Früher waren Museen heilige Kammern, in denen man andächtig auf heilige Vitrinen schaute und sich nicht traute zu hüsteln. Das hat sich geändert. Und soll sich auch in Leipzig noch mehr ändern. Die städtischen Museen sollen zu richtigen Erlebnisorten werden, sogenannten „third places“ in denen sich auch die Leipziger gern aufhalten, diskutieren oder neue digitale Angebote nutzen, um sich zu informieren. Und die Dauerausstellungen sollen entgeltfrei werden.

Am Freitag, 13. Dezember, stellte Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke gemeinsam mit Oberbürgermeister Burkhard Jung die neue Museumskonzeption vor, die freilich auch noch einige entscheidende Baustellen enthält – nämlich die Schaffung eines gemeinsamen Zentraldepots und verstärkte Anstrengungen in der Provinienzforschung – also zur Herkunft all der Sammelstücke und dem Weg, auf dem sie in die Sammlung kamen.

Mit dem neuen Museumskonzept setzt die Stadt einen verbindlichen Rahmen für die vier städtischen Museen bis zum Jahr 2030. Das Konzept gilt für das Stadtgeschichtliche Museum, das Naturkundemuseum, das Museum der bildenden Künste und das GRASSI Museum für Angewandte Kunst.

„Die Museumskonzeption 2030 zeigt die strategischen Herausforderungen und thematisiert Potenziale und Perspektiven für die vier städtischen Museen. Damit liegt ein umfassender Fahrplan zur nachhaltigen Erneuerung, Entwicklung und Gestaltung vor“, erklärt Oberbürgermeister Burkhard Jung.

„Ein wichtiges Ziel ist der freie Eintritt in die Dauerausstellungen. Damit sollen unsere Museen noch stärker ein Treffpunkt aller werden und die kulturelle Teilhabe fördern. Die einst durch die Bürgerschaft gegründeten Sammlungen werden so den Bürgerinnen und Bürgern frei zugängig gemacht.“

Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke: „Wir wollen durch die Museumskonzeption die Museen künftig noch stärker als Standortfaktor für Lebensqualität und Bildung in den Fokus rücken. Es geht sowohl um ihre stärkere Vernetzung lokal und national als auch um eine zunehmende Internationalisierung. Heute werden die kommunal getragenen Museen jährlich von fast einer Million Besucherinnen und Besuchern aller Altersgruppen und sozialen Gruppen besucht. Damit zählen sie zu den leistungsstärksten Kulturträgern unserer Stadt. Allerdings benötigen sie Unterstützung und Stärkung, um ihre Arbeit umfassend, engagiert und verantwortungsvoll leisten zu können.“

Die Museumskonzeption 2030 zu erarbeiten erforderte Zeit und eingehende Diskussion, betont das Kulturdezernat. Aufbauend auf den acht Schwerpunkten werden in den Einzelkonzepten der Museen die umzusetzenden Leitlinien und Maßgaben formuliert. Die Ziele werden dann noch durch konkrete Handlungsempfehlungen untersetzt.

Die Museumskonzeption 2030 soll in der Februar Ratsversammlung dem Stadtrat vorgelegt werden.

Die acht Schwerpunkte

1. Provenienzforschung

Im 20. Jahrhundert waren die städtischen Museen mehr oder weniger stark von politischen Ereignissen betroffen, die in den Sammlungen teilweise gravierende Umwälzungen ausgelöst und unklare Provenienzen hinterlassen haben. Daraus resultieren auch ungeklärte Eigentumsfragen. Für die städtischen Museen besteht die Notwendigkeit zur Provenienzrecherche. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung von Rechtssicherheit bei den Eigentumsverhältnissen der Museumsbestände sowie bei der Wiedergutmachung von Unrecht.

2. Transkulturalität

Durch den Wandel der Gesellschaft – geprägt durch Globalisierung, Migration und Digitalisierung – entwickeln und definieren Menschen heute ihre Identität in und durch mehrere Nationen, Kulturen und Ethnien. Neben dem Ortswechsel prägen beispielsweise auch verschiedene Arbeits- und damit Lebensweisen das eigene Selbstverständnis. In diesem vielfältigen Existenzgefüge sind Museen Orte der Begegnung und der Vermittlung von Kultur. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen sie auch und vor allem auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren und sich diesem anpassen.

