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Absage der Leipziger Jahresausstellung: Ein Desaster weit über Axel Krause hinaus

Von Daniel Thalheim (Mitglied des Vereins L.J.A.) & Michael Freitag

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    Einen Monat lang sorgte Axel Krause in Leipzig erneut für Wirbel. Schon 2018 machte er von sich Reden, weil die Galerie Kleindienst ihn als Künstler entließ. Anlass für die Trennung seitens der Galerie waren die politischen Äußerungen, die der Künstler auf Facebook verbreitete. Krause outete sich bereits 2015 als AfD-Wähler und ist seit 2019 auch Teil der aus AfD-Mitgliedern bestehenden Erasmus-Desiderius-Stiftung. Seine politische Haltung steht außer Frage. Nun hat die Causa Krause die Leipziger Jahresausstellung (L.J.A.) in den Abgrund gerissen. Eine Spurensuche.

    Als die Künstlerliste zum ersten Mal auf einer erweiterten Vorstandssitzung im April 2019 des „Leipziger Jahresausstellung“ e.V. präsentiert wurde, nahm anfangs kaum jemand Notiz vom Namen Axel Krause. Erst die Wiederholungen via Mitglieder-E-Mail und die Präsentation per Facebook machte die ersten stutzig. Angesprochen auf die Einladung Krauses zur mittlerweile abgesagten Jahresausstellung auf dem Gelände der alten Baumwollspinnerei reagierte man vorstandsintern entweder emotional oder strikt verhalten.

    Die gängigsten Aussagen waren dabei, Politik habe in der Kunst nichts zu suchen, die L.J.A. sei schließlich keine Gesinnungsausstellung. Und man könne auch nicht jeden potentiellen Teilnehmer auf seine politische Meinung abklopfen.

    Kunst sei frei, und damit auch frei von Politik

    Diese Einschätzung erwies sich nun als Irrtum. Bereits Mitte April wurde klar, dass im Umfeld der diesjährigen Leipziger Jahresausstellung weniger über die Kunst und mehr über Axel Krauses Äußerungen geredet würde. Als Leipziger Maler der „Neuen Leipziger Schule“ eher im Schatten der ganz Großen stehend, verbreitete er bereits seit September 2015 in sozialen Netzwerken seine Meinung: eine deutlich blau-rote. Fast schien es, er habe sich auf Facebook angemeldet, um genau dort seine politische Position zu vertreten.

    Seither unterstellt er seinen Kritikern gern auch mal die Nähe zur Staatsideologie und Gesinnungsschnüffelei in der DDR. Eine dezidierte Anfrage für ein Interview mit der Leipziger Internet Zeitung und LEIPZIGER ZEITUNG, wo er im übrigen Raum und Zeit erhalten sollte, zu sich, seiner Kunst und auch zu seinen Äußerungen in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen, sagt er erst zu, dann ab.

    Statt einem offenen Gespräch zu Grund und Weg seiner Kunst und seinen Äußerungen folgte stattdessen nun die Absage der gesamten Ausstellung durch den Vorstand des Vereins. Das Dilemma ist offensichtlich: Nun bleiben nur Außenbetrachtungen zu einem Künstler, der sich dezidiert politisch äußert und dabei einer klaren Ausrichtung folgt: die der AfD.

    Von der Nähe der Kunst zur Ideologie

    Über Emil Nolde und den Umgang mit seinem Werk wurde erst kürzlich in den Feuilletons diskutiert. Nazinähe und -begeisterung. So sah er einst in der Regierung der NSDAP eine revolutionäre Umwälzung. Nach dem zweiten Weltkrieg dann: eine geschönte Biografie und die Flucht in die Opferrolle. Bis heute bleiben die Versuche, im Hier und Jetzt sein Werk von seiner politischen Einstellung zu trennen, hilflos. Oder was haben Klatschmohn und Wiesenblumen mit der Nazi-Ideologie zu tun?

    Auch Willi Sitte hatte es zu seinen Lebzeiten bereits erfahren, wie Werk und Autor politisch zusammengefasst wurden. Er ließ sich auf die DDR und seine Doktrin ein, malte kraftstrotzende Bauern, Arbeiterinnen, Traktorfahrer in hellem Licht – eben jene Sujets, die dem Bitterfelder Weg entsprachen und gefühltermaßen an jeder Hausgiebelwand in den verfallenen Städten den Sieg des Sozialismus versprachen. Oder zumindest den Glauben daran, dass man nur mit Muskelkraft und Schweiß viel erreichen kann. Dem Sozialismus hat es nicht geholfen, der DDR erst recht nicht.

