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Leipzig, Weihnachten 1914: Eine Stadt im Krieg

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    Leipzig Weihnachten 1914 ist ein Schatten seiner selbst. 788 haben bereits nach fast fünf Monaten ihr Leben im Krieg gelassen. Das "Augusterlebnis" inklusive einer Rückkehr bis Weihnachten hat sich in hässliche Todesanzeigen in den Leipziger Tageszeitungen verwandelt. Selbst Weihnachten sind die Zeitungen voll damit. Die Stadt ist auf Krieg eingestellt, die Große Leipziger Straßenbahn musste alleine 1.279 Angestellte zum Kaiser schicken.

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    Doch zunächst das Wetter. Die Königlich-Sächsische Landeswetterwarte in Dresden errechnete folgendes für Heiligabend: „Nordostwind, wechselnde Bewölkung, Temperaturrückgang, vorwiegend trocken, Sonnenaufgang 8 Uhr 9, Untergang 3 Uhr 59.“ +++

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    Titelschau am 24. Dezember 1914: Das Leipziger Tageblatt titelt am Morgen: „Die französische Volksvertretung hat gesprochen“ und am Abend: „Die Kriegslage“. Auf der ersten Seite der Leipziger Neuesten Nachricht prangt die große Überschrift: „Ein tapferes österreichisches Unterseeboot.“ Was die französische Volksvertretung von sich gegeben hat und warum ein österreichisches Unterseeboot so tapfer war, dass es auf Seite 1 landete, tut nichts zur Sache. Für den Weltkriegsausgang war das unerheblich.

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    „Wenige Stunden noch, und die Schatten dieser stillen, heiligen Nacht werden sich wieder über die Lande senken. In ihrem Schweigen werden in deutscher Treue die Herzen eines ganzen Volkes zusammen schlagen, das in gläubiger Demut das Liebste, das es besaß, auf dem Altare des Vaterlandes opferte und weiter mit Gut und Blut für das höchste, das es besitzt, seine nationale Ehre, kämpfen wird, bis dereinst die Glocken im Jubelsturm frohlocken: Friede auf Erden“. So endet der Leitartikel des Leipziger Tageblatts zur Situation in Leipzig zu dieser „Kriegsweihnacht“. Kleiner Tipp für diejenigen, die noch mal drüber lesen wollen: Achten Sie auf die Verwendung der Zeitformen und die Vermischung von kirchlichen Symbolen und nationalistischen Begriffen.

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    Bruno Fischer ist am Morgen des Heiligabends eine kleine Berühmtheit in Leipzig. Der Landwehrmann und Geschirrführer bei der Spedition Otto Jäger hat das Eiserne Kreuz erhalten. So meldet es das Tageblatt in seiner Ausgabe am Vorabend des Heiligen Abend. Die weiteren Ordensverleihungen können die Leser des Tageblatts der kompletten Seite 9 entnehmen. Am Abend ist die Liste der Empfänger des Eisernen Kreuzes länger. Unter ihnen sind auch Stadtbedienste wie der Ratsbote Paul Rehde oder der Ratsdiener Walter Kruschwitz.

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    In der Abendausgabe gibt das Leipziger Tageblatt seinen Kunden noch eine Geschichte zur Kriegsweihnacht 1870 an die Hand. „Wie König Wilhelm I. im Jahre 70 Weihnachten feierte.“ Dazwischen finden sich ausgedehnte Berichte über die Kriegslage, Weihnachten an der Front, ja selbst ein Artikel von Julius Hirsch, dem Kriegsberichterstatter, ist abgedruckt. Die Zwischenüberschriften auf den Zeiten des Tageblattes lesen sich wie folgt: „In der Tuchhalle von Ypern“, „Der Österreichische Tagesbericht“, „Die Stimmung in Warschau“, „Die Arbeitslosigkeit in England“.

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    Kein Tanz am Heiligabend, aber das Verbot kommt nicht von der Stadtverwaltung. „Nach einer Bekanntmachung der Kgl. Kreishauptmannschaft Leipzig vom 23. d. M. hat das Kgl. Stellvertretende Generalkommando des XIX Armeekorps […] die Abhaltung jeglicher Tanzveranstaltungen in seinem Korpsbezirk verboten.“

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    Gesungen werden darf aber. Der Philharmonische Chor besucht jedenfalls verschiedene Lazarette in Leipzig. Darunter das am Nordplatz in der Oberrealschule (heute Leibniz-Gymnasium/Anm. des Autors) und im Reservelazarett 1. Auch in der Lessingstraße befindet sich ein Lazarett.

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    Unterstützung in Kriegszeiten. In Wiederitzsch erhält jede Frau eines Feldzugsteilnehmers täglich 1,05 Mark und jedes Kind (bis zu 3 Kinder) 0,35 Mark. Wo besonders zahlreiche Familie vorhanden ist, werden noch Naturalien, wie Brot, Kartoffeln usw. unentgeltlich gewährt. Und Weihnachten gibt es noch eine zusätzliche milde Gabe für die, die dem Kaiser kurzerhand ihren Ernährer senden mussten. „Als Weihnachtsgabe überreicht die Gemeinde an jede Ehefrau 1 Paket im Werte von je 3 Mark und jedem Kind 2 Mark in bar, der Kgl. Sächsische Militärverein gewährt jeder Ehefrau 5 Mark und je 1 Kind 1 Mark, die Feuerwehr für jede Familie 10 Mark.“

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    Auch die Große Leipziger Straßenbahn kommt in Kriegszeiten nicht ohne Veränderungen aus. „Die Direktion der Großen Leipziger Straßenbahn hat für ihre Angestellte eine Kriegszeitung herausgegeben“, berichten die LNN. Bis Weihnachten haben bereits 24 Angestellte „den Heldentod fürs Vaterland erlitten“. 1.279 Angestellte dienen derzeit dem „Vaterlande in Heer und Flotte“ Als Familienunterstützung hat das Unternehmen bis dato 179.000 Mark ausgezahlt.

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    Auch die Lehrer sammeln Geld für die Krieger des Vaterlandes. „Die Vereinigung der Lehrer an den städtischen höheren Schulen Leipzigs hat seit September eine regelmäßige Selbstbesteuerung unter ihren Mitgliedern ins Leben gerufen.“ Bis jetzt ist die Kasse mit satten 19.000 Mark gefüllt. Die Hälfte soll an die Kriegsnotspende gehen, die andere Hälfte soll in zwei Teile geteilt werden: Ein Teil bildet den Grundstock zur Unterstützung etwaiger Opfer aus den eigenen Reihen, der andere Teil geht an die Nationalstiftung „für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen.“

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    Zwischenstand. „Die Zahl der von den Leipziger Standesämtern bis zum 19. Dezember beurkundeten Sterbefälle von deutschen Kriegsteilnehmern beträgt insgesamt 788.“

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