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Die Universitätsbibliothek Leipzig zeigt den faszinierten Blick der Europäer auf unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen

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    Manchmal verbergen sich Schätze in der Bibliothek, von denen nicht einmal der Bibliotheksdirektor weiß. Was ja vorkommen kann bei über 5 Millionen Büchern, wie in der Universitätsbibliothek. Da kann dann auch mal ein Historiker und Buchautor wie Mustafa Haikal anklopfen mit der Botschaft: Sie haben da einen kleinen Schatz im Bestand, Herr Schneider.

    Und Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Leiter der Universitätsbibliothek Leipzig, durfte staunen und nachschauen. Und tatsächlich: Rund 450 Bücher im Bestand aus der Zeit zwischen 1500 und 1900 erzählen von der langen und höchst faszinierten Beschäftigung der Europäer mit unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen. Das älteste Buch, das sich mit Menschenaffen beschäftigt, stammt von 1502 und zeichnet die Tiere noch als halb mythische Wesen, was sich in den folgenden Jahrhunderten auch kaum änderte. Denn mit Menschenaffen kamen Europäer nur selten in Berührung. Manchmal gelangten einzelne Exemplare nach Norden – starben aber oft genug eines frühen Todes, weil man in Europa natürlich auch noch nicht wusste, wie man mit den Tieren aus warmen Zonen umgehen musste.

    Es war ein langer – und für die Tiere in der Regel tragischer – Lernprozess, was der Faszination in Europa keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Gerade die Bücherschätze der Leipziger Universitätsbibliothek erzählen davon, wie europäische Autoren und verstärkt immer mehr Naturwissenschaftler versuchten, die fremden Tiere zu beschreiben, einzuordnen und ihre Lebensweise zu verstehen. Was ihnen freilich erst möglich wurde, als auch immer öfter europäische Expeditionen in jene Regionen vordrangen, in denen die nächsten Verwandten des Menschen zu Hause waren.

    Was dann freilich auch wieder Prozesse einleitete, die den Lebensraum der Primaten bis heute immer mehr schwinden ließen.

    „Aber es ist schon verblüffend, wie viel mehr wir heute über die Lebensbedingungen der Menschenaffen wissen als noch vor 150 Jahren“, sagt Dr. Jörg Junhold, Direktor des Leipziger Zoos. Am heutigen 1. April kann er zusammen mit den Forschern aus dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie – und den Besuchern des Zoos natürlich – feiern: Denn vor genau 15 Jahren wurde Pongoland eröffnet, wo seitdem alle vier bekannten Menschenaffenarten unter einem Dach zuhause sind und von den Max-Planck-Wissenschaftler erforscht werden können.

    Blick in die Ausstellung "Unerhörte Nähe". Foto: Ralf Julke
    Blick in die Ausstellung „Unerhörte Nähe“. Foto: Ralf Julke

    Dabei taucht natürlich so manches Motiv wieder auf, das Schimpansen, Orang-Utans, Bonobos und Gorillas für die Autoren und Tierschaubesucher der Vergangenheit so zum Faszinosum und zur Sensation gemacht hat. Nicht ohne Grund heißt jetzt die Ausstellung in der Universitätsbibliothek Albertina, die am Donnerstag, 31. März, eröffnet wurde, „Unheimliche Nähe. Menschenaffen als europäische Sensation“.

    Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Zoo Leipzig und passt – so Junhold – natürlich prima ins Jubiläum von Pongoland.

    Aber ganz so zufällig kam es nicht, denn der Historiker Dr. Mustafa Haikal ist ja im Leipziger Zoo selbst fast zu Hause. Seit 20 Jahren hat er schon verschiedene Bücher zur Leipziger Zoogeschichte geschrieben. Vor 15 Jahren begann er mit Jörg Junhold zusammen die Vorbereitung der Jubiläumsschrift „Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig“. Die Löwen kamen dann auch in anderen Buchveröffentlichungen wieder vor.

    Aber das Thema Menschenaffen hat den Leipziger Historiker in den letzten Jahren zunehmend beschäftigt: 2011 mit der Jubiläumsschrift für den Dresdner Zoo „Der Gesang des Orang-Utans“, zwei Jahre später mit „Master Pongo. Ein Gorilla erobert Europa“. Seine akribische Arbeitsweise hatte Junhold ja schon kennenlernen können. Das 15-jährige von Pongoland kam nicht ganz zufällig. Und als Mustafa Haikal dann Dr. Ulrich Johannes Schneider ansprach, wusste er schon ganz genau, was man im Depot der Universitätsbibliothek alles finden würde. Und was man draus machen könnte.

    Denn die Autoren all jener Bücher, die sich mit dem Phänomen Menschenaffe beschäftigten, versuchten die Bücher natürlich auch entsprechend zu bebildern – mit den Möglichkeiten der Zeit. Und bis ins 19. Jahrhundert hinein merkt man, dass viele Illustratoren keine Möglichkeit hatten, echte Menschenaffen zu beobachten – gar in ihrem natürlichen Lebensumfeld. Oft wurden Skizzen und Studien erst angefertigt, wenn das Tier schon  tot war, oft wurden alte Vorlagen immer wieder neu verwendet.

