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In eigener Sache (3): Hurra, wir verkaufen uns?

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    Es gibt echte Zeitfressermaschinen? Ja, es sind die Orte, an denen im Netz das Geld mit Daten verdient wird. Allen voran Google und Facebook, welche erst die Netzgewohnheiten der User durch Kommunikationsplattformen veränderten und somit Zeit und Aufmerksamkeit banden. Hinter den Kulissen hat das blaue Netzwerk gemeinsam mit Google den Werbemarkt in den vergangenen Jahren ohne eigene Inhalte, also dem Teuersten produzierender Journalisten, im Netz kannibalisiert. Während sich noch so manche Regionalzeitung im Preisdumping versuchte, lagen Facebook und Google längst konkurrenzlos drunter. Nun folgt Stufe 3, die Übernahme der Inhalte.

    Im Mai ging ein regelrechtes Aufatmen durch den deutschen Blätterwald.

    Facebook gab in der gewohnten Großzügigkeit eines Siegers bekannt, die deutschen Medienhäuser nun mit (vorerst) 70 Prozent am zusammengerafften Werbekuchen zu beteiligen. Wenn sie denn den wichtigen Inhalt ihrer Zeitungen als „Instant articles“ direkt beim blauen Riesen veröffentlichen. Rund 30 Millionen deutsche Nutzer des Netzwerkes warten und die Verlage freuen sich, überhaupt was abzubekommen.

    Selbstverständlich werden die mitmachenden Medien – und es werden alle mitmachen – auch weiterhin frei berichten dürfen, so die Zusicherung. Und sich klammheimlich zumindest eine Weile freuen, ein bisschen am Datenschatz von Facebook teilhaben zu können.

    Denn genau darauf beruhen letztlich die neuen „Zeitungs“-Modelle von Google (hier plant man noch, gemeinsam mit FAZ und Zeit) und Facebook: Sie kennen die Nutzer und deren Interessen im Netz  immer besser und setzen diese Kenntnisse durch angeblich interessengesteuerte Werbung in Geld um. Kleines Bonmot am Rande: Dass nach Interessen oder Orten gesteuerte Werbung im Fachjargon „Targeting“ heißt, macht klar, wofür man Menschen im Netz hält. Die Jagd auf den User ist längst eröffnet, Google Maps gewinnt den ersten Platz bei der Verortung, Facebook liegt derzeit beim Datenscreening nach den Interessen vorn.

    Bald werden sie also gemeinsam mit den deutschen Medien das große Halali blasen, nachdem Google und Facebook vorher die Werbekunden mit konkurrenzlos günstigen Preisen im Netz eingesammelt haben. Eine Binse, doch eine wichtige vielleicht: Die andere Richtung – die der Manipulation – ist damit ebenfalls geöffnet. Noch stört es niemanden … doch am Steuer sitzen nicht einmal gewählte Regierungen, auch nicht mehr die verschiedenen Verlage oder gar der Nutzer des Netzes, sondern private US-Unternehmen bei gerade mal zwei Anbietern. Und dahinter die Geheimdienste mit dem Patriot Act und anderen Gesetzen in der Tasche.

    Mit seinem aktuellen Vorschlag der „Instant articles“ löst Facebook alle seine bisherigen Probleme mit den Verlagen und den Urhebern von Inhalten scheinbar auf einen Schlag. Die Medien werden zu Mittätern, das Geschäftsinteresse wird ein gemeinsames. Und eventuelle Rechtsfragen, wem die Inhalte bei Facebook eigentlich gehören, werden sich in Luft auflösen.

    Man verdient ja gemeinsam Geld, da finden sich Wege.

    Bislang gehören die Inhalte natürlich Facebook, wer AGBs lesen kann, weiß es. Noch ein paar Jubelmeldungen der großen Verlage dazu, wie viel sie durch Facebook auf ihren Fanpages umgesetzt haben und alle werden folgen – das Netz im Netz gedeiht weiter. Und erneut werde sich alle dann unter der Ägide von Facebook versammelten Inhalteanbieter nur um Reichweite balgen. Dass gleiche gleiche Rennen wie all die Jahre zuvor beginnt, Größe entscheidet, ganz gleich, wie sie zustande kommt.

    Bereits jetzt verlassen immer mehr User Facebook gar nicht mehr, da der Anbieter einen eigenen Browser vor den sonst genutzten schaltet. Man ist auf der L-IZ und doch noch bei Facebook, schaltet man nicht um. Ein Handgriff mehr, also unökonomisch: Die Faulheit, den FB-Browser zu schließen und zu Safari oder anderen Anbietern zu wechseln, klärt den Rest. Dass der dargereichte Apfel der gemeinsamen Wege auch für die Verlage vergiftet ist, scheint nur wenige zu interessieren, die Medienkrise treibt die Unternehmen.

    Denn einmal vom Direktverkauf von Werbung durch die Verlage zu Facebook abgewanderte Kunden werden kaum noch zurückkehren – auch wenn, was klar am Horizont steht – die Preise für das Werben bei gläsernen Bürgern bei Facebook bald steigen werden. Es hat schon begonnen.

