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Für die Kunstfreiheit: Axel Krause sprengt Leipziger Jahresausstellung

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    Die Leipziger Jahresausstellung gibt es dieses Jahr nicht. Mit der Bekanntgabe der Künstlerliste der diesjährigen Leipziger Jahresausstellung fing der Trubel an. Auf Facebook äußerte sich die Leipziger Galeristin Arne Linde zur Aufstellung der künstlerischen Position von Axel Krause, der 2018 wegen nationalistischen Äußerungen, Kritikerhäme und seiner zur Schau getragenen AfD-Nähe in der Öffentlichkeit für Unbehagen sorgte. Nun hat der Vorstand nach langem Ringen über das Für und Wider der Kunstfreiheit entschieden: Die Leipziger Jahresausstellung (L.J.A.) findet dieses Jahr nicht statt.

    Es ist auch ein Paukenschlag, der die Leipziger Kunstwelt erschüttert. Einen Monat lang versuchte der Vorstand der Leipziger Jahresausstellung, sich schützend vor die Entscheidung der Auswahlkommission zu stellen, mit Axel Krause lediglich eine interessante Leipziger Kunstposition zeigen zu wollen. Und alles Politische heraushalten zu wollen. Dass diese Strategie nicht aufgegangen ist, zeigte sich schnell an der Reaktion Arne Lindes von der ASPN Galerie auf Facebook vom 30. April. Sie kritisierte die Entscheidung, Axel Krause an der L.J.A. teilhaben zu lassen.

    Die Gründe lagen für sie auf der Hand: Krause ist zu politisch, um Kunst von Meinung trennen zu können. Gerade im Wahljahr, das in Sachsen beim ersten Gang um das Europaparlament für einen Erdrutschsieg der Deutschnationalen sorgte, wäre die Teilnahme Krauses ein fatales Signal: Kunst hin oder her. Immer wenn ein Pressebericht auftauchte, der die politische Einstellung des in Leipzig lebenden Kunstmalers behandelte, die Vereinbarkeit seiner Person mit seiner Kunst herausstellte, reagierte der Vorstand verhalten.

    Man sei gesprächsbereit mit kritischen Stimmen, aber zu einer Beendigung seiner Teilnahme an der 26. Jahresausstellung sei man nicht bereit.

    Der Druck seitens der Künstler

    Daraufhin erklärten mehrere Künstler den Rückzug von der Ausstellung, die vor dem Ersten Weltkrieg ursprünglich von Max Klinger und anderen Leipziger Künstlern gegründet und 1992 wiederbelebt wurde. Auch als ein Statement den Vereinsvorstand erreichte, dass weitere Künstler die Teilnahme Krauses kritisch sehen, und so ein schlechtes Licht auf die Ausstellung geworfen würde, gab es keine wirkliche Entscheidung.

    Vorstandsintern wurde stattdessen auf kritische Stimmen eher emotional reagiert, man wolle sich nicht in die Vereinsarbeit hineinreden lassen. Außerhalb des Vereins stehende Kritiker wurden vorstandsintern auch als „Hetzer“ bezeichnet. Der Druck wuchs. Sprachanalytisch wurden kritische Stimmen abgewertet, weil man sich nicht Blauäugigkeit und mangelndes Grundverständnis zu Krauses politischen Äußerungen unterstellen lassen wollte. Dabei war dem bisherigen Vorstand die Brisanz Krauses Teilnahme, auch wegen seinen Äußerungen im Internet, bekannt.

    Mit der breiter werdenden Öffentlichkeit durch diverse Medienberichte u. a. in der Leipziger Volkszeitung und in der Süddeutschen Zeitung, aber auch durch Axel Krauses Häme gegenüber Künstlern wie Moritz Frei und Felix Leffrank, welche eine Arbeit über den Rechtsruck in der Gesellschaft vorbereiteten, erodierte im Verein aber auch das Vertrauen in die Arbeit des Vorstandes selbst.

