Personen und Ereignisse, Traditionen, Bauwerke und anderes Erinnerungswürdiges, mehr oder minder in Vergessenheit geraten oder unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung – sie stehen im Mittelpunkt dieser Serie. Diesmal geht es aus aktuellem Anlass um Deutschlands selbsternannten „Panik-Präsidenten“ Udo Lindenberg und sein besonderes Geburtstags-Jubiläum. Udo? 80? Kann nicht sein, keinesfalls. Fake News! Falschmeldung! KI-Fehler!

Oder vielleicht doch? Wie jetzt? Mal langsam: Udo Lindenberg und 80 Lebensjahre – das soll zusammengehen?

Wikipedia bestätigt: „Udo Gerhard Lindenberg wurde am 17. Mai 1946 als Sohn von Hermine und Gustav Lindenberg, einem Installateur, geboren und wohnte bis zu seinem 15. Lebensjahr in Gronau/Westfalen.“ Also doch. 80 Jahre – der Udo. Der selbsternannte Panik-Präsident. Kaum zu glauben: acht Jahrzehnte!

Wenn es bei Liedern richtig funkt, schlagen sie Wurzeln in den Seelen und den Herzen ihrer Hörer – manche gar für ewig. Auf zur Udo-Lindenberg-Zeitreise als persönlicher Schnelldurchlauf – mit Titeln aus mehr als fünf Jahrzehnten Udo-Karriere:

„Horizont“ (1986): „Hinterm Horizont geht’s weiter, ein neuer Tag. Hinterm Horizont immer weiter, zusammen sind wir stark! Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein. Sowas Großes geht nicht einfach so vorbei!“ Klare Worte, eingängige Melodie, eindeutige Botschaft.

Oder? Da ist das Wort „Blitz“: „Du und ich, das war einfach unschlagbar, ein Paar wie Blitz und Donner. Zwei wie wir, die können sich nie verlier′n.“ Udos langjährige Weggefährtin Gabi Blitz stirbt plötzlich mit 33 Jahren – und der trauernde Udo schenkt ihr mit diesem Lied ein klangvolles Denkmal. Selten ist ein Abschieds- und Trauerlied zugleich so beschwörend optimistisch.

Stark wie zwei

„Stark wie zwei“ (2008): Udo verliert von jetzt auf gleich seinen Bruder, den Künstler und Maler Erich Lindenberg (1938–2006). Beide sind eng miteinander verbunden, Udo ist tief getroffen. Monate später entstehen das Lied „Stark wie zwei“ und das gleichnamige Album: „Stark wie zwei, ich geh’ die Straße runter, stark wie zwei. Egal, wohin ich geh’, du bist dabei. Ich bin jetzt stark wie zwei.“ Es wird Udos erstes Studio-Album, das auf Platz 1 der deutschen Albumcharts stürmt.

„Stark wie zwei“ und „Horizont“ beweisen: Udo Lindenberg hat außergewöhnliche Qualitäten als Stehauf-Mann: „Hinfallen – aufstehen – Udo-Hut richten – weitergehen“! Es gelingt ihm ein ums andere Mal, sich aufzurappeln von ganz tief unten.

„Unterm Säufermond“ (1991) und „Woddy Woddy Wodka“ (2008): Selbstbekenntnisse aus nüchternen Momenten. Apropos aufrappeln: Udo bekommt das langjährige Problem in den Griff.

Udo Lindenberg halboffiziell beim Wacken Open Air 2015. F. Schwichtenberg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42083372
Udo Lindenberg halboffiziell beim Wacken Open Air 2015. F. Schwichtenberg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42083372

„Sie brauchen keinen Führer“ (1984) und „Bunte Republik Deutschland“ (1989): Udo ist einer der Künstler, die immer wieder ihre politische Meinung kundtun. Die zeigen, wofür sie stehen – und wogegen. Respekt!

