„… vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig …“

Das berührende Schicksal mitteldeutscher Sinti und Roma in den Fotos von Hanns Weltzel

Für alle LeserEine ganz besondere Ausstellung wird am Donnerstag, 16. August, im Felsenkeller eröffnet. „… vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig …“ heißt sie und widmet sich der Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Die Eröffnungsveranstaltung am 16. August beginnt um 20 Uhr mit der Sintiswingband Radio Django.

Zwischen 1932 und 1939 fotografierte Hanns Weltzel mitteldeutsche Sinti und Roma in Dessau-Roßlau. Der in Roßlau lebende Fotojournalist pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Familien, die auf ihren Handelswegen regelmäßig nach Anhalt kamen. 1417 datiert die erste Erwähnung von Sinti in Magdeburg, die Jahrhunderte zuvor ihre Heimat Indien verlassen hatten. Roma kamen zumeist erst im 19. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum.

Hanns Weltzel veröffentlichte bis 1935 Artikel über Sinti und Roma in der Anhaltischen Presse. Zudem stand er mit der „Gypsy Lore Society“, deren Sitz sich in Liverpool befand, in Kontakt und schrieb Artikel für deren Journal. So gelangten erste Fotografien nach Liverpool. Der Bestand von ca. 200 Fotografien befindet sich heute in der Bibliothek der Universität Liverpool.

Es handelt sich um einzigartige Fotografien von Männern, Frauen und Kindern, die wenige Jahre nach den Aufnahmen fast alle dem Genozid zum Opfer fielen. Sie zeugen von gegenseitigem Respekt zwischen den Fotografierten und dem Fotografen und unterscheiden sich deutlich von Abbildungen der nationalsozialistischen Propaganda gegen Sinti und Roma.

Wer waren die von Weltzel Fotografierten und was geschah mit ihnen? Diesen Fragen sind Prof. Eve Rosenhaft von der Universität Liverpool und Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum Dessau in Archiven nachgegangen. Unterstützung erfuhren sie dabei auch von Nachfahren überlebender mitteldeutscher Sinti, die nach 1945 vor allem in Niedersachsen eine neue Heimat fanden.

Angehörige der Familien Ansin, Thormann und Laubinger/Steinbach Mitte der 1930er Jahre in Dessau-Roßlau. Fpto: Hanns Weltzel, Quelle: University of Liverpool Library

Angehörige der Familien Ansin, Thormann und Laubinger/Steinbach Mitte der 1930er Jahre in Dessau-Roßlau. Foto: Hanns Weltzel, Quelle: University of Liverpool Library

Die Ausstellung „,…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig …‘ – Die Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus“ dokumentiert die Lebens- und Leidenswege der Familien Laubinger, Lauenburger, Thormann, Stein, Steinbach und Ansin. Im Fokus der Veröffentlichungen von Hanns Weltzel hatte vor allem die Familie von Galie und Josef Laubinger, die ab November 1931 in Leipzig gemeldet war, gestanden. Ihre letzte Wohnadresse vor der Deportation nach Auschwitz befand sich in der Leipziger Innenstadt.

Auch über Erna Lauenburger, die bekannte Romanfigur Unku, die Hanns Weltzel mehrfach in Dessau-Roßlau ablichtete, berichtet die Ausstellung.

Und wer Unku nicht kennt, sollte vielleicht mal im Bücherschrank seiner Eltern kramen: Sie ist eine der beiden Hauptfiguren aus dem Roman „Ede und Unku“ von Alex Wedding, der 1931 erstmals im Malik-Verlag erschien – der die Freundschaft des Berliner Jungen Ede zum Zigeunermädchen Unku während der Zeit der Weimarer Republik beschreibt. Später wurde das Buch auch immer wieder neu als Jugendbuch aufgelegt.

Die Ausstellung wird im Ballsaal des Felsenkellers gezeigt. Die Eröffnungsveranstaltung findet am 16. August im kleinen Saal mit Radio Django statt. Gitarrist Janko Lauenberger ist Nachkomme einer der in der Ausstellung betrachteten Sinti-Familien.

Vortrag in der Ausstellung

Am Dienstag, 21. August, um 19 Uhr, gibt es dann im Felsenkeller einen Vortrag mit Alexander Rode: „Kontinuitäten der Marginalisierung: Ausgrenzung und Verfolgung von Leipziger Sinti und Roma“.

Im Rahmen der Wanderausstellung „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“ wird Alexander Rode über die Ausgrenzung und Verfolgung von Leipziger Sinti und Roma referieren. Die Ausgrenzung von Sinti und Roma begann bereits vor 1933. Städtische Behörden, Wohnungs-, Gesundheits-, Fürsorge- oder Gewerbeämter, verfolgten lange vor 1933 eine antiromaistische Politik.

In der Zeit des NS waren diese Einrichtungen weder vollkommen nationalsozialistisch durchdrungen, noch waren sie lediglich ausführende Instanzen nationalsozialistischer Politik. Die Behörden handelten vielmehr im hohen Maße eigeninitiativ. Ohne die umfassende Beteiligung kommunaler Behörden wäre die systematische Verfolgung und Ermordung der Leipziger Sinti und Roma so nicht möglich gewesen.

Alexander Rode arbeitet an einem Dissertationsprojekt zum Thema „,Vergessene Opfer‘ des Nationalsozialismus in Sachsen“ und untersucht dabei u. a. die Rolle und Verantwortung der sächsischen Kommunen bei der Verfolgung von nichtsesshaften Minderheiten zwischen 1933-1945.

Die Ausstellung

„…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig…“ – Die Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus
Im Felsenkeller zu sehen vom 16. bis 23. August.
Öffnungszeiten: 14:00-20:00 Uhr (Sonderöffnung für Gruppen nach Absprache möglich), Eintritt: 2,50 Euro
Eröffnung: 16.08.2018, 20:00 (Einlass ab 19:00 Uhr) mit Ausstellungsmacherin Jana Müller (Dessau) und der Liveband Radio Django (Sintiswing aus Berlin), Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro (VVK im Felsenkeller)

Eine Ausstellung des AJZ Dessau und der Universität Liverpool. Gefördert durch: Romarespekt, Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, Auswärtiges Amt. Die Präsentation der Ausstellung in Leipzig wird unterstützt durch: Felsenkeller Leipzig, Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, Erich-Zeigner-Haus e.V., Die Linke Stadtverband und Stadtratsfraktion, Stadtbild Werbegesellschaft mbH.

FelsenkellerSinti und Roma
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