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Die neue Leipziger Zeitung widmet sich den Brüchen einer zunehmend gespaltenen Stadtgesellschaft

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    „Love is the answer“, meint Lina. Aber Friedenstauben lassen wir in der neuen „Leipziger Zeitung“, die morgen erscheint, nicht fliegen. Es wäre zu schön, wenn Love & Peace und ein friedliches Gemüt genügen würden, die Übel der Welt zu bereinigen. Aber Tatsache ist: Ohne Müh und Schweiß wird die Welt keinen Deut besser. Aber: Kriegen die Bewohner der sächsischen Armutshauptstadt den Hintern hoch, um gegen TTIP und CETA zu demonstrieren?

    Diese beiden Verträge, die mit freiem Handel für alle gar nichts zu tun haben, nur mit freier Fahrt für Rücksichtslose? Für ein „Europa der Konzerne“, wie es der Satiriker und Europaabgeordnete Martin Sonneborn in dieser Woche nannte, als er bei einer Rede im Europaparlament den Iren vorschlug, die EU einfach zu verlassen, wenn sie nicht gewillt sind, bei Konzernen wie Apple die Steuern einzutreiben? Wer soll denn den ganzen Laden bezahlen, wenn sich gerade die großen Gewinner aus der Verantwortung stehlen?

    Übrigens nicht nur in Irland. Die Folgen spüren auch die Leipziger.

    Deswegen haben wir einmal die letzten zehn Jahre der Stadtpolitik unter die Lupe genommen und den ganzen Kram mit steigenden Einkommen (durchschnittlich stimmt das ja), steigenden Mieten und steigenden Ladenpreisen. Eigentlich ist es erst der Beginn einer überfälligen Analyse. Aber schon das erste Fazit ist deutlich: Vom wirtschaftlichen Aufschwung in der Armutshauptstadt haben nicht alle was. Im Gegenteil: Gerade der Aufwärtstrend bei den Einkommen der glücklicheren Leipziger sorgt dafür, dass sich Leipzig immer stärker spaltet in eine prosperierende und in eine prekäre Hälfte, die zunehmend ausgegrenzt wird.

    Das hat schon lange Einfluss auf Stadtpolitik.

    Das wird sichtbar beim scheinbar so randlagigen Thema ÖPNV: Als Treibmittel der wachsenden Stadt spielt er kaum eine Rolle, dafür sind die Fahrpreise binnen zehn Jahren durch die Decke geschossen. Mit der normalen Kostenentwicklung hat das nichts mehr zu tun. Aber mit einer Stadtpolitik, der umweltfreundlicher und bezahlbarer Verkehr 100 Reden wert ist – aber kein Geld.

    Oder vielleicht mal einen Tropfen – wie zuletzt im Stadtrat genehmigt. Ein Tropfen, wo eigentlich 15 Millionen jedes Jahr fehlen. Als wenn die Leipziger alle nicht rechnen können.

    Dass da 65 Millionen Euro für einen Titel „Kulturhauptstadt“ nicht drin sind, das hat zumindest die Kulturbürgermeisterin sich mal ausgerechnet. Ohne die üblichen Schleiertänze mit „Umwegrendite“. Dabei ist eigentlich die fehlende Idee das Problem: All die Leute, die unbedingt eine „Kulturhauptstadt Leipzig“ haben wollten, hatten mal wieder keine Idee mitgeliefert, was das dann konkret werden sollte.

    Und der ideenloseste aller Haufen löst sich ja gerade auf wie Käse an der Sonne: PEGIDA und LEGIDA. Zeit für eine Analyse für eine Bewegung, der offline einfach nichts Neues mehr einfallen will. Online eigentlich auch nicht. Aber dazu muss man ja auch das Sofa nicht verlassen.

    Vielleicht ist es ja an der Zeit, jetzt wirklich mal nach Ideen zu suchen für eine andere, bessere Welt.

    Auf den Spuren des jungen Gottfried Wilhelm Leibniz zum Beispiel, der die ersten 20 Jahre seines Lebens in Leipzig verbrachte. Und seinen unruhigen Geist, den hat er hier bekommen – im Dreieck zwischen Rotem Kolleg, Nikolaischule und Universität.

    Jens-Uwe Joop war so frei, eine Besprechung des Aphorismen-Bandes von Karl Kraus zuzuliefern. Noch so einer, der „die beste aller Welten“ mit kritischem Blick – und bissigem Spott – beäugte.

    Was er zu den demonstrierenden Rockern im Leipziger Osten gesagt hätte, kann man nur ahnen. Oder zu den ganzen Narrentänzen im Leipziger Fußball vom Stadion-UFO an der Neuen Messe bis zu den Tricksereien in der Landesliga der Frauen, wo irgendjemand unbedingt die Damen des RB Leipzig dabei haben wollte.

    Die „zwei Welten“, in denen jeweils völlig andere Regeln zu gelten scheinen, sind überall sichtbar. Selbst in sächsischen Haftanstalten – was sich die Gefangenengewerkschaft nicht mehr gefallen lassen will.

    Beim Mieten und Wohnen sowieso. Man staunte ja im letzten Jahr, wie gleichgültig die Wohnungsprobleme der Wenigerbetuchten der ach so besorgten Stadtspitze waren. Dafür ploppen jetzt immer wieder neue Geschichten auf, wo Eigentümer meinen, sich von weniger betuchten Mietern mit den üblichen Methoden trennen zu können.

    Wenn’s drauf ankommt, platzt der Lack von der „Leipziger Freiheit“ ziemlich schnell ab.

    Dann geht es wieder nur ums Geld – und wer nicht mitbieten kann, merkt schnell, dass er ganz und gar nicht gemeint ist, wenn plakatiert wird: „Wir sind die Stadt“. Höchste Zeit, wirklich über Werte zu reden. Da ist auch diese Ausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG erst ein Einstieg, denn je öfter man kratzt am Lack, umso deutlicher wird sichtbar, dass Manches nur ein leeres Versprechen ist, Beruhigungspille für eine Stadtgesellschaft, die so langsam merkt, dass die üblichen Büttenredner weder eine Idee für die „Kulturhauptstadt“-Bewerbung haben noch eine Idee für die wachsende Stadt.

    Wir werden immer mehr. Aber dann?

    Sie sehen: Da steckt genug Futter drin für die nächsten Ausgaben.

    Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 35 finden Sie jetzt überall in Leipzig, wo es gute Zeitungen gibt. Oder im Briefkasten.

    In eigener Sache – Eine L-IZ.de für alle: Wir suchen „Freikäufer“

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