    Anonymität war gestern, ganz ohne Vorratsdatenspeicherung

    Parallel kämpft Facebook verbissen darum, dass sich alle Nutzer nur noch mit ihrem echten Namen anmelden können. Dazu ist es dem Unternehmen sehr recht, dass sich User gegenseitig denunzieren und der Denunzierte gegebenenfalls ein Dokument vorlegen muss, wirklich Max Mustermann zu heißen. Anonym war also gestern, nun heißt es für alle in der blauen Community: Hosen runter, Namen raus.

    Irgendeinen Preis werden die Netznutzer also zu bezahlen haben. Den, ein Logarithmus samt Bewegungsprofil via Handy, Rechner und Gewohnheiten zu werden oder ein paar Euro in die Hand zu nehmen. Wenig verwunderlich vielleicht, dass wir auch mit Besorgnis auf die neuen Regelungen zur Vorratsdatenspeicherung aus Berlin schauen und als einen Teil des Wettrüstens im Netz begreifen. Sie jedoch gegenüber dieser Dimension ein wenig schmunzelnd beobachten. Und dabei sind, unsere „Dateninsel“ für kommende Zeiten (aus)zubauen.

    Auch deshalb unser Leserclub – Zukunft und kein Weg zurück

    Ja es geht auch um Geld für Journalismus. Mit unserem Club hat jeder Leser die Möglichkeit, unsere Arbeit hier in Leipzig zu unterstützen und dafür auf unser Archiv und weitere Funktionen (wie Kommentarmöglichkeiten) zuzugreifen oder weitere Angebote (Verlosungen) zu nutzen. Noch ist es wenig und natürlich haben wir „gegen“ Facebook keine Chance. Wollen wir auch gar nicht – die Entscheidungen muss jeder für sich allein treffen. Auch bekannte Karikaturisten, welche von Zeitungen Geld für ihre Arbeit wollen und diese anschließend für lau bei Facebook verbreiten.

    Ob mit 5 Euro für eine Woche oder mit 5 Euro im Monat bei einer Jahresmitgliedschaft – bis hin zur kostenfreien geförderten Mitgliedschaft ist es Lesern unserer Zeitung im Netz seit Ende Januar 2015 möglich, uns direkt zu unterstützen. Unser Angebot möchten wir dabei gern ausbauen. Doch alles hat seinen Preis …

    Da wir dazu niemanden „zwingen“ wollen und schon gar nicht können, sind noch nahezu alle Artikel 24 Stunden frei zu lesen. Danach wandern sie in ein Archiv für unsere Unterstützer und Stammleser. Dies war und ist auch ein Dank an unsere Werbekunden, welche die L-IZ schon seit langer Zeit anders sehen und uns unterstützen. Und keinen „Cold Cut“ verdient hätten, denn auch sie sind ein gutes Stück L-IZ-Geschichte. Weshalb sie uns oft seit Jahren schon die Treue halten und unsere Arbeit ohne Einflussnahmeversuche im Sinne der notwendigen Medienvielfalt in Leipzig unterstützen.

    Ist unser neues Modell fair? Sind es die anderen beschriebenen Modelle? Die Beurteilung überlassen wir der Einschätzung unserer Leser. Wir wissen selbst jedoch allzu genau, warum wir diesen Schritt gegangen sind.

    Ob wir weiter gehen müssen, liegt nicht mehr an uns allein. Es liegt nun bei den Lesern und den sozialen Netzwerken. Ob Zeitungsalternativen noch gewollt sind? Wir wissen es eigentlich, die Zugriffszahlen auf der L-IZ sprechen bis heute eine deutliche Sprache. Ob der Wille, wirkliche Leipziger Medien auch finanziell mit aufrechtzuerhalten, groß genug ist, bekommen wir gerade heraus. Dabei sind wir bereit, die Konsequenzen zu tragen, ganz gleich, welche es am Ende sein werden. Allein deshalb, weil wir wissen, dass jedes Leben genau einmal stattfindet. Und die Nörgler nie etwas geändert haben.

    Bislang haben sich knapp 300 Menschen dazu entschieden, unsere tägliche Berichterstattung aus Leipzig zu unterstützen. Dafür sei immer wieder gedankt, denn was für Manchen vielleicht „wenig“ aussieht, ist der Anfang eines neuen Weges gemeinsam mit den Lesern. Und er ist ein Teil unserer Zukunft, vielleicht auch die Rettung für unabhängigen Lokaljournalismus in Leipzig und Sachsen.

    Vielleicht sogar darüber hinaus? Doch zur Wahrheit gehört auch, dass diese Anzahl nicht reichen wird, um die L-IZ langfristig in der bisherigen, oder in der von uns zukünftig gewünschten Form am Leben zu halten. Ideen dazu haben wir viele.

    Es gibt eine gerade begonnene Initiative der Leipziger Zeitung, welche wir vor, hinter und mitten in den Kulissen unterstützen. Sie lautet „Likes sind keine Abonnements“. Wir setzen mal hinzu: Und Reichweite ist kein Beweis für gute Inhalte.

    Dazu mehr im nächsten, vierten Teil.

    Unser Angebot im Leserclub.

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