Auf dem Weg durch das zweite Obergeschoss des Alten Rathauses trifft man auf drei Persönlichkeiten, deren Geschichten gleichermaßen spannend sind, aber leider auch meist unerzählt blieben. Wer war August Bebels Frau, die Ende des 19. Jahrhunderts als „Sekretariat der Sozialdemokratischen Partei“ galt? Wer gründete eigentlich die Homosexuellen-Bewegung in Leipzig? Und wer steckt hinter der antifaschistischen Schriftstellerin „Trude Richter“?

Die sozialistische Aktivistin Julie Bebel

Johanna Caroline Julie Bebel (1843–1910), geboren in Leipzig, wuchs in stabilen Verhältnissen auf. Nach der Volksschule hieß es für sie: Arbeit in einem Putzwarengeschäft. Mit der Anfertigung von Bändern, Schleifen, Kordeln und Accessoires verdiente sie mehr als die meisten Schneiderinnen, aber weniger als der durchschnittliche männliche Tagelöhner.

Am 21. Februar 1863 ging Julie mit ihrem Bruder Albert auf das Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig. Ferdinand August Bebel (1840–1913), zu dieser Zeit rühriger und aufstrebender Tischlergeselle und Festredner des Abends, holte sie zum Tanz. Aus beiden wurde ein Paar. Die Trauung in der Leipziger Thomaskirche erfolgte am 9. April 1866; gefeiert wurde im Verein des Arbeiterbildungslokals.

Julie Bebel agierte in einer Zeit, in der es Frauen gesetzlich untersagt war, politisch oder geschäftstüchtig zu sein. Als Frau August Bebels übernahm sie dennoch dessen Geschäfte in Zeiträumen seiner Abwesenheit durch Gefängnisaufenthalte und Reisen und galt somit als „Sekretariat der Sozialdemokratischen Partei“. Nicht umsonst wurde August Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ unter dem Pseudonym „Frau Julie“ gehandelt. Julie Bebel war überzeugte Sozialdemokratin, konnte allerdings nie Parteimitglied sein. Frauen wurde erst 1908 die Mitgliedschaft in einer politischen Partei erlaubt. Das Wahlrecht erhielten Frauen sogar erst Ende 1918.

Mitte der 1880er-Jahre zogen die Bebels nach Dresden. 1909 besuchte Julie gemeinsam mit ihrem Mann anlässlich eines Parteitages der Sozialdemokratie noch einmal Leipzig. Im Jahr zuvor hatte sie eine Brustkrebsoperation überstanden und trotzdem ihren ebenfalls schwer erkrankten Mann gepflegt. 1910 erlitt Julie Bebel einen Rückfall: Sie starb am 22. November in Zürich an Leberkrebs.

Im Stadtgeschichtlichen Museum 2022 interessiert sich Julie Bebel vor allem dafür, ob sich ihre Thesen aus dem Kapitel „Die Frau in der Zukunft“ bewahrheitet haben. Themen wie Gleichberechtigung und Teilhabe, aber auch das gesellschaftspolitische „Mithalten können“ mit rasant fortschreitenden technischen Errungenschaften, besitzen nach wie vor bestürzende Aktualität.

Der pazifistische Schriftsteller Bruno Vogel

Bruno Vogel (1898–1987) tritt den Besucher/-innen im Stadtgeschichtlichen Museum als Soldat gekleidet entgegen. Etwas skurril, war Vogel doch als pazifistischer und emanzipatorischer Schriftsteller bekannt. Mit 18 Jahren meldete sich der gebürtige Leipziger als Kriegsfreiwilliger – erst danach erschien seine Antikriegsliteratur.

Das LZ Titelblatt vom Monat Mai 2022. VÖ. am 27.05.2022. Foto: LZ

Mit seinem Erstling „Es lebe der Krieg!“ (1924) beschäftigte Vogel vier Jahre lang die sächsischen Gerichte. Sein unverblümtes Schreiben über „zerhackte Muskeln“ und organisierte Heeresprostitution galt als unsittlich und war somit gesetzeswidrig. Das Buch wurde schließlich verboten.

Nur wenige Jahre später wurde Bruno Vogel mit seinem Jugendroman „Alf“ (1929) zum Pionier der Homosexuellen-Bewegung. Bereits um 1922 hatte er in Leipzig die „Gemeinschaft Wir“ gegründet, die sich im „Rosentalcasino“ in der Rosentalgasse 8/10 traf.