    Was von Sitte und anderen Malern seiner Zunft übrig bleibt, ist die Diskussion, wie sehr Künstler sich vom Mäzenatentum, aber auch von scheinbar staatstragenden Ideologien und Heilsversprechen abhängig machen. Kunst war bereits von der Antike an, über die Renaissance und bis in die Moderne hinein auch immer ein Sprachrohr der Mächtigen. Solange es Schrift und Bilder gibt, hat es mit ihrer Hilfe sowie der intellektuellen und schöpferischen Kraft der Menschen auch Manipulation gegeben.

    Es würde doch sehr verwundern, wenn dies die AfD und der in der DDR sozialisierte Künstler Axel Krause mit seinen nunmehr 60 Jahren Lebenserfahrung nicht wüssten. Die Absage der gesamten Jahresausstellung nach der nur wenige Stunden zuvor verkündeter Ausladung Axel Krauses öffnet den Blick auf einen Konflikt zu neuen alten Denkweisen von AfD-Anhängern, die längst auch den Kunstmarkt erreicht haben, ebenso, wie Einblicke in interne Zwistigkeiten im L.J.A. e.V..

    Die 25. Leipziger Jahresausstellung 2018. In diesem Jahr wohl ohne Nachfolger. Foto: Daniel Thalheim
    Die 25. Leipziger Jahresausstellung 2018. In diesem Jahr wohl ohne Nachfolger. Foto: Daniel Thalheim

    Ideologische und tatsächliche Macht

    2019 schickt sich eine Partei an, zu den Mächtigen gehören zu wollen, ihre Sprache ist bereits diejenige einer machtvollen Institution. So nennt sie ihr Wahlprogramm zur sächsischen Landtagswahl am 1. September 2019 nicht ohne Grund „Regierungsprogramm“. In weiten Teilen der Wählerschaft hingegen genießt sie zumindest in den ostdeutschen Gegenden den Ruf, eine Partei von hier, also eine genuin ostdeutsche Interessensvertretung zu sein.

    Der Begriff der „DDR 2.0“ zu der bis auf eine Person westdeutsch geführten Bundespartei macht nicht grundlos längst die Runde, innerhalb von AfD-Anhängerkreisen spricht man gern von einer „Machtübernahme“ in Sachsen, statt einer „Regierungsbeteiligung“.

    Doch ihr Heranwachsen bahnte sich bereits 2015 ff. an, als die fast schon bedeutungslos gewordene Euro-Kritik-Partei vor allem das Thema Migration und Anti-Islam-Parolen für sich entdeckte, dicht gefolgt von Klimawandelleugnungen wie sie Alexander Gauland formulierte. Flankiert wird dies zunehmend mit dem Nimbus, eben jene neue „Ostpartei“ zu sein, die zunehmend so tut, als könne man noch einmal 1989 beginnen und alle Wunden der vergangenen 30 Jahre unter sächsischer CDU-Dominanz heilen.

    Auch kulturell hat man klare Vorstellungen, wie der Entwurf des „Regierungsprogramms“ jener Partei zeigt, der Axel Krause seither nahesteht. Hier ist von einer nur noch zu befördernden Kultur die Rede, welche „von der Mehrheit der Sachsen“ befürwortet sein soll. Der Rest der AfD-Idee mündet so logisch zu Ende gedacht wieder im Etikett „entartet“ oder „volksschädigend“.

    So beginnt man erneut, Kunst wie unter der NSDAP und in der SED staatlich zu bewerten und zu kategorisieren. Von Kunstfreiheit und den geschichtlich belegten Katastrophen ihrer Verweigerung jedenfalls ist man bei der AfD weit entfernt. Und offenbar nah beim Heimatmaler Axel Krause, der sich als Opfer jetzt und als möglicher Gewinner nach der „Machtübernahme“ zu verstehen scheint. Zumindest ist er wohl nicht ganz grundlos 2018 dem Kuratorium der AfD-nahen Erasmus-Desiderius-Stiftung beigetreten.

