42 Veranstaltungen zum Literatur-Herbst

Leipzigs Literarischer Herbst eröffnet heute mit dem Philosophen Peter Sloterdijk und ausverkauftem Haus

Für alle LeserAm heutigen Dienstagabend, 24. Oktober, beginnt in Leipzig der Literarische Herbst unter dem Titel „Martin Luther – Superstar“: Die 21. Ausgabe des alljährlichen Lesefestivals startet mit dem Philosophen und Schriftsteller Peter Sloterdijk. Er ist der Stargast der längst ausverkauften Eröffnungsveranstaltung im Literaturhaus Leipzig. Obwohl es da um Nietzsche geht – und gar nicht um Luther. Oder doch?

Sloterdijk wird aus seinem neuen Buch „Nach Gott“ lesen und mit dem Philosophie-Performer Rainer Totzke ins Gespräch kommen.

Bereits 2008 hatte Sloterdijk in seiner Neuinterpretation von Lessings „Ringparabel“ Christentum, Judentum und Islam aufgerufen, von „Eifererkollektiven zu Parteien einer Zivilgesellschaft“ zu werden – eine Forderung, die heute aktueller denn je erscheint. Aber in „Nach Gott“ geht es darum, was passiert, wenn eine moderne Gesellschaft ohne Gott (und göttliche Lebensversicherung) zu leben versucht.

Der Verlagswaschzettel zum Buch bringt es so auf den Punkt: „In seinem epochemachenden Buch ‚Globen‘, in dem die Globalisierung von ihren Anfängen bis zur (vorläufigen) Entfaltung Ende des 20. Jahrhunderts beschrieben wird, kennzeichnet Peter Sloterdijk Gott ‚als schlechthin höchste Quelle von Versicherungsschutz‘. Diese in allen (zumindest monotheistischen) Religionen gültige Annahme setzt Paradoxien frei, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit verheerende Konsequenzen hatten: der seit der Jahrhundertwende triumphierende Fundamentalismus ist die schlimmste Auswirkung. Welche Entwicklungen sind jedoch mit dem spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts virulenten Satz ‚Gott ist tot‘ verbunden? Ist er ein Philosophem ohne reale Effekte? Ist er die Beschreibung eines Mentalitätswandels? Ist er eine Diagnose des Geschehenden? Ist er als Prognose zu begreifen, die alle interreligiös begründeten Auseinandersetzungen beendet?“

Aber wie das so ist, wenn so ein philosophisches Schwergewicht nach Leipzig kommt: Der Abend ist ausverkauft.

Aber bis zum 31. Oktober werden beim 21. Leipziger Literarischen Herbst (LLH) über 100 Mitwirkende die 42 Literatur-Veranstaltungen und drei Schullesungen an 25 verschiedenen Orten im ganzen Stadtgebiet gestalten.

Ein paar Tipps für die kommenden Tage:

  1. Oktober

Am zweiten Tag des Festivals gibt es unter anderem eine Begegnung mit Friedrich Christian Delius (25.10., 19 Uhr, Alte Handelsbörse). In Delius’ Roman „Die linke Hand des Papstes“ erleben wir das katholische Kirchenoberhaupt in völlig ungewohnter Umgebung – in einer evangelischen Kirche Roms.

Der literarische Herbst zieht auch in die Leipziger Stadtbibliothek ein. Der Leipziger Autor Günter Gentsch startet die Herbstreihe hier mit einem neuen Text über die frühen Wegbereiterinnen der europäischen Frauenliteratur aus dem Geist von Humanismus und Reformation. Sein Essay „Aufbruch ins zweite Leben“ stellt er am Mittwoch, 25. Oktober, um 19 Uhr vor.

  1. Oktober

Am Festival-Donnerstag (Rahn Education) treffen sich bereits um 17 Uhr zwei große Autoren unserer Stadt: Werner Heiduczek und Clemens Meyer, zwei aus unterschiedlichen Generationen stammende Schriftsteller und Chronisten.

Am Donnerstag, dem 26. Oktober, 16 Uhr, präsentiert Reiner Tetzner in der Stadtbibliothek seine kritische Satire „Luther und das Weltgetriebe“. „Ich mache keine Thesen mehr!“ wehrt er sich gegen die „Lutherei“, als er im Herbst 2017 zu einem Gespräch in Auerbachs Keller nach Leipzig gebeten wird. Warum gerade in diese Stadt? Das ist es, was ihn aufbringt und neugierig macht … Moderiert wird der Nachmittag von Dr. Constance Timm.

