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Der beinah vergessene Kunsthistoriker Albert von Zahn als Zeichenkünstler und Italienreisender

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    Den großen Besucherrekord wird das Leipziger Museum der bildenden Künste mit der am Mittwoch, 7. September, eröffneten Kabinettausstellung „Albert von Zahn. Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft“ nicht brechen. Aber Rembrandt, Klee und Nolde – das kann jeder. Aber Albert von Zahn? Selbst bei der großen Jubiläumsausstellung „Kopf oder Zahl“ im Jahr 2008 ging der Mann den Museumsmachern durch die Lappen.

    Was passieren kann. Denn wer sucht schon in der eigenen grafischen Sammlung nach Zeichnungen, die vielleicht mal der erste Direktor des Leipziger Städtischen Museums angefertigt hätte? Direktoren oder Kustoden zeichnen in der Regel nicht, sondern verwalten, umschmeicheln Sammler und Geldgeber, müssen die Stadtobrigkeit besänftigen und die Werbetrommel rühren. Und natürlich müssen sie versuchen, attraktive Ausstellungen ins Haus zu holen, was Leipzig traditionell schwerfällt. In Sachsen spielt das Museum immer nur die zweite Geige. Und so richtig viel Geld gibt auch die klamme Stadt Leipzig nicht, um mal wirklich berühmte Namen ins Haus zu holen. Das scheitert meist schon an Versicherungs- und Transportkosten.

    Da mache mal einer was draus, wenn man zwar ein paar Holländer in der Sammlung hat, verdammt wenig Italiener, ein bisschen Cranach und Leipziger Schule. Aber selbst die Moderne der 1920er Jahre ist dünn besetzt, weil die Nazis auch in Leipzig „Entartete Kunst“ jagten. Und Leipzigs große Kaufleute haben zwar gern gesammelt, aber nicht mit den Königen in Dresden und Potsdam wetteifern können. Da war Manches dann doch nur Kopie, was mal als echter Rembrandt gepriesen wurde in der Zeit vor Albert von Zahn.

    Der Mann wurde 1836 in Leipzig geboren. So halb ist das also auch eine Geburtstagsausstellung, die Dr. Marcus Andrew Hurttig da gestaltet hat. Auch wenn es die Ausstellung zu einer Entdeckung ist. Nicht die erste, seit Hurttig Leiter der Grafischen Sammlung ist. 2014 hatte er schon Zeichnungen und Aquarelle dreier Leipziger Maler aus der Sammlung gefischt, die alle drei im selben Frontabschnitt an der Westfront im 1. Weltkrieg zum Einsatz kamen. Ein Novum auch für einen Kunsthistoriker: den Krieg fast am selben Platz in drei künstlerischen Sichtweisen dargestellt zu sehen. Ohne Auftrag an die Künstler. Als echter Fund im Archiv, der im Trialog auf einmal zu sprechen beginnt.

    So ähnlich ist es auch bei Albert von Zahn gewesen. Da gerät selbst Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt ins Schwärmen. Denn die grafische Sammlung ist so groß, dass einer entweder genau wissen muss, wonach er sucht, um darin neue Spuren verfolgen zu können. Oder er beschäftigt sich gründlich mit den kleinen Unscheinbarkeiten im Bestand. Und stolpert dann über einen Namen – wie Marcus Andrew Hurttig.

    Denn den Namen Albert von Zahn kannte er als Kunsthistoriker schon. Von Zahn war im Grunde einer der Ersten in Deutschland, der die Kunstgeschichte erst zur Wissenschaft gemacht hat. Dabei wollte er eigentlich selbst Künstler werden und studierte 1854 bis 1858 an der Königlichen Akademie der Künste in Dresden bei Leuten wie Eduard Bendemann und Ludwig Richter. Das prägte ihn fürs Leben, seinen Zeichenstil sowieso.

