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Leipzigs Freie Szene glaubt, die LVZ mit Forderungen unter Druck setzen zu können + Vorschlag

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    Es geht schon wundersam zu in Leipzig. Dieser Stadt, die gern so tut, als habe sie Kultur. Hat sie aber nicht. Das hat jetzt auch die „Initiative Leipzig + Kultur“ gemerkt. Am 4. Dezember hat sie einen Brief an Jan Emendörfer, den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung geschrieben: „Mit großem Bedauern und Unverständnis hat die Leipziger Kulturszene zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Leipziger Volkszeitung die Szene-Seite eingestellt hat.“ Sie haben was gemerkt. Aber was genau?

    Die „Initiative Leipzig + Kultur“ vereint all jene soziokulturellen Zentren, kleinen Theater, Initiativen und Bühnen, die man für gewöhnlich die Freie Kulturszene nennt. Und die (kann man gern auf der L-IZ.de nachlesen) es auch ist. Jahrelang hat sie um eine ausreichende Finanzierung für ihre Häuser gekämpft und dabei wurde sie auch von den Zeitungen (!) der Stadt intensiv begleitet. Es war ein jahrelanges Ringen, das am Ende zum ersten Erfolg führte.

    Die Stadt hat die Grundfinanzierung für die Freie Szene deutlich erhöht. Wenn wir die Zahl richtig im Kopf haben, waren es zuletzt 4,5 Millionen Euro (und weiter geht der Kampf!).

    Aber gleichzeitig ist in den letzten fünf Jahren etwas anderes geschehen: Die professionelle Berichterstattung über das, was in der Freien Szene passiert, schmolz wie Schnee an der Sonne. Zuletzt – sozusagen beim größten Schneemann in der Schmelze – auch bei der LVZ, die jetzt einen Schritt gegangen ist, den man nur zu gut versteht, wenn man ihn versteht (bewusste Doppelung Nr. 1).

    Nur unsere selbstbewussten Kulturmacher verstehen ihn nicht, weil sie glauben, privat und eben nicht staatlich organisierte oder unterstützte Medien müssten – aus was für Gründen auch immer – jeden Tag professionell darüber berichten, was in der Szene so alles passiert.

    So ein Gefühl, dass das nicht viele Medien sind in Leipzig, die so etwas auch ein wenig profund machen können, scheint bei den Unterschreibern des Briefes (Constanze Müller, Sophie Renz, Falk Elstermann, Ariane Jedlitschka, Gundolf Nandico, Claudius Nießen, Markus Müller) zumindest als Ahnung am Horizont zu schweben, wenn sie formulieren:

    „Die traditionellen Medien und Tageszeitungen im Besonderen stehen vor rasant sinkenden Auflagezahlen, ihr Publikum überaltert. Jedoch ist auch klar, dass auf absehbare Zeit Onlinemedien gedruckte Zeitungen nicht überflüssig machen werden, insbesondere nicht bei der kulturaffinen Klientel. Auch das Interesse der LVZ besteht darin, jüngere Leserschichten zu erreichen und zu binden. Und in dieser Situation verabschieden Sie sich von ihrer Szene-Seite?“

    Das klingt … erstaunlich.

    Da erzählen Leute, deren Häuser durch die Stadt grundfinanziert sind, einer Zeitung, die all ihre Aufwendungen selbst erwirtschaften muss, was aus Sicht unserer edlen Kulturritter gut sei für diese Zeitung. Parallel dazu haben sie übrigens auch anderen Journalismus kaum bis nicht unterstützt.

    Was aber sinkende Auflagenzahlen im Print und zwar lange Zeit steigende, aber nicht adäquat monitarisierbare Reichweitensteigerungen im Netz und somit ausbleibende Werbeerlöse wirklich bedeuten, scheint den Briefschreibern nicht mal im Nebensatz zu dämmern. Denn das sind nicht nur fehlende zahlende Leser, sondern real sinkende Einnahmen.

