Medien machen in Fakenews-Zeiten, Teil 18

Dieters Leserbrief oder Wie man Kommunikation gezielt zerstört

Für alle LeserLeserbriefe sind etwas Kostbares. Jedenfalls dann, wenn sich Leser wirklich Mühe geben, ihre Gedanken auszuformulieren, einen neuen Sachverhalt zu schildern oder gar konstruktive Kritik zu üben. Das kann auch zugespitzt sein – aber sachlich muss es sein. Deswegen landen auch viele Einsendungen, die bei uns als „Leserbrief“ eintrudeln, im Papierkorb. Auch im virtuellen. Und eigentlich hätte Dieters Leserbrief auch dort hingehört. Aber er ist ein zu schönes Beispiel für eine zunehmend gestörte Kommunikation heutiger Tage.

Dieter hat sich zu unserem Beitrag „Leipzig fehlen immer noch über 160 Polizisten“ gemeldet. Dieter ist nicht angemeldet, was nahelegt, dass er nicht regelmäßig bei uns liest, sondern nur sporadisch. So, wie es heutzutage viele Leute in ihren Filterblasen machen: Sie lesen nur das, was verspricht, ihre Ansichten über die Welt zu bestätigen.

Also wenn Signalworte wie Kriminalität, Ausländer, Flüchtlinge, Polizei oder ähnliches möglichst in Überschriften verkommen. Dann tauchen unsere Artikel auch mal im Wahrnehmungskosmos von Dieter auf. Und dann setzt er sich hin und schreibt irgendwas. Irgendwas, woran er sich erinnert, dass es so bei uns gestanden haben könnte. Oder vielleicht auch ganz woanders oder nie so geschrieben, sondern gefühlt, gerufen, behauptet oder gar gelogen wurde.

Dann kommt so ein Textchen dabei heraus, in dem er auch noch so tut, als hätten wir ihm die Dinge nicht richtig erklärt:

Von: Dieter, Betreff: Frage zum Verständnis

„Wart ihr nicht auch auf der Seite des OBM, als es hieß, Leipzig hätte kein Problem mit Kriminalität? War das nicht nur ein paar Wochen früher? Habt ihr da nicht auch gegen das ungarische Team geschossen, welches ein Problem benannte, was es laut Herrn Hasberg bzw. Herrn Jung nicht gibt? Oder eben doch, nur die PC verbietet es, darüber zu sprechen? Diese Doppelmoral regt mich so auf!“

Es ist ein klassischer Fall von Disruption

So verwenden zwar Kommunikationsforscher das Wort bislang noch nicht. Es ist erst einmal nur in der Technik und Wirtschaft so gebräuchlich. Wo das Wort vor allem das Auftauchen einer neuen Technologie beschreibt, die vorhandene Technologien einfach dadurch verdrängt, dass sie bislang gültige Marktregeln außer Kraft setzt (oder juristisch unterläuft) und bestehende Beziehungen einfach unterbricht. To disrupt, unterbrechen.

Auf einmal benehmen sich ein paar Marktteilnehmer so, als würden die ganzen fein austarierten Regularien, die auf den Märkten auch so etwas wie faire Wettbewerbsbedingungen schaffen, für sie nicht gelten. Sie halten sich einfach nicht dran, unterlaufen soziale Regelungen, Steuerregeln, staatliche Kontrollen usw.. Damit verschaffen sie sich Wettbewerbsvorteile, die alle anderen nicht haben – einfach, indem sie sich nicht an die Regeln halten.

Das Phänomen trifft man aber auch in der Kommunikation an. Was erstaunlicherweise kaum thematisiert wird.

Denn normalerweise funktioniert Kommunikation so

Ich gehe auf das Gesagte ein und akzeptiere auch, dass es so gesagt wurde. Aber Dieter demonstriert hier schön, wie man nur so tut, als täte man es, wenn er behauptet: „Wart ihr nicht auch auf der Seite des OBM, als es hieß, Leipzig hätte kein Problem mit Kriminalität?“

Zwei Falschbehauptungen, in denen er die Basis der Kommunikation (das, was wir wirklich berichtet haben) verlässt: Weder stehen wir auf der Seite des OBM, noch haben wir berichtet, OBM Burkhard Jung hätte behauptet, „Leipzig hätte kein Problem mit Kriminalität“.

Im Gegenteil: Die Artikel, die sich mit Burkhard Jungs Sorgen um die Leipziger Kriminalitätsrate beschäftigen, sind auf der L-IZ mittlerweile Legion. Und begannen exakt zu dem Zeitpunkt, als auch die Probleme in Leipzig vor dem Hintergrund des einsetzenden Polizeiabbaus immer offenkundiger zu werden begannen.

Wir sind übrigens jetzt im Jahr 2011, richtig – weit entfernt von jeder Flüchtlingsthematik – am 7. März 2011 (bis zum Ende lesen hilft) erschien dieser Beitrag. Doch allerspätestens ab 16. Januar 2012 hätte der Baum im sächsischen Innenministerium lichterloh brennen müssen – zumindest aber jener Oberbürgermeister Leipzigs begann ebenfalls das Problem zu erkennen.