    Vorstand der L.J.A. zieht späte Konsequenzen

    Am 31. Mai 2019 teilte der Vorstand nun seinen Rücktritt mit. Gleichzeitig wurde zunächst beschlossen, Axel Krauses Beitrag von der 26. Leipziger Jahresausstellung auszuschließen. „Die öffentlichen Äußerungen Axel Krauses widersprechen den ethischen Grundsätzen unseres Vereins“, hieß es nun spät, vielleicht zu spät. Und gekoppelt mit dem eigenen Rückzug. „Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt.“

    Es folgte ein Satz, der vielleicht das Dilemma der Entscheidung auf den Punkt brachte: „Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich. Der Verein bekennt sich zur Freiheit der Kunst.“

    Am 1. Juni, um 14 Uhr, folgte eine weitere Meldung. Der ehemalige Vorstand des LIA e. V. sagte am gleichen Tag auch noch die 26. Leipziger Jahresausstellung selbst ab. Die Begründung dafür: „Die Ereignisse der letzten Tage haben zu dieser Entscheidung geführt. Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten“, heißt es in einer weiteren Pressemitteilung.

    Der Verein will sich nun neu konstituieren und mit einem neu gewählten Vorstand über die zukünftige Verfahrensweise entscheiden lassen. Man bleibt immer noch unklar, gegenüber Mitgliedern und der Öffentlichkeit, was falschlief: wer den Künstler vorschlug, welche Absicht hinter dem Vorschlag steckte, einen umstrittenen Künstler wie Axel Krause ausstellen zu lassen und wann aus mangelnder Weitsicht im Vorstandsgremium dieses Desaster wurde.

    Für einen Neustart noch vor der aktuellen Ausstellung scheint nun die Zeit zu kurz. Die Eröffnung war für den 6. Juni 2019, 20 Uhr geplant, bis 30. Juni 2019 sollte die Schau in der Leipziger Baumwollspinnerei die Halle 12 füllen.

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    Eine Spurensuche – Absage der Leipziger Jahresausstellung: Ein Desaster weit über Axel Krause hinaus

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    1 KOMMENTAR

    1. Im Vorab: ich habe diesen konkreten Verlauf nicht mitbekommen! Und allgemein: Kunst kann sich selbst genügen, im Elfenbeinturm, schön sein, das ästhetische Empfinden verletzen oder ihm schmeicheln, eine Aussage haben oder auch nicht. ALLES das ist immer auch ein politisches Statement! Kunst kann nicht unpolitisch sein (selbst wenn sie unpolitisch ist, ist das auch eine politische Aussage). In Zeiten der politischen Polasisierungen ist natürlich auch irgendwann die Kunst betroffen – Künstler sind das sowieso, als Teil der Menschen, die sich hierzulande und andernorts irgendwie verhalten. Das Dilemma besteht darin, dass es im Vorfeld für solche Situationen keine Regeln gab, die gälte es nun zu erarbeiten, wenn man denn weitermachen will. Und das sollte auf jeden Fall geschehen: Entwicklung, Dynamik und Konflikte sollten doch keine Gründe sein, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen, sondern sich auseinander zu setzen, sich selbst und die Dinge zu klären, um mit einer dann klaren Haltung (für die eigenen, als angemessen reflektierten Interessen) erneut anzutreten.
      Axel Krause ist gelernter DDR-Bürger. Wie andere auch weiß er, wie man auf sich aufmerksam macht oder eine Meinung mehr oder weniger direkt unter die Leute bringt (gern auch um auf sich aufmerksam zu machen). Und Kunst ist dafür ein gutes Vehikel, eine scheinbar oder unscheinbar daherkommende Möglichkeit, etwas auszudrücken, das dem, was man heute so nett als Mainstream bezeichnet, zuwider läuft. Um damit auf sich aufmerksam zu machen. Ggf. um mit seiner (politischen) Kunst Haltung zu zeigen und womöglich Einfluss auf die Welt zu nehmen. Das war schon zu DDR-Zeiten so. Auch da wurden Künstler von Ausstellungen ausgeschlossen wegen politischer Nonkonformität: Der Grat ist schmal, als Ausstellungsveranstalter ist es deshalb um so wichtiger, sich dazu konzeptionelle Gedanken zu machen: wo genau verläuft bei uns die Grenze zwischen Kunst und politischer Meinungsäußerung, was trauen (muten) wir uns und unseren Besuchern zu, was sind die anderen Künstler bereit zu tolerieren, wie kommen wir dazu gemeinsam in einen Prozess. Erst einmal einen Stopp einzulegen ist daher klug – wenn auch aus der Not und scheinbar nicht aus einem Zustand der Souverenität und Selbstreflektion geboren, könnte diese Zäsur gut genutzt, einen qualitativen Sprung zur Folge haben bezogen auf zukünftiges Selbstverständnis, Werte, Inhalt und Form dessen, was fürderhin stattfinden soll. Viel Erfolg dabei: denn genau das ist es, was derzeit gebraucht wird!

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