„Smog-Rock“ (1985): Gern auch mal – aus heutiger Sicht – skurril und albern, etwa wenn er singt: „Oh Baby, Baby, nimm die Gasmaske ab! Ich will dich küssen – Smog-Rock.“

Club der Millionäre

„Hermine“ (1988) und „Gustav“ (1991) sowie „Belcanto“ (1997) und „Atlantic Affairs“ (2002): Udo kann musikalisch auch ganz anders – und das auf hohem Niveau. Diese vier Alben beweisen das. Bei „Belcanto“ ist er mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg unterwegs – und trifft etwa in Leipzig im ausverkauften Gewandhaus auf hochbegeistertes Publikum! Bei „Atlantic Affairs“ ist Udo mit zahlreichen Begleitern ebenfalls auf Revue-Tour.

„Club der Millionäre“ (1991): „Ach wie gerne wäre ich im Club der Millionäre.“ Udo ist von Anfang an der mit allen Wassern gewaschene Geschäftsmann – und wird so frühzeitig der erste Deutschrock-Millionär. Im Laufe der Jahrzehnte schart er Leute um sich, denen er vertraut, die Vollprofis sind und sich auskennen mit Musik und Marketing, mit Rechten und Lizenzen, mit State-of-the-Art-Tourneen und Merchandising. Um ihn und sein Schaffen ist der hocheffiziente „Udo-Lindenberg-Konzern“ entstanden.

Zurück zum Lied: „Das einzige Problemchen, das ich vielleicht dann hätt’: Finden die Mädels wirklich mich oder meine Kohle nett?“ Auch Millionäre haben’s schwer …

„Sonderzug nach Pankow“ (1983), „Helmut Owiewohl“ (1985) und „Hallo Angie, das merkel ich mir“ (2005): Wer in der Politik weit oben steht, wird irgendwann Zielscheibe für Udo Lindenberg. Das hat Angela Merkel ebenso erlebt wie Helmut Kohl und Erich Honecker. Doch bei SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat „uns’ Udo“ Beißhemmung – warum nur? Da muss 2002 Stimmen-Imitator Elmar Brandt die Lücke füllen und veröffentlicht den „Steuersong“.

„Wir wollen doch einfach nur zusammen sein – Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973) und „Rock ‘n’ Roll-Arena in Jena“ (1976): Udo hat frühzeitig ein Herz für die Menschen jenseits der deutsch-deutschen Grenze – und macht das in seinen Liedern herzergreifend öffentlich. Damit gewinnt er in der DDR viele Fans – und die meisten sind ihm bis heute treu geblieben. Mit den Rock-Arenen in Mitteldeutschland klappt es nach 1990 – nur leider nicht in Jena.

Ich zieh’ meinen Hut

„Ich zieh’ meinen Hut“ (2008): Schonungslose Selbstanalyse. Und berührendes Liebeslied: Denkt da außer mir noch jemand an Tine Acke, Udos Lebensgefährtin und Fotografin?

Udo Lindenberg engagiert beim Anti-WAAhsinns-Festival gegen die kerntechnische Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (WAA) in Burglengenfeld am 26./27. Juli 1986. Herbert Grabe, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Udo_Lindenberg_im_Interview_auf_dem_Anti-WAAhnsinns-Festival_gegen_die_Wiederaufarbeitungsanlage_Wackersdorf_(WAA)_in_Burglengenfeld_1986.JPG
Udo Lindenberg engagiert beim Anti-WAAhsinns-Festival gegen die kerntechnische Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (WAA) in Burglengenfeld am 26./27. Juli 1986. Herbert Grabe, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Udo_Lindenberg_im_Interview_auf_dem_Anti-WAAhnsinns-Festival_gegen_die_Wiederaufarbeitungsanlage_Wackersdorf_(WAA)_in_Burglengenfeld_1986.JPG

„Brief an den Jungen, der ich vor 30 Jahren war“ (1995): Weniger bekannt – sehr hörenswert. In Udo ist eine zarte Seele zuhause. „Und ich schreib’ diesen Brief an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war. Manchmal so’n bisschen vergessen, aber heute Nacht biste wieder richtig da. Keine Adresse – wo schick ich ihn bloß hin? Ich steck’ ihn einfach in die Tasche, weil ich dieser Junge doch selber bin.“

