Illustrierte Idylle? – Am 7. November wird eine Tresorausstellung zur legendären „Gartenlaube“ eröffnet

Es gab mal Zeiten, da war Leipzig wirklich eine Medienstadt, da wurden hier Medien produziert, die überregional für Aufmerksamkeit sorgten. Dazu gehört auch das legendäre Schlachtschiff aller Unterhaltungsmagazine in deutscher Sprache: "Die Gartenlaube". Immerhin ein Heft, das die Deutsche Nationalbibliothek zu der Frage animiert: "Wer vermutet schon, dass die modernen Boulevardmagazine im Hochglanzstil ihren Ursprung in den Zeitschriften haben, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit schwarz-weißen Holzstichbildern den Beginn der illustrierten Massenpresse einläuteten?"
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„Die Gartenlaube“ – 1953 von dem Verleger Ernst Keil in Leipzig gegründet – war jahrzehntelang das auflagenstärkste und wirkmächtigste Massenblatt dieser Anfangszeit. Das „Illustrierte Familienblatt“ ist mit seinen unterschiedlichen inhaltlichen und ästhetischen Gesichtern ein Spiegel des Zeitgeschmacks und eine reiche Quelle der Kulturgeschichte, gilt aber zugleich als weltfremd-verklärendes, sentimentales Unterhaltungsmedium.

Mit den Inhalten selbst beschäftigt sich die Ausstellung, die am Donnerstag, 7. Oktober, in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig eröffnet wird, nicht. Das wäre eher Thema für eine richtig große Monographie, denn „Unterhaltung“ wurde in diesem Wochenmagazin durchaus breiter definiert als in den meisten Magazinen, die sich heute in diese Sparte einsortieren. Es durfte durchaus auch mal diskutant, politisch und geistig anspruchsvoll sein. Zu den Autoren, die in der „Gartenlaube“ veröffentlichten, gehörten Alfred Brehm, Theodor Fontane, Friedrich Gerstäcker, Karl Gutzkow und Levin Schücking.

Dass heute in der Retrospektive meist die idyllische Gartenlaube gesehen wird, hat natürlich auch mit den diversen Phasen und inhaltlichen Veränderungen in dieser Zeitschrift zu tun, die 1853 war von Ernst Keil ins Leben gerufen wurde. Nur herausgeben durfte er sie nicht selbst. Wegen eines Pressevergehens hatte der Leipziger Verleger alle Ehrenrechte verloren. Der 1816 in Langensalza geborene Keil gehörte zu den wichtigsten liberalen Stimmen des Vormärz, unter dem Titel „Der Leuchtturm“ gab er eine der wichtigsten liberalen Publikationen vor der Revolution von 1848 heraus, wusste auch die kurzzeitig errungene Pressefreiheit zu schätzen, geriet aber 1851 wieder in die Mühlen der reaktionären Pressezensur. Was ihm eine neunmonatige Gefängnisstrafe auf der Hubertusburg eintrug. Da ging es ihm ein bisschen wie einem Burschen namens Karl May, der während seiner Haftzeit den Weg zum Abenteuerschriftsteller einschlug. Keil kam auf der Hubertusburg die Idee zur „Gartenlaube“, die dann die ersten neun Jahre von Ferdinand Stolle herausgegeben wurde. Bis Keil selbst 1862 das Ruder selbst übernehmen konnte.

Keil findet man übrigens auch in der neu gestalteten Dauerausstellung zur „Moderne“ in Leipzig im Alten Rathaus. Da sitzt er mit anderen 1848ern am so genannten Verbrechertisch, der seinerzeit in der Gaststätte „Zur guten Quelle“ am Brühl stand und wo sich jene trafen, die in die Justizmühlen der Restauration geraten waren. Und wenn man die „Gartenlaube“ mit Idylle assoziiert, vergisst man zwei wesentliche Aspekte, die der Unterhaltungszeitschrift in ihrer Frühzeit Resonanz und Achtung verschafften – ihren Bildungsanspruch und ihre liberale Haltung.

Und das spiegelt sich auch in der Bilderwelt des Magazins, die immer wieder auch die modernsten Strömungen der Zeit aufgriff.Über diese Bilderwelt der „Gartenlaube“ spürt die Kabinettausstellung im Tresor der Deutschen Nationalbibliothek dem Wandel nach, den die Zeitschrift vom liberaldemokratisch geprägten Journal populärer Wissensvermittlung und literarischer Unterhaltung zum Werbeträger und schließlich zum Medium der nationalsozialistischen Presse genommen hat. Keil war 1878 in Leipzig gestorben. Er konnte natürlich nicht ahnen, was aus seiner zeitweise in 375.000 Exemplaren gedruckten Zeitschrift einmal werden würde. Der Abstieg zu Idylle, Mainstream und kleinbürgerlichem Konservatismus begann schon 1906 mit dem Verkauf des Blattes an den konservativen Scherl-Verlag, der die „Gartenlaube“ 1916 an Alfred Hugenberg weiterverkaufte, der mit seinem Medienimperium wesentlich zum Niedergang der Weimarer Republik und zum Aufstieg Adolf Hitlers beitrug.

Die Ausstellung „Illustrierte Idylle? Die Gartenlaube: Gesichter eines Massenblattes“ wird am Donnerstag, 7. November, um 19.00 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek (Deutscher Platz 1) eröffnet. Zur Eröffnung sprechen Michael Fernau, Direktor der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, und Dr. Stephanie Jacobs, Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. Und zur Geburt der Zeitschrift selbst spricht Prof. Dr. Patrick Rössler, Universität Erfurt: „… eine epochemachende Idee aus Zelle 47“. Zur Führung durch die Ausstellung lädt anschließend Hannelore Schneiderheinze. Für Musik sorgen die Leipziger Salon-Philharmoniker.

Die Ausstellung ist vom 8. November 2013 bis zum 11. Mai 2014 zu sehen.

Führungen durch die Ausstellung „Illustrierte Idylle? Die Gartenlaube: Gesichter eines Massenblattes“ gibt es am 28. November um 17 Uhr, am 5. Dezember um 10.30 Uhr und am 12. Dezember um 17 Uhr.

www.dnb.de


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