    Die Partei selbst ist für Krause ein zu „begrüßendes Korrektiv im maroden Politbetrieb.“ Das hohe Maß der Identifikation dürfte also auch die neoliberalen Haltungen vom anständigen, fleißigen Deutschen als Abgrenzung und Abwertungsinstrument zu „faulem Pack“ wie Hartz-IV-Empfänger und Ausländer einschließen. Neue Mauerideen an der europäischen Grenze gibt es vom „Korrektiv“ zudem seit Jahren noch gratis dazu.

    Es wundert wenig, dass eine Nutzerin auf Krauses Facebookprofil die Absage der Jahresausstellung mit den Worten quittiert: „Hat das linke ANTIFA-Pack das nun als Erfolg zu verbuchen? Nein, sie müssten sich in Grund und Boden schämen. Es ist Künstler und Freunde der Kunst sind das nicht.“ (Fehler im Original)

    Ein weiterer Kommentator goutiert die Entscheidung mit „Wixxer“. Ein Weg in sprachliche Niederungen und politische Kämpfe, den Krause selbst seit Jahren bahnt, wenn er unter anderem wenige Tage zuvor in Reaktion auf den Protest anderer Künstler postete: „Der entartete Künstler Axel Krause ist in diesem Jahr bei der 26. Jahresausstellung Leipzig mit zwei auffällig unverfänglichen, apolitischen Arbeiten vertreten! Die Strategie des Volksschädlings sich unpropagandistisch zu zeigen, ist die Maskerade des Wolfs im Schafspelz in Perfektion! …“

    Die Opferinszenierung weist den Weg zu einer neuen, alten Definition „artiger“, nicht streitbarer Kunst. Die DDR, in welcher er an der Leipziger HGB studierte, hängt noch tief in den Klamotten. Wo er sich heute frei äußern darf, ist Kritik an seinen Einlassungen ein Angriff.

    Kränkungen und Aufmerksamkeit

    Der Grund für Krauses Wandlung könnte jedoch eher im persönlichen Weg und den darin wohnenden Abwertungserlebnissen liegen. Der Marktwert seiner surreal erscheinenden sowie Neo Rauchs Duktus und Erzählweise irgendwie nahestehenden Gemälde sinkt laut der Seite „artfacts“ seit zehn Jahren stetig. Eigentlich ist es ein seit 2009 einsetzender Sturzflug. Der Aufprall geschah 2018 mit der Trennung von der Galerie Kleindienst. Diese entließ den Künstler, seine Ausstellung zum 60. Geburtstag Krauses wurde abgeblasen. Eine Kränkung, welche offensichtlich den Weg Krauses verfestigte.

    Andererseits könnte man mutmaßen, seine politischen Äußerungen gehörten zu einer Wiederbelebungskampagne, um die Aufmerksamkeit auf seine Bilder zu lenken. Soviel Presse wie derzeit hatte er jedenfall lange nicht mehr, er selbst behauptet, seit sich die Themen um ihn verbreiteten „bedrängen mich Kunstinteressenten, Galeristen und Kuratoren. Man will meine Bilder kaufen und ausstellen! Sogar in fremden Ländern!“

    Museumsleiter und Galeristen könnten andererseits nun noch vorsichtiger auf alles reagieren, was als „Axel Krause“ ausgestellt werden könnte. Dabei sage er doch nur öffentlich was andere denken, meint der Maler in vielen Postings auf Facebook und in einer Reportage in die Kameras des Kulturkanals von arte. Seine Aussage unter dem von ihm auf seinem Youtube-Kanal veröffentlichten arte-Video verdeutlicht seine Enttäuschung und Wut.

    Der Arte-Beitrag bei Arte auf dem Youtube-Channel von Axel Krause.

    Fast scheint es, als gäbe es neben ihm nur noch Staatskunst à la DDR in heutigen Zeiten, wenn er da für seine bislang knapp 160 Zuschauer berichtet: „Ich kenne einige Kollegen sowie Freunde und Bekannte mit anderer Profession, die eine ähnliche Meinung wie ich vertreten, jedoch sehr wohl dosiert mit ihren Äußerungen umgehen, bis hin zur Selbstverleugnung. Die Selbstzensur, wie wir sie in der DDR gelernt haben, um stromlinienförmig zum Karriere-Ziel zu gelangen, ist wieder eine nützliche Eigenschaft, die zu erlernen jeder nötig hat, der kritisch-unangepasst und gleichzeitig erfolgreich sein will. Ich will das nicht mehr!“

    Auslöser seiner Enttäuschung sei jedoch nicht der seit 2009 sinkende Marktwert seiner Bilder, sondern die sogenannte Flüchtlingskrise als extremer Ausschlag auf der Richterskala, die Deutschland in Richtung Abgrund trudeln lassen würde. Wer dieser Meinung ist, würde sofort in die rechte Ecke gestellt, bedient auch Krause das Narrativ vom gejagten Opfer.

