Ebenezer Scrooge hat keine Lust auf Weihnachten, auf Plätzchen, Kinderaugenfunkeln und Besinnlichkeit. Er als tüchtiger Geschäftsmann, der mit Argusaugen sein Geld zusammenhält, möchte nicht zur Ruhe kommen und mal Viere gerade sein lassen, wenn er doch gleichzeitig sein Vermögen mehren und die Kasse klingeln lassen könnte. Als er jedoch in der Nacht zum 25. Dezember, dem Weihnachtstag, unerwarteten Besuch bekommt, beginnt seine Lebensphilosophie langsam zu bröckeln.

Die Geister, die er nie rief – Traumgestalten der vergangenen-, der gegenwärtigen- und der zukünftigen Weihnacht – besuchen Scrooge und nehmen ihn ungewollt mit auf eine Reise durch seine Geschichte.  Die Aussicht auf seine Zukunft schließlich, die in düsteren Farben daherkommt und ihn mit seinem eigenen einsamen Tod konfrontiert, lassen den Geizkragen endgültig umdenken. Er erhält die Chance, sich zu bessern.

Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ hat nach fast 200 Jahren ihre Aktualität nicht verloren. Auch deshalb hat man sich am Theater der Jungen Welt (TDJW) in diesem Jahr für die Inszenierung des Klassikers aus 1843 entschieden. Das Stück unter der Regie von Carsten Dahlem feierte seine Premiere am 26. November.

Es geht um Nächstenliebe, um Freundschaft und – um Reichtum. Genau darüber möchte ich mit den „Machern“ des Stücks sprechen. Ich bin verabredet mit Justus Rothlaender, Jörn Kalbitz und Thomas Blum vom TDJW, die bereitwillig mit mir philosophieren über soziale Probleme, Gerechtigkeit und das Theater als Ort des ideellen Reichtums.

200 Jahre später und alles beim Alten?

„Dickens Sozialkritik ist auch heute aktuell“, sagt Justus Rothlaender. Er ist für die Dramaturgie in der „Weihnachtsgeschichte“ verantwortlich. „Soziale Ungleichheit ist ein zentrales Element in vielen seiner Erzählungen – denken wir zum Beispiel auch an ‚Oliver Twist‘. Und natürlich können wir auch in unserer heutigen Zeit nicht verleugnen, dass in der Gesellschaft klare Zusammenhänge bestehen zwischen Reichtum und Handlungs- bzw. Wirkungsspielraum.“

Auf die Frage, was für sie persönlich Reichtum bedeute, antwortet jeder meiner drei Gesprächspartner auf ganz unterschiedliche Weise. „Allein, dass wir die Möglichkeit haben, hier an diesem Theater Stücke auf die Bühne zu bringen und damit junge Menschen zu erreichen, bedeutet für mich Reichtum“, wirft Jörn Kalbitz in den Raum unter dem Dach des Theaterhauses, wo wir an einem runden Tisch bei einer Tasse Tee Platz genommen haben.

Er ist der Geschäftsführende Dramaturg am TDJW und Klimabeauftragter des Hauses. „Mit unserer Arbeit setzen wir Themen und haben die Möglichkeit, gesellschaftlich zu wirken. Den Raum und die Mittel für Kunst und Kultur zu haben, ist keine Selbstverständlichkeit.“

„Teilhabe und Mitgestaltung in der Gesellschaft sind für mich zentrale Elemente von Reichtum“, pflichtet sein Kollege Rothlaender bei. Gerade heutzutage sei der Wunsch nach Beteiligung groß. Viele Menschen empfänden es allerdings so, dass ihre Stimmen nicht ausreichend gehört würden.

„Genau das aber ist essenziell. Auch das Erlebnis des Theaters ist eine Art der Mitgestaltung, der Resonanz, des Sich-selbst-Erfahrens. Das alles birgt für mich eine Form von Reichtum.“

„Meinem Empfinden nach hat Reichtum auch etwas zu tun mit Gleichwürdigkeit. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen wirklich in Würde leben können und von anderen gewürdigt werden, ist eine reiche Gesellschaft“, bringt Theaterpädagoge Thomas Blum noch einen anderen Aspekt in die Runde ein. „Ein Leben in Würde hat – nicht nur, aber auch – mit der gerechten Verteilung von Ressourcen und dem Zugriff auf diese zu tun. Auch, wenn viel Reichtum, auf der monetären Ebene betrachtet, natürlich nicht automatisch glücklicher macht.“

Cover Leipziger Zeitung Nr. 120, VÖ 22.12.2023. Foto: LZ

So zu sehen eben an Ebenezer Scrooge, der weder sich noch seinen Mitmenschen viel gönnt und auf seinem Geld „sitzenbleibt“. In dem Stück wolle man aber auf keinen Fall problematische Bilder projizieren, so wie es beispielsweise Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 mit der Phrase „Arm, aber sexy“ tat, betonen die drei Männer. „Arm, dafür aber glücklich“ und „reich, aber ohne Freunde“?