„No Future“ (1982) und „Der einsamste Moment“ (2016): Momente bohrender Zweifel und drohender Resignation gehören bei Udo dazu. „Seinen alten Kumpel Hoffnung hält er im Arm, so fest er kann. Wir wollten doch die Welt verändern – irgendwann. Und er fragt sich, ob er mit seinen Liedern überhaupt was erreichen kann. Wir wollten doch die Welt verändern – irgendwann. Sag mir wann.“ Zur Matrix des Udo Lindenberg gehört aber auch, stets wieder auf das Prinzip Hoffnung zu setzen. Trotz alledem!

Udo Lindenberg hat – so viel steht fest – ein außerordentlich herausragendes Kapitel deutscher Musikgeschichte geschrieben.

Herzliche Gratulation, großes Dankeschön und Chapeau, Herr Panik-Präsident!

Holger Zürch hat zwei Bücher über Udo Lindenberg veröffentlicht – im Jahr 2007 „Panik pur – 35 Jahre Udo Lindenberg“ und 2012 „Panik pur 2 – 40 Jahre Udo Lindenberg“.

***

Postskriptum: „Udo Lindenberg – Die Freiheitsstatue am Ausgang des Hamburger Hafens“
Fundstück aus dem Jahr 1994:

„Die Behauptung, daß mit ihm die Rockmusik in deutscher Sprache recht eigentlich begonnen hat, ist mittlerweile bewiesene Geschichte, ja Legende. Udo Lindenberg hat mit seiner Mischung aus Flapsigkeit, verletzter Zartheit und abwehrender Coolness Türen aufgemacht, von denen viele, die nach ihm kamen, gar nicht ahnten, daß sie vorhanden waren. Kein Guru, kein Übervater, vor solchen Vergleichen würde es ihn grausen – aber ein Wegbereiter, die Freiheitsstatue am Ausgang des Hamburger Hafens.

Udo hat mir und zahlreichen Kollegen vorgemacht, daß das geht: Die glückliche, lockere Versöhnung unserer kantigen, knirschenden, konsonantenreichen Muttersprache mit der biegsamen, vieldeutigen, groovenden Musik der Leute aus Liverpool und Memphis, Tennessee, mit der Musik, die eben auch unsere Musik ist, uns in Fleisch und Blut übergegangen, aus den sprichwörtlichen Kofferradios an den sprichwörtlichen Baggerseen als seelische Infusion zu unserem Flugbenzin geworden, da wir keine eigenen unverdorbenen „roots“ haben, auf die wir uns beziehen könnten.

In einigen Vier-Augen-Gesprächen hatte ich das aufreibende Vergnügen, einen Udo Lindenberg kennenzulernen, der sich für die atempausenkurze Dauer eines intensiven Gedankenaustauschs unbeobachtet, unverfolgt, unverstellt fühlte – die Gefahr, im monumentalen Schatten des eigenen Denkmals in Reptilienstarre zu verfallen, ist ihm mehr als bewußt. Bei diesen wenigen warmen Gelegenheiten erlebte ich einen nachdenklichen, leisen Hauptdarsteller, eine entwaffnend verunsicherbare Person, die auf schwindelerregende, lebensgefährliche Weise mit der von ihr selbst kreierten Kunstperson Udo zusammenfällt, sobald ein Dritter den Raum betritt.

Hinter dem Killer mit den knallengen Lederhosen steht ein anderer, weitaus tieferer Mann, und daß der öffentlich einen Gürtel trägt, auf dem Panik steht, ist kein Zufall.“

Heinz Rudolf Kunze als „Betriebsratsvorsitzender“ der beteiligten Musiker und Bands der CD „Hut ab! Hommage an Udo Lindenberg“ aus dem Jahr 1994 (Booklet, Auszüge)

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar