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Vor 130 Jahren (3): Eine Zeitreise in den Leipziger Osten des Jahres 1886

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    Das nachfolgende Ereignis erscheint heute vielleicht nebensächlich, doch damals war der Nachrichtenwert hoch. Die Leipziger Vororte haben selten mehr als einen Arzt für alle Einwohner, immerhin für einige tausend Personen. Von daher war das Wohlbefinden von Herrn Dr. med. Kohl für die Bewohner des Leipziger Ostens nicht unwichtig. Zumal die meisten noch durch eine Hausbeleuchtung tappern mussten, welche den Namen kaum verdient. Unterdessen bekommt der Osten das erste Mal echte Wachstumsschmerzen, vor allem entlang der Eisenbahnstraße – es wird Geld benötigt. Und die Polizei wird angefordert, weil an der Konradstraße vermehrt Steine fliegen.

    Das Reudnitzer Tageblatt vom 8. Januar zur Causa Dr. med. Kohl: „Allgemeines Bedauern erregt ein verhängnisvoller Unfall, welcher Herrn Dr. med. Kohl, den bekannten Arzt unseres Ortes getroffen. Derselbe hat bei einer kürzlich ausgeführten Entbindungsoperation einer kleineren am Finger befindlichen Wunde nicht die gehörige Beachtung geschenkt; infolge dessen trat eine schwere Blutvergiftung ein, die anfänglich das schlimmste befürchten ließ. Die Ueberführung des Patienten nach der chirurgischen Klinik des Herrn Dr. Tillmann in Leipzig erfolgte alsbald und es ist, wie wir aus dieser Quelle erfahren, die Gefahr vollständig beseitigt und Herr Dr. Kohl auf dem Wege der Besserung.“

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    Knatsch im Kiez, während einige Gasleuchten die Straßen erhellen, macht das Petroleum-Licht in den Treppenhäusern Ärger. Oder die kurzsichtige Politik? Für die Journalisten ein klarer Fall, für heutige Lesegewohnheiten ist der Ruf nach einer klugen Politik in Sachen Hausbeleuchtung in einen geradezu ungeheuerlichen Schachtelsatz verpackt.

    „Neustadt. Hatten wir bisher daß Gerücht, wonach unser wohllöblicher Gemeinderat die Treppenbeleuchtung mit nur einer Lampe für jedes Grundstück beschlossen habe, für eine Ironie hinsichtlich der vielerlei Arten der in mehreren Gemeinden zur Einführung gelangten Treppenbeleuchtung gehalten, so sind wir doch durch das veröffentlichte Regulativ eines andern belehrt, indem dasselbe wirklich besagt, daß Hausfluren und Treppen bis abends 9 Uhr mit mindestens einer Lampe zu erleuchten sind.“

    Nein, dieser war noch nicht der Nebensatzgewinner des Artikels zur Dunkelheit im Hausflur, der aus gerade einmal vier Sätzen besteht. „Gewiß eine Form, welche Verwunderung erzeugen muß, da es unsers Erachtens unmöglich ist, mit einer Lampe 4 Treppen und die Hausflure zu erleuchten, zumal diese ‚mindestens eine Lampe‘, wie Einsender dieses aus bester Erfahrung weiß, bei uns oft zu einem armseligsten ‚Lämpchen‘ degradiert ist, deren Anblick schon der Vermutung Raum gibt, daß sich der betreffende Besitzer ernstlich mit der Lösung des Problems, bei einem Pfennig Petroleum pro Woche, eine möglichst kleine Leuchtkraft zu erzielen, befaßt. Man scheint demnach schon von vornherein nur an eine halbe resp. teilweise Beleuchtung gedacht zu haben.“

    Was folgt, ist die deutlich sarkastische, „ergebenste Bitte“, die Herren Politiker mögen selbst einen Praxistest durchführen. „Sollte das nicht der Fall sein, so erlauben wir uns an unsere Gemeindeväter die ergebenste Bitte zu richten, eine Kommission aus ihrer Mitte zu ernennen, die der Einwohnerschaft das Kunststück vormachen soll, mit dieser mindestens einen Lampe ein vierstöckiges Grundstück genügend zu beleuchten; wir sind der festen Ueberzeugung, daß den Herren für das Gelingen dieser dann außerordentlichen Leistung die verdiente Anerkennung nicht versagt wird.“

    Heute würde wohl so mancher rufen, man möge doch endlich Berichterstattung und Kommentar trennen. Schon dem Schreiber des Reudnitzer Tageblattes war es 1886 offensichtlich schnurz.

    Eine Skizze zu den Ortsteilen im Jahr 1875 von Harald Stein. Skizze: Harald Stein
    Eine Skizze zu den Ortsteilen im Jahr 1875 von Harald Stein. Skizze: Harald Stein

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    Der industrielle Fortschritt und der stetige Strom der Menschen aus den ländlichen Gegenden in die Stadt machen sich bemerkbar. Und immer mehr Einwohner bedeuten auch immer mehr öffentliche Einrichtungen. Wer weiß das besser als die heutigen Leipziger, während die Stadt erneut stramm auf die 600.000 Einwohner zusteuert und mit Schulbauten, Kitas und Schwimmhallen kaum nachkommt? Der unbekannte Redakteur des Reudnitzer Tageblatts kennt sich ebenfalls aus und sieht Handlungsbedarf.

    „Neuschönefeld gehörte noch vor 5 Jahren zu denjenigen Ortschaften der Umgegend Leipzigs, von welchen man allgemein das Gegenteil von „arm“ sprach und das mit Recht. Die Schulden des Schleusenbaus und der Schule (Schule an der Rudolphstraße, heute Lorenzstraße) waren so weit getilgt, daß nur noch einige Jahre nötig waren, den Rest zu tilgen und während damals die Nachbargemeinden die Steuerschraube anzuziehen gezwungen waren, befand sich Neuschönefeld in der angenehmen Lage, von 30 auf 20 Prozent herabzugehen. Es war dies die goldene Zeit, wo sich der Neuschönefelder etwas Besseres dünkte, als seine Nachbarbewohner und wenn wir sagen, daß man es zu jener Zeit für Glück hielt, in Neuschönefeld eine Logis zu bekommen, so klingt dies zwar sehr unwahrscheinlich, war aber Thatsache.“

    Doch damals wie heute hat der Aufstieg auch eine bekannte Kehrseite: „Freilich ahnte man noch nicht, daß in so kurzer Zeit die Notwendigkeit eintreten werde, eine neue Schule zu bauen und weitere Lehrkräfte anzustellen, ging man doch von der Ansicht aus, daß sich der Ort, der vor 20 Jahren bereits soviele Bewohner gezählt habe, nicht vergrößern und deshalb eine solche Notwendigkeit nie eintreten könnte.“

    1864 zählte der Ort 5.343 Einwohner, jetzt sind es 6.142 Einwohner, ein neuer Kindersegen scheint auch begonnen zu haben. Man fühlt sich beim Überraschtsein ein wenig an die vergangenen drei Jahre im heutigen Leipzig erinnert.

    Denn weiter heißt es: „Aber wie anders ist es doch mit der Zeit gekommen. Die Schülerzahl hat sich von Jahr zu Jahr vergrößert, der Aufwand ist deshalb erhöht worden und wer es weiß, daß alleine eine einzige Lehrkraft einen Zuschlag von 5 Prozent erfordert, der wird es auch begreiflich finden, daß die Steuer von Jahr zu Jahr hat erhöht werden müssen. Und es ist noch keine Aussicht vorhanden, daß sich die Verhältnisse bessern werden. Die bereits entstandenen und noch entstehenden großen Neubauten in der unteren Eisenbahnstraße und die in Aussicht gestellten 6 weiteren vor dem Fabriketablissement des Herrn Glitzner lassen auf wiederholte Vermehrung der Ausgaben, welche sich bekanntlich zu den Einnahmen wie 10 zu 1 stellen, schließen.“

    Seltsam, wie sich die Themen doch über 130 Jahre hinweg gleichen. Der Lehrermangel im Jahr 1886 und niemand konnte es ahnen …

    Das Reudnitzer Tageblatt – Kurzinfo

    Heinrich Julius Mäser (* 1. Juni 1848 in Dresden; † 24. Januar 1918 in Leipzig) war ein deutscher Buchdrucker und seit spätestens 1880 gemeinsam mit dem Leipziger Richard Härtel Herausgeber des „Reudnitzer Tageblattes“.

    Nach Wanderjahren, welche ihn nach Chemnitz, Stuttgart, Köln, Hagen und anschließend in die steirischen Hauptstadt Graz geführt hatten, wurde er am 1. April 1875 nach Leipzig gerufen und dort als Geschäftsführer der Produktivgenossenschaft Deutscher Buchdrucker eingesetzt. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Richard Härtel (1835-1903), welcher immerhin der damalige Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Buchdrucker war, gab Mäser das „Reudnitzer Tageblatt“ heraus. Im angehenden 20. Jahrhundert benannte sich die Zeitung in „Vorstadt-Zeitung“ im Osten Leipzigs um. Mäser war Vorsitzender der Buchdruckerinnung. Bis 1905 war er Mitglied der Leipziger Stadtverwaltung.

    Die Druckerei und das Technikum des „Reudnitzer Tageblattes“ befanden sich unter der Hausnummer 13–17 in der Senefelder Straße, einer Seitenstraße, die von der heutigen Dresdner Straße abgeht. (Quelle Wiki)

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    Westlich von Leipzig 1886

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    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/10/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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