Der „Ossi“: Eine Leipziger Studie zum Bundes-Medienbild vom Ostdeutschen

Die "Töpfchen-These" kommt drin vor, die "friedliche Revolution" in Anführungszeichen und die neue innerdeutsche Grenze ohne solche. Was passiert eigentlich mit der Wahrnehmung eines Volksstamms, wenn die Beobachter von einem anderen Stern kommen? Aus der alten Bundesrepublik zum Beispiel? - Die Frage stellten sich Rebecca Pates und ihr Leipziger Forscherteam nicht zum ersten Mal. Ihr neues Buch heißt: "Der 'Ossi'. Mikropolitische Studien über einen symbolischen Ausländer".
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Auch 23 Jahre nach der Wende ist das Bild der Ostdeutschen in den überregionalen Zeitungen zumeist negativ geprägt. Zu diesem Schluss kommt ein Forscherteam der Universität Leipzig unter der Leitung von Politikprofessorin Rebecca Pates, das vier Jahre lang die mediale Darstellung der Menschen in Ostdeutschland analysiert hat. Ihr Buch „Der ‚Ossi‘. Mikropolitische Studien über einen symbolischen Ausländer“ ist seit dieser Woche im Handel erhältlich. Es richtet sich vor allem an Soziologen, Politikwissenschaftler sowie an politisch und gesellschaftlich Interessierte.

Das Bild des Ostdeutschen wurde vor allem in den Jahren 2001 bis 2005 in renommierten überregionalen Zeitungen und Magazinen analysiert. Der Studie zufolge wird der „Ossi“ in diesen Medien einerseits als Mensch dargestellt, der zwar Umbrüche gut verkraftet hat, jedoch ansonsten nicht zeitgemäß, häufig von strukturellen Problemen betroffen und seinen westdeutschen Landsleuten in nahezu allen Bereichen unterlegen ist. Andererseits sei der Ossi bei der Einführung der Hartz-IV-Gesetzgebung im Jahr 2004 häufig als Beispiel genannt worden, der gut mit diesem Umstand klarkomme und damit ein Vorbild für den „normalen“ Deutschen sei. Der Ossi sei damit eine ausgegrenzte Gruppe im eigenen Land, kritisierte die britische Politologin.Was erst einmal nicht verblüfft. Zum selben Fazit kam auch 2009 der im Universitätsverlag Leipzig erschienene Band „Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990“. Doch der hatte sich immerhin auch mit der medialen Darstellung der Ostdeutschen in den 1990er Jahren beschäftigt. Nach über 20 Jahren könnte man eigentlich damit rechnen, dass sich die Wahrnehmung der Gegenden im „fernen Osten“ differenziert. Doch das ist nicht der Fall. Wie ja Holger Witzel in seiner bitterbösen Kolumne auf stern.de regelmäßig konstatiert. „Schnauze Wessi“ heißt sie und beschäftigt sich auch mit der schlichten, aber meist negierten Tatsache, dass der Osten nicht nur für die großen Autobauer eine verlängerte Werkbank ist, sondern auch für Politik und Medien.

Die Leute, die sich alle Nase lang als Experten für „den Osten“ zu Wort melden, sind in der Regel alles Mögliche, nur keine Menschen, die im Osten aufgewachsen sind – aber oft genug dort Karriere gemacht haben.

Und das nimmt die Entscheidungsetagen der im Osten produzierten Medien genauso wenig aus wie die der überregionalen Medien. Man berichtet nicht aus eigener Kenntnis – sondern wie über einen fremden Volksstamm in Afrika, dem man bestimmte Eigenschaften einfach zuschreibt. Knochen durch die Oberlippe zum Beispiel, Baströckchen und Plattfüße.

Entsprechend oberflächlich sind dann die Exempel und Vergleiche, die gezogen werden.

Die Zeitungen haben häufig das Wahlverhalten der Ostsachsen hervorgehoben, die rechtsgerichtete Parteien präferieren.

