Aus und vorbei oder auf ein Neues? Im Leipziger Osten kann man das nie wissen. Hier sind selbst die Wirte noch ein bisschen rebellisch. Und wenn man Schluss machen muss mit einem schönen Projekt, dann denkt man eben übers Weitermachen nach. Das letzte "Neustädter Markt Journal" erscheint in Schwarz. Ganz unten steht (und ganz oben auch): "Auf Wiedersehen!"

So verabschiedet man sich nicht wirklich, wenn nach 23 Jahren das letzte Heft eines der beständigsten Stadtteilmagazine erscheint, die es in Leipzig gab und gibt. 1991 erschien das erste Heft, herausgegeben vom Neustädter Markt e.V., in schlichtem A5-Format, mit Kartoneinband und Vereinssignet auf dem Umschlag. Schon damals gab es die Anzeigen im Heft zu “Tiefstpreisen”, wie Henry Hufenreuter erzählt, der nun seit 28 Ausgaben die Editorials schreibt – mit echtem Witz und Humor. Den lässt er auch im letzten Heft gucken. Denn das Ende des Heftes hat mit Leipzigs seltsamen Sparbemühungen zu tun: Die eher kleinen Summen, mit denen Stadtteilinitiativen unterstützt werden, werden gestrichen, dafür hat man für Großprojekte die Millionen augenscheinlich in der Handkasse.

Denn das “Neustädter Markt Journal” konnte bislang erscheinen, weil das Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung (ASW) Geld zuschoss und dafür auf vier Seiten über das Geschehen im Fördergebiet Leipziger Osten berichtete. Vielleicht glaubt man dort, dass diese Art Förderung nicht mehr so wichtig ist. Der Osten mausert sich. Geradezu bildhaft zu sehen am Pöge-Haus, das in diesem Jahr endlich saniert direkt am Neustädter Markt in Funktion treten konnte. Aber auch die Einwohnerzahlen steigen – in allen Ortsteilen des Leipziger Ostens. Darüber wurde am 7. Oktober bei der Veranstaltung des Quartiersmanagements Leipziger Osten unter dem Titel “Der Osten wächst wieder” diskutiert. Was natürlich auch Sorgen macht. Denn noch liegt das Mietniveau im Quartier bei 4,50 Euro je Quadratmeter. Damit ist der Osten auch für Leute attraktiv, die es mit dem Geld in der Börse nicht so dicke haben – auch zunehmend für Studierende. Gleichzeitig ist das “Rennen um die letzten noch unsanierten Häuser” entbrannt zwischen Investoren und Selbstnutzern. Die Zeit, dass Selbstnutzerinitiativen in Leipzig noch eine Chance haben, sind bald vorbei.Und mittendrin entstehen auch im Leipziger Osten hochwertige Quartiere für Leute, die ein bisschen mehr verdienen – am Lene-Voigt-Park genauso wie am Rabet. Es geht also nicht mehr darum, die Leipziger für die Stadtteile zwischen Eisenbahnstraße und Dresdner Straße zu begeistern. Es geht eher darum, dass der Wohnungsbau jetzt sozial flankiert werden muss. Nicht nur im Osten ein Thema. Und für die Stadt ein Problem. Denn die kann zwar Wohnungspolitische Konzepte entwickeln und vielleicht ihre eigene Wohnungsbaugesellschaft LWB anstoßen, aktiv zu werden. Aber um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, braucht es Fördergelder. Und da sei nun einmal das Land zuständig, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, stellte man am 7. Oktober fest.

Da geht es dem Leipziger Osten also wie (fast) allen anderen Leipziger Stadtteilen.

Und auch mit dem Verlust der Förderung für Stadtteilinitiativen steht man nicht allein da.

Henry Hufenreuter: “Diese Förderung wird nun seitens der Stadt Leipzig mit dem Verweis auf knapper werdende finanzielle Ressourcen und Veränderung der Förderschwerpunkte beendet. Das verwundert nicht, Prozesse um Spekulationen hochbezahlter städtischer ‘Manager’ verschlingen Millionen. Die Geschäftsführer eines schier undurchschaubaren Geflechts stadteigener Unternehmungen wollen versorgt sein. Bürgermeister betreiben ihre persönlichen Prestigeobjekte auf Biegen und Brechen, von denen das Millionen verschlingende Gymnasium in Schönefeld nur ein Beispiel ist.” Man merkt, wie tief die Verletzungen sind, denn das Gymnasium war jahrelang dem Sanierungsgebiet Leipziger Osten versprochen. Hier sollte es ein wichtiger Anker für die Stabilisierung des Gebietes werden.Und nun auch noch die gestrichenen Kröten für das kleine Journal, das 1996 schon einmal sein Erscheinen einstellen musste. Vor allem der Wegzug damals wichtiger Akteure bei der – rein ehrenamtlichen – Erstellung des vierteljährlich erscheinenden Heftes begründete die erste Einstellung. Damals griffen die Neustädter selbst zur Rettung, gründeten eine Bürgerinitiative Neustädter Markt, die die kleine Zeitschrift weiterführen wollte. Geld vom ASW gab es erst mal nicht. Also trat die Initiative geschlossen dem Verein Neustädter Markt bei und schlüpfte sozusagen in die Kleider des ursprünglichen Herausgebers. Ab 2000 erschien das Heft wieder mit Förderung des ASW. Man arbeitete weiter ehrenamtlich. Das auch über die preiswerten Anzeigen eingenommene Geld floss vor allem in Material und Druck. Hatte man vorher noch im Druckhaus Pöge drucken lassen (das nicht mehr am Neustädter Markt sitzt, sondern in Mölkau), wählte man jetzt die Druckerei Scheeps, die mitten im Fördergebiet in Neuschönefeld ansässig ist. Wenn man schon Geld ausgab, sollte es auch der Wirtschaft im Quartier zugute kommen.

Zeitweilig schnellte die Auflage auf 3.500 Exemplare hoch, was trotzdem nie reichte, um alle interessierten Haushalte zu versorgen. Das Heft war immer auch ein Informationsmedium über alle wichtigen Termine und Veranstaltungen im Stadtteil.

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Und während Henry Hufenreuter sich im Editorial noch ein bisschen sarkastisch gibt, zeigt er sich im Rückblick auf 23 Jahre “Neustädter Markt Journal” schon nachdenklicher. “Nach Streichung der Fördermittel ist die Zukunft des Blattes wieder einmal ungewiss. Die Aufgabe der nächsten Wochen wird es sein, Alternativen zu suchen.”

Eine Möglichkeit: Das nächste Heft erscheint dann nur noch digital. Da fallen zumindest die Druckkosten weg. Henry Hufenreuter: “Vielleicht entsteht eine neue Publikation für Leipzigs Osten. Verstummen wird dieser Osten nicht!”

Da kann man also gespannt sein, was sich die Akteure rund um die Eisenbahnstraße jetzt ausdenken. Im aktuellen Heft findet man – neben den Texten zur Blattgeschichte und zum Forum am 7. Oktober – auch Texte zur Eröffnung des Pöge-Hauses und die Fortsetzung eines langen und ausgiebigen Besuchs von Kunstsammler und Hotelinhaber Klaus Eberhard bei Neo Rauch in seiner Werkstadt in der Spinnerei, typisch für das zusätzliche Lesefutter, das das Blatt immer mit angeboten hat, zusätzlich zum Aktuellen. Manchmal war’s sogar 50 Seiten dick. Diesmal sind’s 42. Bis auf Weiteres.

www.neustaedtermarkt-leipzig.de

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