    Alles Nazis?

    Das reflexartige Aufzucken bei jedem Medienbericht rund um die Integrationspolitik der Bundesregierung mag in der Anonymität der Internetforen und Sozialen Netzwerke funktionieren. Doch kein ernsthafter Mensch mit einer argumentationsfesten Meinung würde sich zu Äußerungen hinreißen lassen, ein Kritiker der weltweiten Fluchtbewegungen sei ein „Rechter“. Dies wird man jedoch, wenn man tatsächlich glaubt, die seit Jahren von weiten Kreisen auch der Deutschen stillschweigend hingenommene Klima- und Kriegspolitik auf der Welt haben nichts damit zu tun; und negiert, dass sich schon ab 2013 die Jahre des Wegsehens erst in Griechenland und Italien in schlimmsten Lagern manifestierten.

    Nach abermals unterlassener Hilfeleistung Resteuropas hat sich von hier aus ein kleiner Teil 2015 nach Europa und Deutschland entladen.

    „Kritisch-unangepasst“ wäre wohl, diese noch immer koloniale Sicht auf die Welt zu geißeln, statt sich in Regierungskritik für den letzten Akt eines noch immer stattfindenden Dramas zu flüchten. Oder ein nur notdürftig als Muslimen- oder „Überfremdungsproblem“ kaschiertes „Ausländer raus“ zu murmeln. Ebenso geht die nationalistische Kurzsichtigkeit fehl, wenn man tatsächlich meint, Migranten seien daran schuld, dass die deutschen Sozialsysteme in Schieflage sind.

    Dies sind sie seit Jahrzehnten, sie stehen durch Rentenschlüsselkürzungen und Hartz IV ebenso unter Beschuss wie die anhaltende Billiglohnpolitik und Leiharbeit gerade in Sachsen. Wer dann noch die sogar innereuropäische Steuerflucht und Verteilungsfragen oben aufsattelt, versteht durchaus, wo die wirklichen Probleme liegen.

    Doch Abwägungen, Informationen, die Beschäftigung mit anderen Meinungen und Standpunkten gelten in diesem neurechten Biotop nichts mehr, wenn sie nicht den eigenen Standpunkt bestätigen. Auch Axel Krause macht es sich mit seinen Kommentaren auf Facebook leicht und bedient folgerichtig auch den DDR-gelernten Topos „die da Oben“.

    Was dieser Selbstverantwortung abweisende Frame in einer demokratischen Grundordnung und den weitreichenden Gestaltungsmöglichkeiten in scharfer Grenze zu DDR-Zeiten mit seinem künstlerischen Weg seit nun 10 Jahren zu tun hat, wäre wohl nur in einem Gespräch mit Krause klärbar gewesen. Denn ja, Axel Krause hat seine Meinung und darf sie auch äußern. In Facebookpostings, in seiner Kunst und sogar, indem er sich auf den Leipziger Marktplatz stellt und „die Gedanken sind frei“ intoniert.

    In einem Interview wollte er dies nicht tun, während die Debatte und ein Vereinsvorstand nun eine der traditionsreichsten Ausstellungen Leipzigs in den Orkus gerissen hat.

    Fatale Irrtümer im Vereinsvorstand, richtiger Rücktritt

    Dass zwei bis drei von Krauses Werken auf der diesjährigen Leipziger Jahresausstellung im Juni 2019 überhaupt zu sehen sein sollten, zeigt zuerst, dass seitens des Vorstands des Vereins versucht wurde, Krauses Schaffen vom Homo Politicus zu lösen und nur die Kunst sprechen zu lassen. Auch wirklich debattieren wollte man nicht, was die Sache endgültig zum Desaster machte. Eine Diskussion mit dem Argument abwürgen zu wollen, Kunst sei Kunst und hätte mit Politik nichts zu tun und gerade im Fall Axel Krause sei dies so, ist nicht nur kurzsichtig, sondern zeugt auch von Blindheit auf die Kunstgeschichte. Und die des eigenen Vereins.

