In Leipzig entsteht ein Offenes Feministisches Demokratiearchiv. Hoppla, gibt’s denn noch nicht genug Archive dieser Art? Nicht unbedingt. Den eines liegt den Initiatorinnen schwer im Magen: Auch in der Erinnerung an die Friedliche Revolution von 1989 dominieren die Männer. Der Anteil der Frauen an der Revolution verschwindet im Nebel. Das soll sich ändern. Ein Stadtratsbeschluss hilft dabei.

Dieser Beschluss fiel im Oktober 2021 im Stadtrat. Da ging es um die Frage, wer alles vertreten sein wird im künftigen Forum für Freiheit und Bürgerrechte. „Nur mit Geschlechtergerechtigkeit!“, hatte das Referat für Gleichstellung von Frau und Mann gefordert.

Ein neues, besonderes Archiv soll dem jetzt Rechnung tragen.

Kritik an einseitigen Narrativen über „1989“

„Es wird ein Ort, der Geschichte(n) zur Wendezeit von 1989 sammelt und erzählt. Neben oft zitierten und abgelichteten männlichen Bürgerrechtlern waren ebenso Frauen, Lesben, Schwule und ausländische Studierende … in unterschiedlichsten Wirkungsbereichen zivilgesellschaftlich engagiert und aktiv Handelnde – die die Geschehnisse von 1989 unmittelbar mitgetragen haben“, formulieren der Frauenkultur e.V. Leipzig und die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. das Problem.

„Einseitige Geschichtserzählungen über die Friedliche Revolution von 1989 verhindern heute die erkenntnisbefördernde Vermittlung von grundlegenden gesellschaftlichen Zusammenhängen.“

Denn Demokratiegeschichte in Leipzig beginnt auch schon weit vor 1989. Gerade die Stadt Leipzig hat eine besondere Bedeutung als Zentrum demokratisch organisierter Frauen- und Freiheitsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, die bis heute anhält. So erfolgte in Leipzig 1865 auf der ersten deutschen Frauenkonferenz die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit dem Ziel des Abbaus struktureller Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Bereichen Bildung und Arbeit.

Das Offene feministische Demokratiearchiv soll jetzt ein Ort der Begegnung und eine Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft und Forschung werden. Hier sollen auf der einen Seite Forscher/-innen zu feministischen und geschlechtergeschichtlichen Themen Platz und einen reichen Quellenfundus für Ihre Forschungen finden – auf der anderen Seite aber auch einen Raum bekommen, in dem diese Forschungsergebnisse vorgestellt werden können.

Wie kam es zur Gründung des Offenen Feministischen Demokratiearchivs in Leipzig?

Am 20. September 2017 beschloss der Leipziger Stadtrat die „Entwicklung eines Forums für Freiheit und Bürgerrechte/Demokratie-Campus“ (Arbeitstitel). Grundlage war unter anderem der Entwurf eines Entwicklungskonzeptes eines „Akteurs-Kreises“ bestehend aus fünf Beteiligten: BStU, Bürgerkomitee Leipzig e.V., Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V., Stiftung Friedliche Revolution und Schulmuseum Leipzig.

Da in diesem Entwurf viele Perspektiven – vor allem feministische und queere Perspektiven – fehlten, waren für Leipziger Fraueninitiativen so einige Fragen offen. Insbesondere fanden sich Akteurinnen des Frauenkultur Leipzig e.V., der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft und FraGes, des Zentrums für Gender Studies der Uni Leipzig, bereit, an diesem Forum für Demokratie teilzuhaben und mitzugestalten.

Alle genannten Vereine arbeiten zu demokratischen Prozessen und zur Gleichstellung bzw. verwalten Archive, die Teil der Stadtgeschichte und Demokratie-Entwicklung sind.

Am 20. Januar 2018 wurde das gemeinsam erarbeitete feministische Konzept-Papier der Stadt vorgelegt unter dem Titel: „Erweiterte Entwicklungsperspektiven für das Areal der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig zwischen Dittrichring und Großer Fleischergasse | ‚Zentrum für Demokratie – Forum für Freiheit und Rechte von Bürgerinnen und Bürgern‘“ (Arbeitstitel).

Und dann? Über drei Jahre wurde die Kommunikation mit der Stadt gesucht.

Letztendlich gelang es, mit einem Antrag der AG Frauenprojekte Leipzig und folgend einem des Beirats für Gleichstellung der Stadt Leipzig am 13. Oktober 2021 folgenden Stadtratsbeschluss zu erzielen:

Stadtratsbeschluss „Forum für Freiheit und Bürgerrechte. Nur mit Geschlechtergerechtigkeit“:

1. Die Perspektiven von Geschlechtergerechtigkeit sowie eine erweiterte Sichtweise auf Demokratie werden bei der weiteren Planung des „Forums für Freiheit und Bürgerrechte“ (Arbeitstitel) angemessen und in allen Bereichen berücksichtigt.
2. Der Arbeitskreis „Forum für Freiheit und Bürgerrechte“, der momentan aus fünf gesellschaftlichen Akteuren besteht, wird um eine weitere Akteurin aus dem Bereich Geschlechtergerechtigkeit erweitert. Die Akteurin bzw. die beiden zu benennenden Personen werden von der AG Frauenprojekte Leipzig entsandt.
3. Das Positionspapier „Demokratie und Gleichberechtigung aller Menschen bedingen einander. Erweiterte Entwicklungsperspektiven für das ‚Forum für Freiheit und Bürger*innenrechte‘“, erarbeitet durch den Frauenkultur e.V. Leipzig und den Louise-Otto-Peters-Gesellschaft Leipzig e.V. wird von allen Beteiligten zur Kenntnis genommen.

Viele Pläne für die Zukunft

Um diesen Stadtratsbeschluss umzusetzen, musste die „neue Akteurin“ einen Namen bekommen und in einer konkreten Trägerschaft verankert sein.

Und so heißt das Vorhaben nun: Offenes feministisches Demokratie-Archiv (OfemDA).

Zurzeit ist es rechtlich getragen durch den Frauenkultur e.V. Leipzig – gemeinsam mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Perspektivisch sinnvoll ist die Gründung eines eigenständigen Vereins als Trägerin des Archivs.

Für dieses Offene Feministische Demokratiearchiv gibt seit Ende Juli 2022 eine erste Online-Präsenz und zudem noch ein Statement, das unterzeichnet werden kann, von allen Menschen, die dieses Anliegen gerne mittragen: „Mit meiner Unterschrift unterstütze ich die Entstehung des Offenen feministischen Demokratiearchivs – und die
Bewerbung der Stadt Leipzig als Standort für das Zukunftszentrum für Europäische Transformation und Deutsche Einheit … für die Sichtbarmachung der Ideen und Aktivitäten und Forderungen von FLINTA*, von zivilgesellschaftlich engagierte und aktiv Handelnden … von LGBTIQ*, von ausländischen Studierenden, von people of colour…“

Angedacht sind unter anderem auch ein digitaler Archiv-Blog und unterschiedlichste Bildungsformate für alle Schüler/-innen, Studierende, alle Interessierten – auch im internationalen Austausch, außerdem Fortbildungen und Veranstaltungen zu wichtigen geschlechterhistorischen Themen.

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