    Albert von Zahn, um 1870, Fotografie Lucke, F. E. & Co. Weimar, Klassik Stiftung Weimar, Graphische Sammlungen
    Albert von Zahn, um 1870, Fotografie Lucke, F. E. & Co. Weimar, Klassik Stiftung Weimar, Graphische Sammlungen

    Auch wenn er 1858 erst einmal eine scharfe Kurve nahm und in Leipzig Ästhetik und Philosophie studierte und damit die Grundlagen legte für seine kurze, eindrucksvolle Karriere als Kunsthistoriker, deren Gipfel 1871 der berühmte Holbeinstreit war. Da war von Zahn schon Generaldirektor der Königlichen Kunstsammlungen in Dresden und nutze sein Wissen um Kunststile und Provenienzforschung, um den jahrelangen Streit zu entscheiden, wer denn nun die echte Holbein-Madonna hat. Dresden oder – damals – Berlin? Die Dresdner Madonna erwies sich als Kopie.

    Eben wie so Manches, was seitdem in den großen Kunstsammlungen Deutschlands neu sortiert werden musste. Auch in der Leipziger, die ja mit dem Kunstverein und dem Städtischen Museum seit 1858 institutionalisiert war. Und der damals noch studierende von Zahn war der erste Kustode dieser Sammlung – also eigentlich auch der Direktor.

    Der erste Raum in der Kabinettausstellung zeigt Zeugnisse des „Dresdner Holbeinstreits“, macht von Zahn also als Kunsthistoriker greifbar, der seine Wissenschaft auf eine neue Qualitätsstufe hob. So manchen scheinbar allwissenden Zeitgenossen hat er damit geärgert. Das ist ja noch heute so: Welcher Kunstkenner gibt gern zu, dass er seine Urteile nur aus dem Bauch heraus gefällt hat – diese aber der wissenschaftlichen Untersuchung des Materials einfach nicht standhalten?

    Und dieser Albert von Zahn hatte Großes vor. 1866 habilitierte er sich in Leipzig mit dem Thema „Dürer’s Kunstlehre und sein Verhältnis zur Renaissance“. Aber als gewissenhafter Forscher wollte er die Kunstschauplätze Italiens erst einmal selbst sehen, bevor er dazu Vorträge vor Studierenden hielt. Also reiste er im selben Jahr nach Italien. Diese Zeichnungen sieht man dann natürlich im zweiten Kabinettraum, Zeichnungen, die auch Hurttig verblüfften. Sie sahen irgendwie so aus, als hätte man sie schon kennen müssen, als wären sie 30 oder 60 Jahre früher entstanden, von völlig anderen Malergenerationen geschaffen, die seit Goethes Italien-Erlebnis schon aus Pflichtgefühl aus dem grauen Norden in den sonnigen Süden reisten, um dort die Kunst der Antike und der Renaissance zu studieren, abzuzeichnen, in immer neuen Italien-Veduten abzubilden. „Deutsch-Römer“ nannte man diese Burschen, die man sich gern mit Seidenhemd und Barett vorstellen darf, zu Pferd und in der Kutsche. Manche früh gestorben, weil sie sich im heißen Sommer Roms mit Malaria ansteckten.

    Nur: Auf von Zahn trifft das alles nicht zu. „Es ist, als hätte er sich einen alten Jugendtraum erfüllt“, sagt Hurttig. Auf jeden Fall hat er in Italien den Künstler in sich wieder ausgekramt und hunderte Zeichnungen angefertigt, mit denen er bei Ludwig Richter bestimmt eine gute Note bekommen hätte. Gelernt ist gelernt. Dabei gibt es auch kleine Kostbarkeiten, die umso kostbarer sind, weil von Zahn den Kunstwissenschaftler eben doch nicht zu Hause ließ. Er zeichnete nicht nur, sondern beschriftete seine Bilder auch so akribisch, wie das für gewöhnlich später erst die Mitarbeiter von Museen machen.

    Und die Daten ließen Hurttig natürlich stutzen, denn so schnell waren die deutschen Künstler eigentlich nicht durch Italien gereist. Mit Pferd und Kutsche war das nicht zu bewerkstelligen. Und so erweisen sich die Bilder als Zeugnisse einer modernen Zeit. „Er ist einfach mit der Eisenbahn gefahren“, sagt Hurttig. Das war 1866 auch in Italien möglich. Er flog quasi von einem berühmten Ort zum nächsten – und zeichnete dann trotzdem im klassischen Stil, als wäre er mit der Kutsche gekommen.