Zu dem Thema gehöre wohl einiges mehr an Differenzierung. „Oft ist es aber so: Je mehr wir haben, desto größer ist die Verantwortung bzw. der Stress, das beisammenzuhalten. Desto weniger können wir unseren Reichtum genießen. Auch gerechte Verteilung spielt hier wieder eine Rolle – es gibt Studien, die belegen, dass Menschen, die in einer Gesellschaft leben, in welcher die Schere zwischen Arm und Reich sehr groß ist, unzufriedener sind, als Personen, die Teil einer weniger ‚gespaltenen‘ Gesellschaft sind.

Dies betrifft im Schnitt spannenderweise alle Menschen und nicht nur diejenigen, die ärmer sind.“ Auch sei untersucht worden, dass Menschen, die finanziell durchschnittlich oder schlechter aufgestellt sind, eher dazu bereit sind, Geld zu geben, wenn sie auf der Straße von einem Fremden angesprochen werden, als Personen, die wohlhabend sind.

Eine Frage des Geldes

Blum hat sich in der Vorbereitung der Winterferienwerkstatt des TDJW, die gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendbüro Leipzig und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie durchgeführt wird, intensiv mit dem Thema Geld beschäftigt. 24 Kinder werden sich in der dritten Februarwoche auf verschiedenen Wegen dem Wert und der Bedeutung des Geldes nähern. Die Anmeldungen für das Programm sind bis Ende Januar möglich.

„In der Werkstatt wollen wir unter anderem Geld anhand einer Recherche auf dem Lindenauer Markt betrachten. Dazu gehören zum Beispiel die Häuser, die hier in der Gegend stehen. Wem gehören sie? Und wer wohnt darin? Außerdem wollen wir uns damit beschäftigen, warum der Wunsch nach Reichtum für viele Kinder so weit oben auf der Liste ihrer Träume steht und wollen Geld als Material untersuchen und weiterverwenden. In den letzten Tagen haben wir dafür zwei Säcke geschredderte Geldscheine von der Bank erhalten“, lacht der Theaterpädagoge.

Für ihn ist auch das Thema Klassismus ein Grund, Geld als Schwerpunktthema zu wählen. Geld und andere sogenannte Kapitalformen zu haben – oder eben nicht – beeinflusst vom Kindesalter an die Möglichkeiten jedes Einzelnen in der Gesellschaft sowie die eigene Selbstwahrnehmung. Blum erinnert sich an Momente aus der eigenen Kindheit, in denen kein Geld zu haben auch mit Scham verknüpft war.

Für die teilnehmenden jungen Menschen ist die einwöchige Winterferienwerkstatt mitsamt Verpflegung gänzlich kostenfrei. „Kostenfrei, aber nicht kostenlos“, betont Jörn Kalbitz mit einem Schmunzeln. Auf diesen feinen, aber wichtigen Unterschied, kommt er während unseres etwa einstündigen Gesprächs mehrfach zu sprechen. Zu gern würde Kalbitz den Zugang zu Kunst und Kultur generell kostenfrei für Schulen und KiTas ermöglichen.

„Ich weiß aber natürlich, dass das schwierig zu verwirklichen ist. Dennoch: Auch die Möglichkeit, Theater, Musik, Kunst und alles, was damit zu tun hat, erleben zu können, kann uns reich machen. Das sollte keine Frage des Geldes sein. Man muss aber auch sagen, dass sich die Stadt Leipzig relativ viel Kultur leistet, das ist natürlich toll.“

Der Dramaturg und seine Kollegen haben sich deshalb umso mehr über den Start des Modellprojekts „Pay what you can“* gefreut, welches es dem Publikum ermöglichte, Eintrittskarten in verschiedenen Preiskategorien zu erwerben und so viel zu geben, wie es die persönliche finanzielle Situation erlaubt.

„Das kam gut an. Wir würden dieses Konzept gern weiterverfolgen. Zunächst aber wird der Testlauf ausgewertet.“ Das Modellprojekt geht auf eine Initiative aus dem Leipziger Stadtrat zurück. Die Fortführung des Angebotes hängt von den Ergebnissen der Evaluation ab.

*Info
Auch im Januar und Februar 2024 finden noch ausgewählte Vorstellungen statt, bei welchen das Publikum den Eintrittspreis selbst wählen kann (https://www.theaterderjungenweltleipzig.de/ihr-besuch/karten).

Würde, Resonanz und Teilhabe: Die ‚Weihnachtsgeschichte‘ am Theater der Jungen Welt“ erschien erstmals zum thematischen Schwerpunkt „Reichtum“ im am 22.12.2023 fertiggestellten ePaper LZ 120 der LEIPZIGER ZEITUNG.

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