„Das ist in Teilen Hessens oder Ostbayerns genauso. Aber darüber spricht kaum jemand. Der Rechtsradikalismus wird beispielsweise als ostdeutsches Erziehungsproblem dargestellt“, sagt Rebecca Pates. Ein anderes Beispiel sei die mediale Darstellung ostdeutscher Frauen, die als „gebärstreikende“ Menschen beschrieben würden. Pates zufolge geht jedoch aus Statistiken hervor, dass ostdeutsche Frauen im Durchschnitt mehr Kinder bekommen als westdeutsche.

Nein, nicht nur Pates zufolge. Es ist in den Statistiken sogar nachlesbar.

In ihrem Buchbeitrag „Pioniere der Prekarität – Ostdeutsche als Avantgarde des neuen Arbeitsmarktregimes“ beschäftigen sich die Autorinnen Elena Buck und Jana Hönke auch mit einem anderen Problem dieser Fremd- und Falschwahrnehmung, die heftig pendelt zwischen der Klassifizierung „Jammerossi“ und „flexible ostdeutsche ArbeitnehmerInnen“. In ihrem Text aufgedröselt an einem Beispiel fehlender ostdeutscher Frauen in Führungshierarchien.Wo sind sie denn, die viel besungenen, hochgebildeten Vorreiterinnen der Emanzipation?

Naja: In Leipzig weiß man es. Sie drehen ihre Runden durch die Beschäftigungskurse des Jobcenters, weil die Posten, für die sie qualifiziert wären, von anderen Leuten besetzt sind. – Dass die Herren in den gestrafften Sakkos nicht ganz unschuldig sind, schildern die beiden Verfasserinnen am so genannten SGB II, das nach 2002 umgeschrieben wurde.

„Die Umorientierung des neuen SGB II wurde auch am Verschwinden der Grundkategorie des alten Gesetzes, der ‚Arbeitslosen‘, deutlich. Diese wurden programmatisch in ‚Arbeitsuchende‘ umbenannt und nach den neuen Kategorien ‚Erwerbsfähigkeit‘ und ‚Hilfsbedürftigkeit‘ eingeteilt. BezieherInnen von ALG II wurden nun als ‚erwerbsfähige Hilfsbedürftige‘ bezeichnet und von den nichterwerbsfähigen Hilfsbedürftigen unterschieden.“

So macht man das. So genügen wenige Worte, um kluge, hochgebildete Frauen, die eigentlich nur Unterstützung bei der Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz brauchen, zu „Hilfsbedürftigen“ zu machen, zu Behinderten, denen die Amtswalter nun helfen müssen.

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Der „Ossi“
Rebecca Pates; Maximilian Schochow, VS Verlag 2012, 34,99 Euro

Es wundert nicht, dass der Exkurs, der sich anfangs mit den einst so stolzen klugen Frauen aus dem Osten beschäftigt, zu einer Abrechnung mit der Hartz-Reform-Wort-Klauberei wird. „Ihre persönlichen Präferenzen sind dem Ziel der Beendigung der Hilfsbedürftigkeit unterzuordnen, oder, wie es die Bundesagentur für Arbeit in einem Faltblatt auf den Punkt bringt: ‚Ihre persönlichen Interessen müssen grundsätzlich hinter den Interessen der Allgemeinheit zurückstehen …'“, zitieren die beiden Autorinnen in dem Kapitel, das online bei VS Springer nachlesbar ist. Deutlicher hätte es auch die selige Einheitspartei nicht ausdrücken können.

„Die Studie war ein Lehrforschungsprojekt, an dem auch Studierende beteiligt waren“, berichtet Prof. Dr. Pates, die das Buch gemeinsam mit Dr. Maximilian Schochow herausgegeben hat, der jetzt am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig ist. Das Buch ist im Springer VS-Verlag erschienen.

Quelle: Uni Leipzig

www.uni-leipzig.de/~politik

www.springer.com/springer+vs/soziologie/book/978-3-531-17725-0


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