    Es gibt also eine Menge Bildmaterial, auf das für die jetzige Ausstellung zurückgegriffen werden kann. Aber es zeigt eigentlich mehr als die naturwissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Tieren, die sich für Manchen so verblüffend oder erschreckend menschlich benahmen. Es ist eigentlich eine in Büchern festgehaltene Befremdung und Annäherung gegenüber den faszinierenden Tieren. Und warum das über Jahrhunderte fast mystische Dimensionen hatte, zeigt gleich die Collage im Eingang, wo sich der Besucher unter lauter Originalporträts aus der Sammlung in einem Spiegel selber sehen kann.

    Sensation auch in den Publikumszeitschriften des 19. Jahrhundert - wie hier in der „Gartenlaube“ mit Alfred Brehm und seinem Schimpansen. Foto: Ralf Julke
    Sensation auch in den Publikumszeitschriften des 19. Jahrhunderts – wie hier in der „Gartenlaube“ mit Alfred Brehm und seinem Schimpansen. Foto: Ralf Julke

    Deswegen ist die Ausstellung auch nicht von Biologen gestaltet worden, auch nicht von Buchwissenschaftlern, die sich ganz bestimmt mit der Schönheit der alten Bücher besonders beschäftigt hätten, sondern von Studierenden der Kulturwissenschaft. „Die sind zwar ein bisschen chaotisch“, sagt der Bibliotheksleiter.

    Aber sie haben die Ausstellung auf der Grundlage des Katalogs von Mustafa Haikal konzipiert. Und man erlebt dort, warum die angehenden Kulturwissenschaftler so „chaotisch“ wirken. Denn kaum ein Thema eignet sich so sehr, die tatsächlich sehr chaotische Umgangsweise der Menschen mit den Tieren zu zeigen. Nicht nur anhand der ausgewählten Buchexemplare, die alle auf ihre Weise erzählen, wie selbst die Naturwissenschaftler lange brauchten, zu den Menschenaffen ein nüchternes, wissenschaftliches Verhältnis zu finden und die alten Mythen aus den Lexika zu merzen. Große Reproduktionen aus Zeitungen des 19. Jahrhunderts zeigen, dass auch noch im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Beschäftigung die Sensationslust überwog und Menschenaffen in den aufkommenden Tierschauen und Tierparks zur Attraktion wurden. Wohl auch, weil die Betrachter dabei dieses Ur-Gefühl empfanden, diese „unerhörte Nähe“.

    Die ja auch in den wissenschaftlichen Diskussionen nach Darwin immer deutlicher wurde.

    Aber die Bücher vermitteln nicht nur die zunehmende wissenschaftliche Arbeit mit den uns so ähnlichen Tieren, sie beinhalten auch Geschichten über Geschichten, wie Mustafa Haikal betont. Die hat er vor allem im Begleitkatalog erzählt, der im Passage Verlag erscheint und den wir an dieser Stelle in Kürze auch besprechen werden. Aber die Studierenden, die die Ausstellung gestaltet haben, haben viele dieser Geschichten für den Besucher auch greifbar gemacht – wie die Geschichte der beiden Orang-Utans, die der Leipziger Zoodirektor Ernst Pinkert für den Zoo erwarb, die sich aber bei ihrer Ankunft in Paris fürchterlich erkälteten und binnen weniger Wochen starben.

    Aber auch der Umgang der Europäer mit den Menschenaffen frappierte die jungen Ausstellungsgestalter. Und da es originale Reiseberichte von Jägern und Expeditionsteilnehmern gibt, haben sie die Stellen daraus, die sie am meisten erstaunten und auch erschreckten, eingelesen. Man kann sie an einer Hörstation anhören und wird an manchen Stellen das Gefühl der Befremdung haben: Sind die Reisenden des 19. Jahrhunderts tatsächlich so gefühllos und rabiat in die Lebensräume der Menschenaffen vorgestoßen? Mit genau diesen Vorurteilen? – Sind sie.

    Für Mustafa Haikal war es keineswegs verblüffend, in den Schilderungen aus dem 19. Jahrhundert die Probleme der im 21. Jahrhundert weltweit bedrohten Menschenaffen wiederzufinden. „Ich glaube, dass es völlig ausreicht, die alten Geschichten zu erzählen. Der Leser wird von ganz allein die Vergleiche mit der Gegenwart ziehen“, sagt er.

    Videos ergänzen die Ausstellung. Der Katalog präsentiert 170 Zeichnungen, Stiche und Lithografien allein von Affen bis zur Etablierung der Tierfotografie um 1900. Das gesamte Bildmaterial der von Katharina Triebe gestalteten Ausstellung stammt aus der Universitätsbibliothek Leipzig. Und es hört nicht ganz zufällig um 1900 auf. Denn ab da beginnt ja verstärkt die Fotografie, unser Bild vom Tier zu prägen. Dass es freilich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eindrucksvolle Zeichnungen von Menschenaffen gibt, hat vor allem damit zu tun, dass die Fotografie damals noch nicht schnell genug war, die Tiere in ihrem Bewegungsdrang festzuhalten. Also waren auch die Forscher darauf angewiesen, weiter auf professionelle Zeichner zu setzen. Und das Ergebnis sind wahre Bilderschätze, von denen nun einige in aller Ruhe in der Universitätsbibliothek bewundert werden können.

    Parallel zur Ausstellung informiert eine Website allgemein zur Ausstellung und auch über das Rahmenprogramm mit Führungen und Vorträgen. Die Ausstellung „Unheimliche Nähe. Menschenaffen als europäische Sensation“ ist vom 1. April bis 25. September 2016, täglich von 10 bis 18 Uhr in der Bibliotheca Albertina, Beethovenstraße 6, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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