lernens versucht zu zerpflücken.

„Bei einer Analyse des Ergebnisses zur Landtagswahl gibt es keinen Wählerauftrag für Experimente am Schulsystem“, meinte Jens Weichelt, Landesvorsitzender des SLV. Die Parteien, die den Volksantrag zur Einführung von Gemeinschaftsschulen in Sachsen unterstützten, haben in der Summe Wählerstimmen verloren.

Stimmt auch. Was umso verblüffender ist, weil in entsprechenden Umfragen sowohl von Linkspartei als auch CDU eine Mehrheit der Befragten ein längeres gemeinsames Lernen unterstützen.

Der Volksantrag „Längeres gemeinsames Lernen in Sachsen“ ist der Entwurf eines Gesetzes zur Einführung der Gemeinschaftsschule im Freistaat. Aber „länger gemeinsam“ sei eben ein sehr positiv besetzter Begriff, mit dem sich gut werben lasse, meint Weichelt noch. Und dann behauptete er gar: „Selbst wenn der Volksantrag unverändert durch den Landtag beschlossen würde – die Schüler werden keineswegs länger gemeinsam lernen, weil bei entsprechender Bildungsempfehlung weiterhin das Gymnasium ab Klasse 5 favorisiert wird. Hier haben die Initiatoren des Volksantrages die Bürger getäuscht!“

Aber genau diese Bildungsempfehlung soll es nicht mehr geben, so das Bündnis Gemeinschaftsschule in Sachsen in Reaktion sowohl auf das Statements des Sächsischen Lehrerverbandes und als auch von Professorin Dr. Stanat, Direktorin des IQB, die Weichelt in seiner Pressemitteilung warnend zitiert: Nur ja keine Strukturreformen! Nur ja nichts verändern! Also im selben Modus wie die regierende CDU.

„Der Sächsische Lehrerverband sollte langsam beginnen, den Willen von 50.120 Bürgerinnen und Bürger aus Sachsen ernst zu nehmen, anstatt fortwährend falsche Behauptungen zu wiederholen oder einen vermeintlichen Wählerauftrag zu proklamieren“, erklären Yvonne König, Vorsitzende des Kreiselternrates Leipziger Land, und Martin Raschke, Vorsitzender des Kreiselternrates Dresden.

„Beim Volksantrag steht das längere gemeinsame Lernen über Klasse 4 hinaus im Fokus. Wir verzichten auf eine Bildungsempfehlung und differenzieren erst in höheren Klassen, wenn es um das abschlussbezogene Lernen geht. Das ist und war der Wunsch vieler Eltern, dem durch das optionale Modell nachgekommen werden kann.“

„Mit der Einführung von Gemeinschaftsschulen als zusätzliche Schulart wird auch ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität geleistet werden. Schließlich muss zur Einrichtung ein Schulprogramm mit pädagogischem Konzept entwickelt werden, hinter dem sich Lehrer, Eltern, Schüler und Schulträger versammeln“, stellt Burkhard Naumann, Koordinator des Bündnisses, abermals klar.

Und zum Zitat von Prof. Petra Stanat:

„Die IQB-Studie hat die Schulstruktur nicht untersucht, folglich kann man keine Schlüsse darauf ziehen“, erläutert Professor Dr. Wolfgang Melzer, Mitglied des Bündnisses. „Die IQB-Studie belegt, dass die Gestaltung des Unterrichts – also der Umgang mit Störungen, mit Fehlern, die Schülerorientierung – entscheidend für den schulischen Erfolg ist. Genau dem widmet sich die Gemeinschaftsschule. Und wer behauptet, dass mit Gemeinschaftsschulen alles schlechter wird, sollte die IQB-Studie nochmals genauer betrachten: Die Leistungen in Mathematik in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg und NRW haben sich verbessert. Das sind alles Länder mit Gemeinschaftsschulen.“

Am 11. November hatte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler erklärt, dass der Volksantrag des Bündnisses „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ formal zulässig ist und der Landtag sich damit auch beschäftigen werde.

Die Gemeinschaftsschule soll als zusätzliche Schulart möglich werden. Wobei parallel auch die Forderung der sächsischen IHK im Raum steht, die ebenfalls ein längeres gemeinschaftliches Lernen der Kinder bis zur 8. Klasse fordert, nicht unbedingt die Gemeinschaftsschule als gesonderte Schulform.

Jetzt hofft das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ auf eine Mehrheit für die Gemeinschaftsschule im Landtag

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