    Künstler haben sich immer politisch und gesellschaftlich innerhalb und außerhalb von bestehenden Systemen positioniert: Leonardo, Cranach, Goya – die Beispiele sind unerschöpflich. Wer zudem in die Geschichte der Leipziger Jahresausstellung vor dem Zweiten Weltkrieg schaut, stellt fest, dass unterschiedliche politische Überzeugungen auch im Vorstand bis zur ersten fatalen Entwicklung des Vereins durchaus nebeneinander existieren konnten.

    Während ein Vorstandsmitglied wie Bruno Héroux die Jahresausstellung und den Leipziger Kunstverein der Nazi-Ideologie anpasste, wurde mit dem polnischen Maler Eduard Einschlag ein anderes Vorstandsmitglied Ende Oktober 1938 (die Deportationen und Pogrome fanden in Leipzig tatsächlich bereits vor dem 9. November statt) zusammen mit 5.000 polnischen Staatsbürgern aus Leipzig nach Polen transportiert. Einschlags Spuren verloren sich in den Wirren des Krieges, er gilt bis heute als verschollen.

    Eine Aufarbeitung dieser Historie des Vereins fand nie statt. Die Ausstellung drehte sich nur um sich selbst. Allein die Häufigkeit der Teilnahmen einzelner Künstlerinnen und Künstler in den letzten Jahren belegt, dass das Zeigen der „Créme de la Créme“ Leipziger Künstler nicht Kriterium allein ist, die Ausstellung in ihrer Existenz zu erklären.

    Was fehlt, sind daneben schon lange ein Kinder- und Jugendförderprogramm inklusive Preisträgerausstellung, ein Künstlerresidenzprogramm mit Ausstellung, eine politisch-demokratische Verortung und thematische Relevanz zu historischen Bezügen. So wäre 2018 zum Beispiel der Zeitpunkt gewesen, dem ehemaligen Vorstandsmitglied Eduard Einschlag eine Einzelausstellung zu widmen, Kontinuitäten und Brüche des Vereins bis ins Heute aufzuzeigen.

    Die Causa Axel Krause, vor allem aber die fehlende Sprach- und Dialogfähigkeit des Vereins nach der Entscheidung, ihn auszustellen, ist also nicht die erste vertane Chance rings um die Jahressaustellung. Krause als politisch agitierenden Menschen dabei unterschlagen zu wollen, wirft ein ebenso trübes Licht auf die Jahresausstellung, wie die formelhaft begründete Absage derselben. Nicht einmal eine vielleicht klärende Podiumsdebatte hat man vorgeschlagen, stattdessen das Aus per Pressemitteilung.

    Einzig der erfolgte Rücktritt des Vorstandes könnte einen positiven Nachhall ergeben. Denn die Vereins-Mitglieder fühlen sich nun zweimal getäuscht. Die Auswahlkommission bestand vorrangig aus Vorstandsmitgliedern, Vereinsmitglieder hatten dabei kein Mitsprache- sondern nur ein Vorschlagsrecht. Dennoch hätte man weiterhin zu Krause stehen können und die Absage von Künstlern und ihrer geplanten Aufklärungskampagne als ein paralleles Bekenntnis zu den Werten der Demokratie und einer pluralistischen Gesellschaft stehen- und zulassen können.

    „Es wird bunt“, wurde von den selbst ausstellenden Kritikern Krauses angekündigt, nun wird erst einmal gar nichts.

    So muss sich der seit gestern ehemalige Vorstand den Vorwurf gefallen lassen, erst unüberlegt gehandelt, anschließend keine Ideen zu einem offenen Podium in diesem Jahr gehabt und dann noch kalte Füße bekommen zu haben. Die Gründe, warum vor allem der siebenköpfige Vorstand ein Jahr Vorbereitung, öffentliche Finanzierung und Engagement in den Wind gesetzt haben, sind sie in ihrer Absage schuldig geblieben. Die Schuld, die der Vorstand demnach zu Recht auf sich genommen hat, nun jedoch den Kritikern von Axel Krauses politischer Einstellung anzulasten, wäre fatal.