    Weniger Abo-Einnahmen (junge Meschen abonnieren eine Printtageszeitung???) oder (los kommt, wir hauen auch mal einen raus) fehlende Abos im Netz vor allem aber bedeuten: Man muss sparen. Bei der Seitenzahl im Print, bei den Angestellten, bei den Themen, bei der Zeit für Themen. Und somit immer an Kompetenz und Nähe. Ja, auch bei den LVZ-Redakteuren, die bislang „Szene“ gemacht haben.

    Aber es scheint nicht mal aufgefallen zu sein, was das bislang schon bedeutete.

    Denn der Schrumpfprozess im Hause LVZ geht ja schon länger, vieles – gerade das Überregionale – wird inzwischen zentral in Hannover und Berlin produziert. Auch das vermeldeten viele LVZ-Leser schon als Verlust an Identifikation. Die Hannoversche Sicht auf die große Politik ist nicht die Leipziger. Und die Leipziger Sicht auf die große Politik beginnt in Leipzig, im Osten, vor unserer Haustür.

    Gerade all das, was regional berichtet wird, kann man also nicht so zentralisieren. Da braucht man eigentlich Malocher vor Ort, vor Ort (bewusste Doppelung 2, Grüße gehen raus an die Szenekultur). Und wer aufmerksam hingeschaut hat, hat längst gesehen, wie der finanzielle Aderlass an Leuten, Kompetenzen und Zeit hier schon Folgen hatte, auch auf der „Szene“-Seite der LVZ, die von immer weniger Leuten bestückt wurde.

    Und nun?

    „Wir halten Ihre Entscheidung für falsch, die Szene-Seite abzuschaffen bzw. umzubenennen. Dieser Entschluss drückt mangelnde Wertschätzung gegenüber den Kulturschaffenden Leipzigs aus. Es ist besonders für viele freiberuflich tätige Künstler/-innen und Kulturmacher/-innen äußerst ernüchternd, dass ihre Arbeit auch vonseiten der lokalen Medien immer wieder und immer weiter marginalisiert wird.“

    Das kommt uns doch ein bisschen bekannt vor: Wertschätzung.

    Normalerweise ist Wertschätzung etwas, das auf Gegenseitigkeit beruht. Nicht aus gefälligen Worten ohne Folgen. Natürlich kann man sich als Zeitung(en) sagen: Da stürzen wir uns jetzt rein, wir erzählen über alles, was in der Freien Szene passiert. Ist doch toll!

    Haben die oben genannten (und ungenannten) Medien ja auch jahrelang gemacht. Es wurde auch immer geschätzt, Lobesbriefe waren stets vorhanden, („ich kenne da den und den Redakteur, das bekommen wir unter“, bis der Redakteur fehlte).

    Was es aber nie wurde, war: wertgeschätzt.

    Da steckt nämlich das Wörtchen Wert mit drin.

    Kennt man in Leipzig nicht. Auch (noch) nicht in der „Initiative Leipzig + Kultur“.

    Denn so richtig hat keiner der Unterschreiber je begriffen, dass man vielleicht ein paar Jahre durchhält, wenn es immer nur ein Schulterklopfen gibt. Fein gemacht, braver Hund. Schön apportiert.

    Irgendwie scheinen ausgerechnet die Leute, die hier so über das karge Dasein der freien Künstler klagen, nicht mal im Schlaf daran zu denken, dass auch ein Berichterstatter eigentlich arbeitet für das, was dann in der Zeitung so leicht hingehaucht aussieht. Er muss die Szene kennen, er muss sich mit den Machern unterhalten, muss sich Konzerte und Ausstellungen anschauen und wissen, worüber er schreibt. Möglichst kompetent.

