Das Klima für die (ostdeutschen) Regionalzeitungen wird rauer

Für alle LeserWie lange geht das noch gut? Wer dieser Tage Straßenbahn fährt, sieht ja die Kolleg/-innen aus dem Hause LVZ im Straßenbahn-TV emsig Werbung machen für ihre Arbeit. In kurzen Slogans erklären sie, dass sie für die Leser/-innen immerfort auf Achse sind. Schon im April gab es eine ähnliche Aktion an den Werbesäulen in der Stadt. Eine Zeitung kämpft um Aufmerksamkeit. Das ist ein ungewohnter Zustand für die Leipziger Volkszeitung.
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Denn parallel hat sie stillschweigend weitere Teile ihres Angebots abgebaut. Das begann ja schon 2018, als man die Schließung der eigenen Druckerei in Stahmeln beschloss, die dann 2019 auch umgesetzt wurde. Seitdem wird die einst dominierende Leipziger Zeitung in Halle gedruckt. Die zum Haus gehörenden Anzeigenblätter wohl auch. Wobei: Wie viele gibt es denn eigentlich noch?

Stillschweigend sind im Corona-Shutdown mindestens zwei Titel, mit denen der Madsack Konzern in Leipzig noch Geld verdient hatte, aus dem Portfolio verschwunden. Anfangs noch mit dem entschuldigenden Hinweis an die treu gebliebenen Leser/-innen, man verlagere die verbliebenen Anzeigen (sofern die Werbekunden mitmachten) vorübergehend in dem samstags erscheinenden „Sachsen Sonntag“. Natürlich hatten im April viele Ladeninhaber und Gastronomen keinen Bedarf an Werbung, da ihre Geschäfte ja eh geschlossen hatten.

Seit Mai aber sind Handel und Gastronomie zunehmend wieder aus der Versenkung gekommen. Doch die „Leipziger Rundschau“, der zweite Werbetitel aus dem Hause LVZ, tauchte nicht wieder auf, im Gegenteil – sie verschwand völlig von der Angebotsseite der LVZ-Tochter Leipzig Media GmbH.

Genauso wie das „extra“-Blatt, das in der Vergangenheit in den Hausfluren der Leipziger landete. Geblieben sind die LVZ selbst, der „Sachsen Sonntag“ und die quartalsweise erscheinende „Wirtschaftszeitung“, die normale Leipziger gar nicht zu Gesicht bekommen, da sie als B2B-Zeitung konzipiert ist – über Unternehmen berichtet und direkt an Unternehmen geht.

Verschwunden ist auch das Kindermagazin „Schlingel“, einst hervorgegangen aus dem eingekauften „Schlawiner“. Natürlich lebten alle diese Printprodukte von Werbeerlösen. Wenn aber die Anzeigen abwandern – und das tun sie nach wie vor, egal welche hehren Sprüche Konzerne von sich geben, denen die seltsame Politik im Hause Facebook, was Hass-Postings betrifft, nicht gefällt.

Denn indem Facebook nicht redaktionell steuert, was auf seiner Plattform veröffentlicht wird, sogar die Aufregung regelrecht eskalieren lässt, steigert es seine Reichweite und gräbt damit sämtlichen redaktionell gemachten Medien das Wasser ab. Denn Facebook gibt ja kein Geld für Redaktionen aus.

Man lässt sich nur – oft von den ausgelaugten Medien auch noch unterstützt – die Nachrichten einspielen und die Facebook-Nutzer nehmen das dann als reguläre Berichterstattung wahr, ohne auch noch zu prüfen, woher das alles kommt, ob überhaupt noch ein seriöses Medium dahintersteckt oder ein Fakekampagne oder was auch immer.

Das wird unsere Gesellschaft zerfressen, macht es ja sogar jetzt schon, wie am amerikanischen Wahlkampf genauso zu sehen war wie bei den seltsamen Verschwörungsmythen, die seit Beginn der Corona-Pandemie alle „social media“-Kanäle füllen. Und die damit auch Aufmerksamkeit abziehen und immer mehr Menschen (nicht nur den Wendler) in eigenartigen Blasen landen lassen, in denen sie auch noch den größten Blödsinn glauben.

Deswegen ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen, wenn selbst der einstige Leipziger Platzhirsch derart um Aufmerksamkeit kämpfen muss.