3. Museen als Orte des aktiven gesellschaftlichen Diskurses

Die besucherorientierten städtischen Museen pflegen die Verbindung zur gesellschaftlichen Realität – sie sind besondere, aber keine abgehobenen Orte: Sie gehen Partnerschaften ein und sind in Netzwerken verankert, um ihren Charakter und ihre Bedeutung als kollektive Denk- und Erfahrungsräume weiter zu stärken. Sie bieten Raum für aktive Auseinandersetzung zu aktuellen Fragen der Zeit.

4. Museen als „third places“

In einer globalisierten und vernetzten Welt gewinnen sogenannte „dritte Orte“ immer stärker an Bedeutung, denn die Menschen brauchen stabile Verankerungen im persönlichen und lokalen Umfeld. Museen sind prädestinierte „third places“: Als städtische Begegnungsräume bieten die städtischen Museen Außen- und Innenbereiche, die als Attraktionen und Wahrzeichen der Stadt wahrgenommen werden können.

Sie eignen sich hervorragend als öffentliche Treffpunkte – als Orte, die inspirieren und zum Nachdenken anregen, die sich mit Wohlbefinden und Entspannung verbinden, mit Zwanglosigkeit und mit Staunen. Das Potenzial dieser Leipziger Museen als kommunikative Erlebnisorte ist ohne Zweifel gegeben und lässt sich weiter ausbauen. Beim NKM ist die Museumskonzeption für das neue Naturkundemuseum darauf ausgerichtet.

5. Drittmittelakquise

Eine weitere Erhöhung des Drittmittelanteils am Budget der städtischen Museen wird angestrebt. Nur so können Museumsbetrieb, die Restaurierungen, die Vermittlung und Forschung auf hohem Niveau, die weitere Sammlungserschließung und die Erweiterung durch ergänzende Ankäufe gewährleistet werden. In einem dynamischen Prozess stellt die weitere kontinuierliche Einwerbung von Mitteln zunehmend höhere inhaltliche und personelle Anforderungen.

Der gemeinsame Auftritt der vier Museen ist ein Faktor, der für potentielle Drittmittelgeber essentiell sein wird, wenn es um die Frage zukünftiger Investitionen geht. Im Miteinander sind sowohl gemeinsame als auch individuelle Ziele der Museen besser vermittel- und durchsetzbar. Um nachhaltig erfolgreich zu sein, ist es ausschlaggebend, die Attraktivität für Investoren derart zu erhöhen und aufrecht zu halten, dass auch herausragende Projekte mit Alleinstellungscharakter verwirklicht werden können.

6. Entgeltfreiheit in den Museen

Mit der Einführung der Entgeltfreiheit in die Dauerausstellungen der städtischen Museen käme die Stadt Leipzig in herausragender Art und Weise ihrer fürsorglichen Verantwortung nach und würde eines der wichtigsten Leitziele des landesweiten Konzepts der kulturellen Kinder- und Jugendbildung des Freistaates Sachsen umsetzen, jenes der allgemeinen Teilhabe. Die bürgerlichen Sammlungen sollen allen Bürgerinnen und Bürgern offenstehen und damit besonders auch das junge Publikum in die Museen locken.

7. Zentraldepot

Für alle städtischen Museen gilt: Sie „platzen aus allen Nähten“. Die Schaffung eines Zentraldepots im Verbund aller städtischen Museen bietet sich hier als geeignete Lösung an und wird der Verantwortung für eine Langzeitperspektive gerecht.

8. Digitalisierung

Kunst ist immer direktes Erleben. Aufgabe der Museen ist es, dieses „face to face“ Erlebnis zu erhalten. Durch den Einsatz digitaler Techniken gibt es heute schon die Möglichkeiten, dieses Erlebnis noch zu verstärken. Visionen und ganzheitliche Strategien sind erforderlich, um digitalen Wandel und digitale Transformation möglich zu machen. Eine digitale Strategie definiert und kontrolliert alle Strukturen, Maßnahmen, Projekte, Ressourcen, Kompetenzen und Wertigkeiten, aber auch Kosten und Nutzen, die ein Museum in diesen Bereichen einsetzt, und führt sie in ein optimales Miteinander.

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