Mit dem Hauch von Freiheit, den die 1920er-Jahre mit sich brachten, wollte Vogel lokal den Kampf gegen die rechtliche und gesellschaftliche Ächtung der Homosexuellen aufnehmen, ganz im Sinne Magnus Hirschfelds. Der bekannte Sexualforscher wurde sogar auf Vogels Organisation aufmerksam. Später arbeitete Vogel für ihn am Institut für Sexualwissenschaft in Berlin.

Hirschfeld und Vogel setzten sich beide für die Abschaffung des Paragrafen 175 ein, der Sex zwischen Männern als „widernatürliche Unzucht“ bestrafte. Unter dem NS-Regime wurde dieser jedoch sogar verschärft. Bruno Vogel verließ deshalb Deutschland schon im Sommer 1931 und zog zunächst mit einem Freund nach Österreich, von wo er, aufgeschreckt durch den Berliner Reichstagsbrand, nach Norwegen flüchtete.

1937 wiederum flüchtete er aus Angst vor einem möglichen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norwegen weiter nach Südafrika und schlug sich hier mit wechselnden Aushilfstätigkeiten durchs Leben. Anfang der 1950er Jahre kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in London nieder. Hier verstarb er 1987 im Alter von 88 Jahren.

Frauenrechtlerin und Antifaschistin Trude Richter

Geboren wurde sie als Erna Barnick (1899–1989), Tochter eines Reichspostbeamten in Magdeburg. Den Decknamen Trude Richter nahm sie 1931 an, um unbehelligt für eine kommunistische Arbeiterzeitung zu schreiben und behielt ihn danach ein Leben lang.

Trude Richter © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Trude Richter absolvierte nach dem Oberlyzeum ein Lehrerinnenseminar, arbeitete kurzzeitig als Erzieherin und Volksschullehrerin, studierte unter schwierigen materiellen Bedingungen in Berlin und Frankfurt am Main und erhielt 1926 die Lehrbefähigung als Gymnasiallehrerin für Germanistik und Geschichte.

Auch als „Frau Doktor“ und trotz Zusatzqualifizierungen in Theologie fand sie nur Vertretungsstellen. Sie erlebte in der Weimarer Republik die sozialen Probleme und die Benachteiligung der Frauen unter anderem durch das Zölibat der Lehrerinnen, die sie als „Nonnen des modernen Lebens“ charakterisierte.

Eine Annäherung an kommunistische Positionen brachte ihre Lebenspartnerschaft mit dem marxistischen Nationalökonomen Hans Günther (1899–1938), in deren Folge sie KPD-Mitglied wurde. Unter dem Pseudonym Trude Richter schrieb sie nun für kommunistische Publikationsorgane, lebte ab 1931 in Berlin und wurde 1932 zur Ersten Sekretärin des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller gewählt.

Von Verhaftung in Nazi-Deutschland bedroht, floh Trude Richter gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in die Sowjetunion. Einen Tag nach Verleihung der sowjetischen Staatsbürgerschaft wurden Trude Richter und Hans Günther am 4. November 1936 unter dem Vorwurf „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ durch das Stalin-Regime verhaftet. Trude verbrachte acht Jahre in einem Straf- und Zwangsarbeitslager. Hans Günther überlebte die Torturen der Verhaftung nicht und starb bereits 1938.

1957 kehrte Richter nach Leipzig zurück, wo sie fortan als Dozentin am „Institut für Literatur“ arbeitete. Die Schriften von Hans Günther und ihre eigene Autobiographie zu veröffentlichen, stellte sich in der DDR als schwieriges Unterfangen heraus. Der zweite Teil ihres Lebenswerkes „Totgesagt“, der die Zeit ihrer Verhaftung und Verbannung durch Stalin beinhaltet, wurde zweimal abgelehnt.

Er erschien erst 1990 nach ihrem Tod. Trude Richter starb hochbetagt im Januar 1989 in Leipzig und wurde im Ehrenhain für Kämpfer gegen den Faschismus auf dem Südfriedhof beigesetzt.

„Unerzählte Leipziger Geschichten: Julie Bebel, Bruno Vogel und Trude Richter als Pioniere ihrer Zeit“ erschien erstmals am 27. Mai 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 102 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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