    Albert von Zahn: Olevano, Acqua calda, 1866. Copyright: Museum der bildenden Künste Leipzig
    Albert von Zahn: Olevano, Acqua calda, 1866. Copyright: Museum der bildenden Künste Leipzig

    Was aber Hans-Werner Schmidt auf ganz andere Weise zum Schwärmen bringt. Denn das Unzeitgemäße ist ja auch etwas Bewahrenswertes, wenn man weiß, was es zu bewahren gilt. Und für ihn ist es die künstlerische Fähigkeit, die Wirklichkeit auch noch akribisch mit dem Bleistift erfassen zu können. Das zwingt den Künstler, sich wirklich mit dem Gesehenen, seinen Tiefen, Lichtern und Dimensionen zu beschäftigen, schult also das Auge und die Hand.

    Wehmutig mit Blick auf heutige Kunsthochschulen vermisst er diese klassische Ausbildung im Zeichnen. So geht auch der Kunst heute Wesentliches verloren.

    Was ja nicht heißt, dass dann alle wie Ludwig Richter zeichnen.

    Oder wie Albert von Zahn, der mit seinen Bildern aber auch zeigen konnte: Die Künstler seiner Gegenwart konnten ihm nichts vormachen. Er wusste, wie es gemacht wurde. Und er schrieb es auch noch dazu.

    So fand Hurttig eine kleine Zeichnung einer Feier, auf der von Zahn einige namhafte Kollegen der Kunstszene benannte und damit deutlich machte, wie sehr er Teil eines deutschlandweit tätigen Netzwerkes junger Kunstwissenschaftler war. Was natürlich die Neugier weckt: Ist von diesem Albert Zahn vielleicht noch mehr zu finden als die eindrucksvollen Zeichnungen aus dem Fundus des Leipziger Bildermuseums? Die hier vielleicht auch deshalb landeten, weil die Italienreise in von Zahns Leipziger Zeit fällt und seine Übernahme der Stelle des Kustos im neuen Kunstmuseum? Ein abgeschlossenes Kapitel also?

    1868 nahm er ja die nächste Karrierestufe und wurde Gründungsdirektor des Großherzoglichen Museums in Weimar, bevor er 1870 nach Dresden berufen wurde, gerade einmal 34 Jahre alt. So jung durfte man damals sein, um als Koryphäe anerkannt zu sein. Aber so jung konnte man auch sterben. Nur kurze Zeit nach seiner Verlobung 1873 starb er an einem Herzinfarkt. Und verschwand damit beinah aus den Annalen der Kunstgeschichte. Wäre da nicht der Holbeinstreit gewesen, den sogar heutige Kunsthistoriker noch kennen.

    Man kann also im Kabinett einen Mann entdecken, der zwei Seelen in seiner Brust hatte – die sich aber nicht stritten. Und man kann über ein Stück deutscher Kunstgeschichte ins Grübeln kommen. Denn 1866 waren es allein noch die Deutschen, die so emsig versuchten, den Stil Raffaels nachzuahmen. Franzosen und Engländer probierten schon ganz andere Sachen aus. Deutschland hinkte auch in der Kunst behäbig hinterher. Man muss sich die fauchenden Eisenbahnen dazudenken, denn Albert von Zahn hat sie nicht gezeichnet. Seine Bilder versuchen die Idylle einer Welt zu bewahren, die noch im Pferdetempo unterwegs war und antike Ruinen anheimelnd fand. Ein sehr verwirrender Moment, aber sehr typisch für dieses Deutschland nach der vergeigten Revolution von 1848, das sich in Spätromantik flüchtete, weil die funkenstiebende Gegenwart nicht ganz geheuer war.

    Seit Mittwoch, 7. September, ist die Ausstellung im Museum der bildenden Künste zu besichtigen. Gezeigt wird sie bis zum 8. Januar 2017. Und um auch die Geschichten zu den Bildern zu erfahren, lohnt sich die Teilnahme an den angekündigten Führungen: Die erste ist am Mittwoch, 14. September, 18 Uhr, die nächste am Sonntag, 25. September, um 11 Uhr.

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