Dabei konzentriert sich die Branche immer mehr. Als die LVZ den Druck ihrer Zeitung nach Halle abgab und die eigene Druckerei in Stahmeln dicht machte, war längst schon der nächste Übernahmevertrag für eine ostdeutsche Zeitung in Verhandlung. Im Januar 2020 berichtete dann die ,Volksstimme‘ aus Magdeburg über das Ergebnis: „Das Medienhaus DuMont stößt die ,Mitteldeutschen Zeitung‘ ab. Sie soll zum gleichen Verlag wie die Volksstimme wechseln“.

Vor 20 Jahren hätte das eventuell noch für eine Aufhellung der Stimmung gesorgt: Neue Inhaber, neue Investitionen, frischer Wind.

Aber die „Mitteldeutsche Zeitung“ war für Dumont schon länger ein Sorgenkind. Sie gehörte zum Strauß der Regionalzeitungen, die die Dumont-Verlagsgruppe zu Verkauf anbot. Neben der „Berliner Zeitung“ zum Beispiel, deren Verkauf ja eine Menge Schlagzeilen produzierte.

Gekauft hat die Bauer-Gruppe. Und in der Redaktion der MZ in Halle ist die Stimmung nicht besonders gut seitdem. Das berichtete zumindest die „Süddeutsche Zeitung“.

Aber der Verkauf erzählt eben auch von den gewaltigen Veränderungen in der (ost-)deutschen Verlagslandschaft, die so vor 20 Jahren (da waren Zeitungen noch echte Gewinnbringer) nicht denkbar waren. Die Einflussgebiete der Zeitungstitel waren haarscharf abgeteilt. Jeder versuchte, das Eindringen der Konkurrenz ins eigene Verbreitungsgebiet mit allen Mitteln zu verhindern.

Aber die Zeiten haben sich geändert.

Der eigene Kinder-Titel der LVZ, der „Schlingel“, verschwand – dafür wirbt jetzt das in Dresden produzierte „Kind + Kegel“ auch in Leipziger Straßenbahnen. Und an den Werbesäulen versucht die LVZ massiv, ihr (online-)Abo an Mann und Frau zu bringen. Motto: „Jeder Tag zählt“. Weil: Bis Jahresende ist das Abo kostenlos. Und dann?

Dass Online-Journalismus nur noch mit wirklich zum Mitmachen bereiten Abo-Leser/-innen zu machen ist, hat sich herumgesprochen. Ob sie zahlreich genug mitmachen, weil sie begriffen haben, dass seriöser Journalismus nun einmal jeden Tag auch Kraft und Zeit und Leute braucht, ist freilich eine offene Frage.

Denn unsere Gesellschaft ist gerade in Sachen Medien zu einer Art Kostenlos-Kultur geworden, in der augenscheinlich die Mehrheit glaubt, das alles würde quasi ehrenamtlich erarbeitet und nicht von Journalist/-innen, die dafür jeden Tag die belastbaren Fakten und Informationen zusammentragen.

Doch den Printzeitungen brechen die treuen Altkunden weg, die Auflage schrumpft. Und gleichzeitig schrumpfen die Werbeeinnahmen, weil auch die Werbekunden ihr Geld lieber zu Facebook und Youtube schleppen.

Noch macht zwar ein Madsack-Konzern (zu dem die LVZ gehört) Plus (zumindest bis 2018 war das so), aber das operative Ergebnis schmilzt seit 2017 – unter anderem durch Einführung des Mindestlohnes.

Alles ist in Bewegung. Aber ob die Aussicht, dass sich künftig die meisten Menschen ihre Informationen nur noch aus „social media“ besorgen, so sonnig ist, wage ich zu bezweifeln.

Dazu gehört unter anderem auch eine Meldung des MDR vom Februar 2019: „Die Funke-Mediengruppe prüft einen Umstieg auf ausschließlich digitale Zeitungen. Betroffen davon sind auch die drei zur Funke-Gruppe gehörenden Tageszeitungen Thüringer Allgemeine, Thüringische Landeszeitung und Ostthüringer Zeitung.“

Oder diese hier vom September 2020: „Angesichts sinkender Zeitungsauflagen und alter Druckmaschinen schließt die Funke Mediengruppe Ende 2021 ihr Druckzentrum in Erfurt. Für die 270 Mitarbeiter – 100 Drucker und 170 Versandhilfskräfte – sollen sozialverträgliche Lösungen gefunden werden …“

Das alles wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht ersetzen können. Das wissen zumindest alle politisch Aktiven auf kommunaler Ebene. Aber bevor ich dieses Thema noch eröffne, setze ich lieber erst einmal einen Punkt.

„Die LVZ und ihre Fliegerbombe“ – Eine Streitschrift über Lokaljournalismus, Wert-Schätzung und Abonnements

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