    Nur: Wie lange kann man so jemanden halten, wenn der Blattchef Tag für Tag feststellen muss: Keines der ach so wertgeschätzten Häuser gedenkt auch nur einen Teil des Werbebudgets in der und den ach so wertgeschätzten Zeitung(en) zu lassen?

    Denn man hat ja heute so viele Möglichkeiten, sich in den „social media“ Reichweite zu kaufen und zu erarbeiten (Moment, das sind doch Personalkosten ^^). Jeder baut sich eine eigene Community auf, streut seine Veranstaltungen im Netz und erwartet dann trotzdem, dass „die Zeitung“ erstens den Termin ankündigt und dann auch noch profund darüber berichtet.

    Zwischenfrage

    Vielleicht wird LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer die Schreiber einladen zum Kaffee. Wenn er ehrlich ist, wird er ihnen ins Gesicht sagen, dass die Leipziger Kultur keine Ahnung von der Arbeit von Redakteuren hat und von Wertschätzung eigentlich keine Rede sein kann.

    Und er die Seite vielleicht zugunsten der Konzertberichte, an denen die LVZ über den Ticketverkauf bei lokalen Großevents mitverdient, ganz eindampft. Während die so über alle Ozeane hinaus gepriesene Leipziger Szene stets nur an ihren eigenen Brotkorb gedacht hat, gern für sich kämpfen lässt und jede Berichterstattung freudestrahlend abhakt.

    Um sie (Pressespiegel sind wichtig!) wahrscheinlich bei der nächsten Fördergeld-Antragstellung oder Sponsorensuche auch mit in den dicken Ordner packt. Motto: Guckt mal, wie toll wir sind!

    Dumm nur zudem, dass in Leipzig eine Menge Leute so denken, vom Stadtkonzern bis zu den großen „Kulturleuchttürmen“. Sie sind also nicht allein, unsere Freunde in der Szenekultur Leipzigs. Denn wer mag schon kritische Presse?

    Ausflug

    Eine Zeit lang dachten wir, die gute alte Tante LVZ würde darunter vielleicht nicht leiden – immerhin ist man ja zumindest mit gerade den großen Eigenbetrieben von Oper über Gewandhaus und Schauspiel in der Leipziger Kultur teils auch eher inzestuös und personell hochverstrikt. Das schafft zumindest Räume für werbliche Quersubventionierungen auch innerhalb der Zeitung, denn diese Häuser zahlten sozusagen die freie Szene auch über diesen Steuertopf noch ein wenig bei der LVZ mit.

    Aber der Schritt, den Emendörfer gegangen ist, zeigt: Es geht den Kollegen im Peterssteinweg genauso wie uns in den letzten Jahren. Sie haben eigentlich auch die Nase voll von einer Stadt, in der alle nur alles kostenlos haben wollen und nicht bereit sind, ihr Scherflein beizutragen, damit auch gute Berichterstattung über die Freie Szene, Demonstrationen, Bombenfunde, brennende Baustellen, Stadtratssitzungen, Kultur, Abschiebungen, Polizeiarbeit, Streiks, neue Bewegungen und letztlich das Leben in Leipzig weiter stattfinden kann.

    Der letzte Passus des Schreibens ist ja zum Glück an Jan Emendörfer direkt gerichtet. Da muss er sich drüber ärgern, denn der ist eine regelrechte Unverschämtheit, da sie ihm (richtigerweise) auch hinbastelt, dass die wirklichen Entscheidungen längst über ihn hinaus in Hannover beim Madsackverlag getroffen werden:

    „Wir ahnen, dass diese Restrukturierung auf absehbare Zeit nicht zurückgenommen werden wird. Für zukünftige Entscheidungen dieser Art fordern wir, dass die tägliche Arbeit der freien Kulturszene wieder einen festen Platz in der Leipziger Volkszeitung findet. Wir fordern damit nicht nur eine unserer Arbeit angemessene öffentliche Aufmerksamkeit ein. Es geht uns auch darum, dass Leipzig als Stadt der Kultur, der Weltoffenheit und der bürgerlichen Selbstbestimmung wahrnehmbar bleibt.“

