8.2 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Ab Montag wird die Dauerausstellung im Zeitgeschichtlichen Museum vollkommen umgebaut

Mehr zum Thema

Mehr

    Der Redner fehlt noch. Ein politisches Schwergewicht soll es sein, wünscht sich Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident des Hauses der Geschichte. Deswegen steht heute noch kein Eröffnungstermin für die neue Dauerausstellung im zeitgeschichtlichen Forum fest. In dieser Zeit, wo seit Monaten nach einer neuen Regierungskoalition gesucht wird, ist das verständlich. Und es passt auch. Denn die ganze Republik ist ja derzeit genauso auf der Suche nach sich selbst wie diese Leipziger Millionen-Ausstellung.

    Denn seit 1999, seit der Eröffnung des Zeitgeschichtlichen Forums in der Grimmaischen Straße, hat die Dauerausstellung über 1,7 Millionen Besucher gefunden. Selbst 2017 kamen wieder 107.000. Für viele Besucher Leipzigs steht ein Besuch in der Grimmaischen Straße 6 zwingend auf dem Programm. Denn nirgendwo sonst konnte man die kurze Geschichte der DDR auf dem Weg zur Friedlichen Revolution so kompakt und anschaulich sehen, verstehen und begreifen.

    2007 gab’s eine kleine Aktualisierung, fand der Alltag in der DDR erstmals ein kleines Plätzchen und wurde der Widerspruch sichtbar zwischen dem Nischenleben der DDR-Bewohner und dem rigiden Diktat der SED, das gerade in den frühen Kapiteln geradezu martialisch wirkt.

    Eigentlich, so findet auch Hütter, ist die Ausstellung nach wie vor aktuell und findet auch ihr Publikum.

    Aber …

    Aber mittlerweile sind fast 20 Jahre vergangen, auch 20 Jahre Forschung sind hinzugekommen. Und Dr. Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, bringt es so auf den Punkt: Seit der Wiedervereinigung sind 27 Jahre vergangen. Das ist eine komplette Generation. Immer mehr Besucher in der Ausstellung haben die DDR nie kennengelernt. Für sie ist das, was gezeigt wird, schon ferne, graue, bleierne Geschichte.

    Und als die beiden Herren am Montag, 22. Januar, die Pläne für die Neukonzeption der Ausstellung vorstellten, gingen sie auch auf den Punkt ein, der heute nicht mehr passt: 1999 gab es nicht nur die noch sehr lebendige Erinnerung an das Leben in der DDR, viele Besucher aus Ost und West hatten auch noch selbt erlebt, wie Diktatur sich anfühlt, wie eine alleinherrschende Partei in das Leben der Bürger hineinregierte und was es bedeutete, hinter einer Mauer eingesperrt zu sein.

    Das musste 1999 gar nicht extra thematisiert werden. 2018 ist das schon ganz anders. Denn selbst viele, die es erlebt haben, haben es verdrängt und vergessen. 27 Jahre Leben in einem völlig anderen Land haben sich davorgeschoben. Und gerade weil das Alles jetzt so weit weg wirkt, beginnt sich diese 1989 wegdemonstrierte Diktatur zu verklären, wird bei vielen Ostdeutschen die Sehnsucht nach den rückwirkend als sicher und geborgen empfundenen Zuständen wieder wach.

    Womit man mitten in einer Debatte ist, die im Grunde seit 2015 durch den Osten rollt – die Gerechtigkeitsdebatte. Viele Ostdeutsche haben mittlerweile das Gefühl, dass sie für ihre Anstrengungen im Transformationsprozess nicht belohnt werden. Es ist gerade die Aufbaugeneration, die rebelliert und in jüngster Zeit immer wieder die Demokratie, wie sie derzeit erlebt werden kann, in Frage stellt.

    Sie kann mit dem ewigen Verweis auf die SED-Herrschaft nicht mehr viel anfangen. Denn der wichtigste Teil ihres Lebens hat sich nach der „Wende“ abgespielt. Nur spiegelten sich die Erfahrungen der Ostdeutschen in diesem radikalen Transformationsprozess weder in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung noch in der Ausstellung. Was die Ausstellungsmacher im „Zeitgeschichtlichen Forum“ schon lange als Manko betrachten. Denn auch das ist erlebte und geronnene Geschichte. Auch über diese 27 Jahre lassen sich anhand spannender Objekte (die auch längst im Fundus zu finden sind) Geschichten erzählen. Es geht um ein Narrativ: eine gute Form, diese Geschichte auch anschaulich zu erzählen.

