Da dachte noch niemand so recht, dass auch Leipzig mal von der Corona-Pandemie überrollt werden würde, als der Stadtrat im Februar die „Museumskonzeption 2030“ beschloss. Ein ganz zentraler Baustein dabei war die baldmögliche Aufhebung der Entgelte zum Besuch der Dauerausstellungen im Stadtgeschichtliches Museum, Naturkundemuseum, GRASSI Museum für Angewandte Kunst und Museum der bildenden Künste. Mit einer Bedingung: Der Stadtrat wollte wissen, was es kostet.

Es gibt zwar schon in einigen deutschen Museen Erfahrungen mit der Aufhebung der Eintrittsgelder, die das Dezernat Kultur jetzt in seiner Vorlage zu diesem wichtigen Prüfstein der „Museumskonzeption 2030“ auch benennt und erörtert. Der wichtigste Effekt ist die Steigerung der Besucherzahlen gleich mit Start der Aufhebung. Insbesondere Dauerbesucher und junge Menschen nutzen das Angebot gern. Nur längerfristige Erfahrungen gibt es noch nicht.

Was aber das Kulturdezernat nicht zu der Ansicht bringt, dass die Sache nicht umgesetzt werden sollte.

Denn ein freier Eintritt in Dauerausstellungen hat auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt Bedeutung.

„Ursprünglich war angedacht, zusammen mit den zu aktualisierenden Entgeltordnungen für die Leipziger Städtischen Museen – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (SGM), Museum für Angewandte Kunst im Grassi (MAK), Museum der bildenden Künste Leipzig (MdbK) und Naturkundemuseum Leipzig (NKM) – die Einführung der Entgeltfreiheit für die Dauerausstellungen in den Häusern mit Beschluss zum Doppelhaushalt 2021/22 zu beschließen“, kann man jetzt in der Vorlage des Kulturdezernats lesen.

„Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen wirtschaftlichen und finanziellen Folgen für die Stadt Leipzig insgesamt, aber auch für die kommunale Museumslandschaft, kann aktuell die Einführung der Entgeltfreiheit nicht verantwortet werden. Vielmehr gilt es, neben der monetären Betrachtung des Themas auch mögliche gesellschaftspolitische Perspektiven zu untersuchen. In einer Zeit, in der durch die Corona-Pandemie sowohl die soziale Vereinzelung zunimmt als auch verstärkt (gegensätzliche) Positionen konfrontativ ausgetragen werden, sind Modelle für Begegnung und Aushandlung gefragter denn je. Doch wo können diese erprobt werden? Wo können sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen der Stadtgesellschaft begegnen, um unterschiedliche Modelle des gesellschaftlichen Miteinanders zu diskutieren?“

Die Museen könnten durchaus solche „dritten Orte“ werden. „Mit der Einführung der Entgeltfreiheit für die Dauerausstellungen der Leipziger städtischen Museen könnten die Häuser in besonderer Weise ihre Türen öffnen, neue Freiräume schaffen und einen modellhaften Beitrag zu einer gelingenden Demokratie leisten. Die Stadt Leipzig würde Forderungen nach gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation in herausragender Weise einlösen und die Kommune ihrem Innovationspotential gerecht werden. Leipzig wäre die erste Stadt im Osten Deutschlands, die die Entgeltfreiheit für Dauerausstellungen in kommunalen Museen einführt.“

Aber Corona macht die Sache auch gleichzeitig schwieriger, denn die Eintrittsfreiheit bedeutet trotzdem höhere Kosten.

Wobei ja gerade jüngere Leipziger/-innen jetzt schon kostenfrei in die Museen können: „Ein zentrales Merkmal und hohes Gut der Preisgestaltungen in den Leipziger städtischen Museen ist, dass Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 19. Lebensjahr kostenfreien Zugang zu den Häusern gewährt wird. Mit Stand vom 30.06.2020 gehörten 100.125 Menschen in der Stadt Leipzig diesen Altersgruppen an, also ca. 16 % der Leipziger Bevölkerung.”

Die Mindereinnahmen durch freien Eintritt auch für die Älteren wären dabei der kleinere Posten. Die Museen rechnen hier mit 464.500 Euro Mindereinnahmen pro Jahr. Wesentlich stärker schlagen zum Beispiel Personalausgaben für mehr Wachpersonal und durch zusätzliche Vermittlungsangebote zu Buche. Einiges könnte durch Anstrengungen in den Häusern ausgeglichen werden. Aber in der Summe würde die Stadt jährlich rund 1,1 Millionen Euro zusätzlich bereitstellen müssen. Was natürlich schwer darstellbar ist, wenn jetzt mit harten Bandagen unter Corona-Bedingungen um den Doppelhaushalt 2021/2022 gerungen wird.

„Abzüglich der optionalen baulichen Veränderungen und der einmaligen Mehraufwendungen bleibt ein jährlicher Zuschussbedarf für den kommunalen Haushalt in Höhe von rd. 825.000 €. Diese Mittel müssten als Mehrbedarf in den Haushalt der Stadt Leipzig ab dem Jahr 2023 eingestellt werden“, zieht das Kulturdezernat seine Bilanz und empfiehlt dem Stadtrat mit der Vorlage, die Entgeltfreiheit lieber erst 2023 einzuführen.

„Durch die Coronakrise und deren Auswirkungen in diesem Frühjahr schlägt die Verwaltung dem Stadtrat vor, die Entgeltfreiheit für die Dauerausstellung erst ab dem Jahr 2023 einzuführen“, betont das Kulturdezernat und verweist auf die Vorlage VII-DS-01682 des Finanzdezernats „Überprüfung der Stadtratsbeschlüsse und Haushaltsanträge 2017/18 sowie 2019/20 mit finanziellen Auswirkungen auf den Ergebnishaushalt 2021/2022 unter Berücksichtigung der finanziellen Auswirkungen aufgrund der Corona-Pandemie in der Stadt Leipzig“.

Der Stadtrat tagt: Museumskonzeption 2030 beschlossen

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