    Wenigstens haben sie das gemerkt: Ohne die alten (und neuen) Zeitungen mit ihren aufmerksam (und sich selbst ausbeutenden) Journalist/-innen würde es nämlich keine wahrnehmbare Berichterstattung über „Leipzig als Stadt der Kultur“ geben. Sie wäre einfach nicht existent (oder ein reines Werbeprospekt) und würde nur noch in den edlen Spezialmagazinen stattfinden, die sich einige Häuser in dieser Stadt Kraft der opulenten Förderung durch die Bürger leisten.

    Also gar nicht, weil kaum jemand mit Kunstverstand diese Selbstbeweihräucherungen liest.

    Oder die mit unseren (ja, tatsächlich auch unser aller) steuerlich bezahlte und stetig wachsende Stadtseite „leipzig.de“ der Stadtverwaltung ist zukünftig die neue „Presse“ in Leipzigs Internet. Also Verwaltungsnachrichten im Sinne der Verwaltung von der Verwaltung. Moment! Da war doch was mit dieser lustigen kleinen DDR und Medien vor 1989 …

    Groteske „Heimkehr“

    Es kommt noch so weit, dass wir uns nach 15 Jahren L-IZ.de und nun auch LEIPZIGER ZEITUNG mit einem Transparent an den Peterssteinweg stellen und uns solidarisch erklären mit den Kollegen, die dort nach vielen heftigen Sparrunden noch übrig sind. Und die natürlich jetzt auch noch mit dem Zeitenwechsel kämpfen, denn auch klassischer, lokaler Journalismus findet künftig online statt.

    Oder gar nicht mehr.

    Dann dürfen alle mal fragen, wer dann noch über unsere bejubelte Freie Szene oder den nicht minder wichtigen „Rest“ schreiben wird. Den Rest erledigen dann die „sozialen Netzwerke“. Allerdings ohne journalistischen Inhalte.

    Nachtrag der Geschäftsführung der LZ Medien GmbH (LZ und L-IZ.de): Am 11. Dezember 2019 haben wir nach einem Telefonat eine Einladungsidee an einen der Sprecher der „Initiative Leipzig + Kultur e. V.“, namentlich Falk Elstermann (NaTo Leipzig e.V.) in vorheriger Absprache gesandt. Darin steht, dass es einer gemeinsamen, öffentlichen Debatte zwischen gewichtigen Vertreter/-innen der LVZ, L-IZ.de und Kreuzer bedarf, welche von der Initiative eingeladen und moderiert werden sollte. Und worum es aus unserer Sicht dabei geht.

    Themen: Die Zukunft des lokalen Journalismus in Leipzig. Und die Frage, wie wir alle (Medien, Leser, Macher) darin solidarischer vor allem im Interesse der wenigen noch wirklich vor Ort für 600.000 Einwohner Leipzigs agierenden Journalisten handeln können.Und was von Journalismus zu erwarten ist.

    Da man sich seit sehr vielen Jahren kennt, gehen wir davon aus, dass die „Initiative Leipzig + Kultur“ alles versuchen wird, die entscheidenden Leute der einzelnen Medien zu einer offenen und öffentlichen Debatte auf ein Podium zu laden. Und die genannte Medien ein ebensolches Interesse haben, sich der Diskussion mit ihren Lesern erstmals gemeinsam zu stellen.

    Wir stehen dazu jederzeit bereit, bringen jede Menge Leser/-innen mit. Und übertragen die Debatte gern (auf unsere Kosten) mit allen eingeladenen Medien gemeinsam live im Netz. Ohne „LVZ+“-Modus oder „Freikäufer“-Modell der L-IZ.de oder „Steady“-Einschränkungen des Kreuzers  – aka Paywall – versteht sich.

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