    Und dabei das zu thematisieren, was im Arbeitstitel für die neue Dauerausstellung steckt: „Diktatur und Demokratie in Deutschland nach 1945“.

    Für Reiche ist der zentrale Begriff dabei der Begriff der „Freiheit“. Demokratie braucht die Freiheit, auch und gerade zur Diskussion. Deswegen wird sich die Ausstellung auf rund 2.000 Quadratmeter, in der man heute wie in einem Labyrinth unterwegs ist, auch deutlich verändern. Ab dem 29. Januar wird alles abgebaut. Und wenn dann irgendwann im November die Türen der Ausstellung wieder öfffnen, wird es auch eine Bühne für Podiumsdiskussionen mitten in der Ausstellung geben: Die Ausstellung verwandelt sich zum Forum. Motto, so Reiche: „Wir wollen reden.“

    Und thematisch wird es künftig nicht mehr die alte – nur scheinbar eindeutige – Erzählung mit dem Höhepunkt „Herbst ’89“ geben. Mittlerweile, so stellt auch Hütter fest, ist auch das Danach längst zum Teil der Geschichte geworden.

    Also wird es im wesentlichen drei Ausstellungsteile geben

    1. Die SED-Diktatur, also im Grund die ganze DDR-Zeit mit SBZ, 1953, Mauerbau, Reglementierung und Indoktrinierung. Dafür wird dann auch noch eine 2,5-Tonnen schwere Leninstatue stehen, die vom nie endenden Heiligenkult in der DDR erzählt, hinter dem die Wirklichkeit des Landes immer verschwand. „Natürlich hatten die Menschen trotzdem ein gutes Leben“, sagt Reiche. Sie haben sich ihre Nischen geschaffen und allerlei Kultobjekte (wie ein aufgemotzter Wartburg) bestimmten den Alltag der Menschen, die eben nicht nur irgendwie mitliefen, sondern tatsächlich schufteten, damit dieses Land hinter der Mauer noch weiter funktionierte.

    „Wir werden natürlich trotzdem solche Fragen stellen wie: Warum ist die Mauer erst 1989 gefallen“, sagt Reiche.

    Denn nicht nur die Erfahrungen der Ostdeutschen, auch die Forschung bestätigt schon lange, wie die DDR ab ungefähr 1976 (Biermann-Affäre) immer sichtbarer erodierte – nicht nur moralisch. Auch und gerade wirtschaftlich. Das Land wäre, so sagt auch Reiche, so oder so in die Knie gegangen.

    Aber bislang wird die Geschichte eben zumeist voller Vorwürfe erzählt. Als hätten es die Ostdeutschen immer selbst in der Hand gehabt, einfach den Schalter umzulegen. Deswegen soll es in der neuen Ausstellung deutlich mehr Informationen dazu geben, wie die Diktatur in das Leben der Menschen hineinregierte. Wer nicht begreift, wie eine Diktatur funktioniert und eine ganze Gesellschaft deformiert, der begreift auch nicht, mit welchem Feuer er spielt, wenn er die Demokatie infrage stellt.

    Zweiter Teil der Ausstellung wird dann natürlich die Friedliche Revolution. Sie ist – so Reiche – das Scharnier der Geschichte. Und dann kommt der dritte Teil, der harte Transformationsprozess ab 1990, der bislang nur lütte acht Quadratmeter Platz innehatte und künftig auf 400 Quadratmeter wachsen soll. Denn hier muss thematisiert werden, welche Folgen der harte wirtschaftliche Umbau für die Ostdeutschen hatte – und warum sie heute mit dem Zustand der Demokratie so hadern. Auch hier sollen gut ausgewählte Objekte die Geschichten erzählen, die dann zur „Geschichtslandschaft“ (Hütter) gerinnen.

    Zu viel wollten Reiche und Hütter am Montag, 22. Januar,  dann doch noch nicht verraten. Das soll dann zur Eröffnung irgendwann im November sichtbar werden. Und man kann gespannt sein, ob es den Ausstellungsmachern auch gelingt. Denn da, wo die Friedliche Revolution wie das logische und glückliche Ende einer klar abgegrenzten Geschichte steht, ist nach 1990 alles offen und niemand kann sagen, wo die Geschichte tatsächlich hinführt.

    Silvesterknaller, Treuhandschatten, Sondierungs-Gerumpel und eine Stadt in der Nahverkehrs-Klemme

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