Gleich danach, um 20 Uhr, ist in der Stadtbibliothek „Die Kraft der Sprache“ bei Lesung und Gespräch mit Mechthild Roswitha Freifrau von Scheurl-Defersdorf und Christoph Kuhn zu erleben. Nicht nur wir machen etwas mit der Sprache – sie macht auch etwas mit uns. Und sie macht das Leben leichter! Mit musikalischer Einstimmung schon ab 19 Uhr mit Eckart Gleim (Gitarre).

Harald Kirschner mit „Credo – Kirche in der DDR“ um 19 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Harald Kirschner thematisiert in seinem Bildband den Alltag und festliche Höhepunkte beider Konfessionen der 1980er Jahre. Traditionelle Feiern, Wallfahrten, Jubiläen, Lutherjahr, Katholikentreffen, Gemeindeleben und gelebte Ökumene bilden den inhaltlichen Schwerpunkt. Sie dokumentieren das facettenreiche religiöse Leben in einem atheistischen und religionsfeindlichen Umfeld. Die Fotografien erzählen Geschichten in unterschiedlichen Situationen und zeigen Verhalten und Verhältnisse des Einzelnen sowie die Kraft des Glaubens in der Gemeinschaft – ein Erinnern an das letzte Jahrzehnt der DDR. Gespräch mit dem Fotografen Harald Kirschner und Prof. Dr. Bernd Lindner (Kulturhistoriker und -soziologe).

27. Oktober

Am Freitag, 27. Oktober, gibt es ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek einen tschechischen Abend im literarischen Herbst. „Ahoj“ heißt es dann mit dem Literaturhistoriker und Sänger Prof. Martin C. Putna, der Beispiele tschechischer Abwandlungen deutscher geistlicher Lieder vortragen und darüber sprechen wird. Anschließend laden Eva Profousová, Thomas Geiger und Martin C. Putna zum Gespräch über tschechische Literatur ein. Moderiert wird der Abend von Martin Krafl.

In der Bibliotheca Albertina stellt Feridun Zaimoglu seinen großen Luther-Roman „Evangelio“ vor (19:30 Uhr). Darin versetzt der wortgewaltige Autor den Leser in die Zeit Luthers auf der Wartburg. Im Gespräch mit dem Schriftsteller ist der Literaturkritiker Michael Hametner. In weiteren Veranstaltungen sind u. a. Frank Witzel, Elmar Schenkel, Harald Kirchner, Reiner Tetzner und eine Literatur-Performance mit Jan Kuhlbrodt, Kurt Mondaugen und Michael Schweßinger zu erleben.

Am Freitag sind in der Reihe „Verse – Striche – Farben“ Radjo Monk und Edith Tar mit Steffen Birnbaum im Gespräch (19 Uhr, Gletscherstein art club). Auch die jüngste Videoproduktion von Radjo Monk, „Matrix Luther“, die in Zusammenarbeit mit Edith Tar entstand, wird gezeigt.

Eine der zum LLH gehörenden kulturpolitischen Auseinandersetzungen widmet sich der digitalen Medienrevolution mit der Fragestellung „Ende der Privatheit – Brauchen wir eine neue Reformation?“ 19 Uhr in der Alten Nikolaischule.

Sebastian Hesse „Sieben. Geschichten vom Glauben“ um 18 Uhr im Museum der bildenden Künste Leipzig: Der Fotograf und Autor Sebastian Hesse ist für dieses Buch durch mehrere Kulturkreise gereist. Um der Frage nachzugehen, ob Menschen, die aufrichtig an etwas glauben, das größer ist als sie selbst, mit ihrem Dasein zufriedener sind als rein materialistische Konsumenten. Dazu begleitete er unter anderem Druiden bei der Mistelernte, erklomm den Heiligen Berg in Irland und wandelte unter Bußfertigen während der Semana Santa. Rund um den Globus konnte Hesse eine Wiederkehr der Spiritualität erleben, was er in seinen Fotografien und Reisegeschichten eindrucksvoll dokumentiert. Sebastian Hesse ist im Hauptberuf Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk. Nach vielen Jahren als Korrespondent in den USA, in Berlin und in Großbritannien arbeitet er derzeit als Chefreporter bei MDR aktuell. Hesse lebt in Leipzig.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

Literarischer Herbst
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