    Sie wissen sich in ihrer Suche nach Auseinandersetzung in Gesellschaft der frühen Aufklärung und Friedrich Nietzsches (1844-1900). Denn mit Blick auf die Festigung von Axel Krauses Meinungen über die „marode Politik“ hierzulande kann man mit ihm durchaus antworten „Überzeugungen sind oft die gefährlichsten Feinde der Wahrheit.“.

    Für die Kunstfreiheit: Axel Krause sprengt Leipziger Jahresausstellung

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    3 KOMMENTARE

    1. Nicht nur die. Spannend wärer auch die Frage, warum gerade der Kunst- und Kulturbetrieb, der ja so auf Vielfalt setzt, das eben nicht aushält, so eine Position. Andere Bereich tun das doch auch. Oder was glauben wir würde passieren, wenn plötzlich alle – sagen wir – Landwirte oder Bauarbeiter, die der AfD nahestehen, von ihren Arbeitgebern rausgeschmissen werden bzw. ihre Produkte nicht mehr vermarkten dürften? Dann hätten wir auch ein Problem. Bei Kunst ist es anders. Da geht es nicht ums Überleben, sondern ums Unterhalten. Oder vielleicht noch um irgendeine Aufklärungsabsicht. Aber woher diese Furor, wenn ein Künstler AfD-nah ist? Mag ich auch nicht, aber damit muss ich leben. Die Opferrolle, die Krause bedient (wenn auch moderat, wie mir scheint, und durchaus reflektiert), diese Opferrolle kommt doch auch(!) daher, dass so sehr gegen ihn geschossen, d.h. ein Täter konstruiert wird. Aber wo ist der (juristisch verwertbare) Tatbestand?
      Gleiches gilt für den Handballpräsidenten in Sachsen, Herrn Vetterlein. Der macht jahrelang gute Arbeit, wird mit großer Mehrheit wiedergewählt und dann durch einen Brandbrief aus Leipzig aus dem Amt gedrängt.
      Das sind nur Einzelfälle, ich weiß, aber gerade als „Linke“ (was auch immer das genau heißen mag), müssen wir uns überlegen, ob wir mit dieser Herangehensweise und – ja – auch mit dieser Süffisanz und Arroganz in der Darstellungsweise von Einzelfällen die Rechte / die AfD nicht noch weiter stärken.

    2. Ja, leider hat er sich und uns um die Chance gebracht, Punkte aufzugreifen, welche auch in diesem Interview stecken, aber eben nicht stattfinden.

      Vor allem den ersten Teil des Interviews finde ich sehr spannend. Welcher uns als ebenfalls Ostgeborene sicherlich zu ganz anderen Zirkelschlägen zwischen seiner „Kindheit und Jugend in der DDR“, welche er praktisch unpolitisch darstellt (eher gut behütet) und das Staatsgebilde selbst nur als miefig bezeichnet, ins Heute gebracht hätte.

      Und mit Blick auf eben diese seine heutigen Äußerungen wäre sicher spontan die Frage im Raum: was meint er eigentlich mit implizit unterstellter fehlender „Meinungsfreiheit“? .

      Will sagen: was da so gefällig zur DDR und zu ihm in der DDR durchläuft, gegen Ende in Raunen über die Unfreiheit der anderen, weniger unabhängigen Menschen als ihn bei der angeblich fehlenden Meinungsfreiheit mündet, wird eben nicht hinterfragt.

      Spannend sind also die Stellen, die fehlen.

    3. Da es nun kein Interview zwischen Krause und der L-IZ gibt, hier mal eines vom September 2018, das Krause mit dem Magazin „anbruch“ geführt hat
      Aber jetzt bitte nicht gleich wieder schimpfen und sagen, dass sei ein konservatives bis tendenenziell neurechtes Schmierblatt, sondern die Deduktionen und Schubladen-Einpassungen einfach mal lassen und das Interview lesen. Krause äußert sich da, wie ich finde, differenziert zu politischen Dingen und ihrer Wirkung. Und auch wenn ich kein Freund der AfD bin und Krauses Kunst im Detail nicht einschätzen kann, finde ich, dass das, was er sagt, zumindest bedenkswert ist.
      https://www.anbruch.info/im-gespraech-mit-axel-krause/

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