Dazu hätte Dieter nur die Suchfunktion benutzen müssen. Das ist dieses Ding hier:

Die Suchfunktion der L-IZ. Screenshot: L-IZ

Die Suchfunktion der L-IZ. Screenshot: L-IZ

Das Fragezeichen Dieters hinter seiner „Verständnisfrage“ ist natürlich nur ein rhetorisches Mittel. Denn er stapelt jetzt eine Frage über die andere, steigert sich regelrecht hinein, und in jeder steckt wieder ein Stück mehr von dem, was Dieter glaubt, auf der L-IZ gelesen zu haben.

Die Legenden um das, was ein Betreuer der ungarischen Fechtmannschaft bei seinem Aufenthalt im „Seaside“-Hotel gesehen haben will und was nicht, sind in Dieters Filterblase ja augenscheinlich noch immer sehr lebendig – in Wirklichkeit war es ein Stück aus der Boulevard-Hölle Leipzigs. Genauso wie die gepflegte Unterstellung, darüber dürfe nicht gesprochen werden. Weil: Es ist eine Verschwörung.

Als wenn wir die ganze Zeit immerfort schreiben müssen, was Dieter will. Warum eigentlich?

Aber Sie merken schon: Mit jeder neuen „Frage“ hat Dieter die Kommunikationsbasis immer mehr verlassen. Mit dem eigentlichen Artikel, in dem wir schrieben, dass in Leipzig über 160 Polizisten fehlen (was wir ganz ähnlich schon mehrfach geschrieben haben), hat sein „Leserbrief“ schon gar nichts mehr zu tun.

Das Sprechschema dahinter

So tun, als klinke man sich in ein Gespräch ein oder würde sich mit einem Thema eingehender befassen – und dann unterbricht man die Verbindung zu eben diesem Thema komplett und drängt immer weiter hin auf eine Interpretation, die weder im Text noch in den anderen Beiträgen, die Dieter scheinbar anspricht, gesagt und geschrieben wurde.

Die Kommunikation, die ein Leserbrief eigentlich aufnehmen könnte, wird von ihm ganz bewusst unterbrochen. Denn ihm geht es ganz sichtlich nicht um das, was wirklich hier zu lesen stand, sondern nur darum, dass allein seine Sicht auf die Dinge richtig ist.

Sie kennen solche Menschen bestimmt auch aus ihrer Verwandtschaft oder dem Bekanntenkreis. Da kann das Familiengespräch noch so spannend sein und alle richtig begeistern, weil man sich so gut unterhalten kann – wenn Dieter sich zu Wort meldet, verstummen alle anderen Gesprächsteilnehmer sofort.

Denn sie wissen alle, dass Dieter die Gelegenheit nur nutzt, um das aktuelle Thema völlig zu verlassen und dann seine alte Leier wieder anzustimmen, die vor allem aus Vorwürfen, Anschuldigungen und Unterstellungen besteht. Bis alle sich frustriert verabschieden, weil die Stimmung völlig verdorben ist und alle das Gefühl haben, dass sich eine schöne Familienfeier in missmutiges Gestreite verwandelt hat.

Der eine Dieter muss mit dem anderen Dieter nichts zu tun haben. Aber dieser hier zeigt dann noch einmal richtig, dass Missmut seine Heimat ist: „Oder eben doch, nur die PC verbietet es, darüber zu sprechen? Diese Doppelmoral regt mich so auf!“

Sie können die ganze rhetorische Figur nochmals von oben nach unten lesen: Sie hat mit dem Thema nichts mehr zu tun, unterstellt etwas, was nur Dieter glaubt, gelesen zu haben, und am Ende kommt er mit dem griesgrämigen Vorwurf, die Political correctness (PC) verbiete uns irgendetwas.

Nö, Dieter: die Political correctness verbietet uns gar nichts. Sie hat nicht mal etwas mit dem Artikel zu tun, auf den sich der „Leserbrief“ so sichtlich nicht bezieht. Für die zukünftige korrekte Nutzung des Begriffes haben wir unten zudem mal extra den Wikipedia-Beitrag verlinkt.

Aber darum ging es ja wieder nicht. Wie auch nicht bei der Betonung der eigenen Moral im begründungsfreien Vorwurf der doppelten anderen gegenüber. Wahrscheinlich laden die anderen Dieter schon lange nicht mehr zu ihren Familienfeiern ein, weil das jedes Mal in einem wüsten Gestänker endet und Dieters ewigen Vorwürfen, andere Leute hätten eine Doppelmoral. Der Weg von Moral zum Moralisieren ist halt ein kurzer.

Um dieser Art der Disruption zu entgehen, bleibt nur noch eines zu sagen

Dies ist unsere Feier, hier sorgen wir dafür, dass sich das Gespräch wirklich um das dreht, was wirklich gesagt und geschrieben wurde. Wir wissen dummerweise, was wir wirklich geschrieben haben, können es nachblättern und wieder hervorholen – wie die meisten unserer Leser auch. Die kommen nicht nur vorbei, wenn sie glauben, uns aus einer traurigen Dieter-Blase irgendetwas unterstellen zu müssen.

Die wollen wissen, was wir geschrieben haben und was wirklich ist.

Die Serie „Medien machen in Fakenews-Zeiten“.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

 

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Foto: Michael Happ

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