Stellen Sie sich vor, Sie besitzen einen beachtlichen Schatz und Sie können über diesen nicht verfügen, weil Sie ihn nicht erkennen können und weil er zusätzlich von einem verwaltet wird, der noch weniger erkennen kann, welchen außergewöhnlichen Schatz er da in seiner Obhut hat, weil er dazu noch weniger fähig ist, als Sie. Stellen Sie sich vor, dieser Schatz besitzt seine Besonderheit in seiner Gesamtheit, aber nicht in Bezug auf seine einzelnen Teile; diese sind austauschbar, seine Gesamtheit dagegen ist einmalig; und damit sind es auch seine einzelnen Teile. – Doch das erkennt weder der eine noch der andere.

Der zuerst Genannte kann den Schatz nicht erkennen, weil ihm die Ausbildung dazu fehlt und weil er sich ohnehin für dergleichen nicht interessiert, sich auch nicht vorstellen kann, dass er über einen solch besonderen Schatz verfügen könnte.

Der andere kann nichts Besonderes an dem Schatz erkennen, weil er noch weniger eine Ausbildung dazu besitzt; und besonders an diesem Ort ist für ihn etwas Außergewöhnliches nicht möglich gewesen, bevor er zugegen war, also unmöglich gegeben sein kann. Also behandelt er diesen Schatz, wie jede andere Ansammlung von Kunstwerken. – Was man ihm nicht verübeln darf, denn er kann es nicht anders wissen. – Nur dass er nicht weiß, dass er das nicht wissen kann, obwohl das leicht zu erraten wäre, das könnte man ihm schon zum Vorwurf machen …

Von welcher Seite man es auch betrachtet, es ist eine verworrene Situation, von der man sich nur voller Resignation abwenden kann. Aber dann geht mit diesem Schatz auch sein Besonderes und sehr Seltenes, von dem noch keiner weiß, wahrscheinlich für immer verloren.

Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig. Foto: Claus Baumann
Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig. Foto: Claus Baumann

Stellen Sie sich vor, Leipzig würde über einen solchen Schatz verfügen, aber keiner weiß davon, weil durch die Wirren der Wiedervereinigung genau eine solche Situation, wie oben beschrieben, eingetreten ist.

Würden sie sich mit der Bemerkung „So ist das eben“ gelassen abwenden und lieber auf die erste nennenswerte (und weit über die Stadtgrenzen hinaus beachtete) Kunstentwicklung in der tausendjährigen Geschichte Leipzigs verzichten?

Jede andere Stadt wäre froh, einen solchen Schatz ihr Eigen nennen zu können. – Warum nicht in Leipzig?

Noch gibt es diese Sammlung, von unkundigen Leuten mehr schlecht als recht verwaltet, durch Zufall im Besitz der Sparkasse. – Der Sparkasse der Stadt Leipzig.

Es wäre also, wenn man es seitens der Stadt wollte, ein Leichtes, diese Sammlung in die Obhut des Museums der Bildenden Künste zu geben, wo sie eigentlich hingehört. – Wohlgemerkt: Wenn man wollte!

Aber man will nicht! Warum? – Will man die Stadt und ihre Bürger/-innen vor einer ihrer gewichtigen historischen Leistungen schützen? Und wer will das? Die Bürger/-innen selbst?

Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig. Foto: Claus Baumann
Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig. Foto: Claus Baumann

Oder ist es dem Umstand geschuldet, dass auch die für Leipzig Verantwortlichen nicht fähig sind, diesen Schatz zu erkennen? – (Was übersehen sie daher eigentlich noch, weil sie das Offensichtliche schon nicht zu erkennen vermögen?)

Es ist ein Dilemma!

Stellen Sie sich vor, dergleichen geschehe in München, Frankfurt a. M., Düsseldorf oder Hamburg.

Nicht auszudenken…

Erst als die Mexikaner entdeckten, dass sie keine Spanier mehr sind, sondern Mexikaner, entdeckten sie auch die alten Kulturen der indigenen Völker ihres Landes, das sie einst in Besitz genommen hatten, als wichtigen Teil ihrer eigenen Geschichte.

Es besteht also noch Hoffnung!

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Anmerkung der Redaktion: Die Kunstsammlung der Sparkasse Leipzig ist für die Leipziger nicht ganz unsichtbar. Sie ist in wechselnden Ausstellungen in der Kunsthalle der Sparkasse in der Otto-Schill-Straße zu sehen.

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