Alles ist möglich, wenn man seine Profession beherrscht. Dann gibt es keine Herausforderungen mehr, die zu schwer wären. Aber vor was hat das Leipziger a-cappella-Quintett amarcord eigentlich überhaupt noch Angst? Sie haben das Thomas-Graduale mit lauter gregorianischen Messen eingespielt, sie haben "The Book of Madrigals" eingesungen. Und Bach-Motetten gehören für die fünf ehemaligen Thomaner ja sowieso zum täglich Brot. Da hat man erst recht keine Angst vor Claudio Monteverdi.

Mit der Berliner Lautten Compagney haben sie schon bei der Einspielung der Bach-Motetten zusammengearbeitet. Man wusste also, was man aneinander hatte. Und die Grenzen zwischen Renaissance- und Barockmusik hatte man beiderseits schon eifrig ausgelotet. Und bei Monteverdi ist man ja mittendrin. Der Name hat heute noch den exzellenten Klang eines Neuerers, der im strengen 17. Jahrhundert mit seiner Experimentierlust auffiel. Nicht nur in Italien. Seine “Marienvesper” wurde 1610 veröffentlicht, möglicherweise – wie Uwe Wolf im beigelegten Booklet vermutet, um als Bewerbungsmappe des 43-jährigen Musikers für eine Anstellung bei einem Kirchenfürsten, vielleicht gar beim Papst zu dienen. Eine Gesamturaufführung des Werks hat es wohl damals nicht gegeben – wobei einzelne Teile der Komposition wohl dennoch aufgeführt wurden.

Die Form besticht bis heute, denn Monteverdi vereint in diesem Werk die klassische Form der Messe mit der Vesper, steht damit auch in der spannenden Tradition, die später Bach aufgreifen würde, der genauso seine Freude am Experimentieren, Umformen, Neufassen hatte wie Monteverdi. Nur dass bei Monteverdi noch der späte Glanz der Gregorianik funkelt, der Glanz einer Welt, die sich gerade zu verabschieden beginnt. Aber wie fasst man diesen Abschied in Musik?

Bei Monteverdi ist es die Instrumentalisierung, die die Grundierung jeder einzelnen Komposition schon hinüberhebt in die festliche, fast fröhliche Welt des Barock. Gerade dieser Zweiklang erzeugt eine eigene Faszination, die schon das Neue in sich trägt, wie es dann bei Bach in aller Pracht zu hören sein wird – über 100 Jahre später, wenn sich die Inszenierung von Kirchenmusik schon fast wie eine Opera Mundi entfaltet und Passionen für die Zuhörer ablaufen wie gewaltige, in Klangfarben lodernde Sinfonien.

Auch Monteverdi erprobt das schon, verteilt die Stimmgewichte in immer neuen Pro und Kontra, so dass – selbst wenn die Stücke jedes für sich stehen – ein großes, Gemälde entsteht zur Feier Marias – mal zurückhaltend, fast zärtlich, dann wieder triumphierend. Für Monteverdis Zeit geradezu ein Feuerwerk der Gefühle und Leidenschaften. Das ohne Frauenstimmen nicht wirklich aufgeht. Also hat sich das Amarcord-Kern-Quintett für diesen Anlass noch um fünf virtuose Sängerinnen und Sänger erweitert. Schon 2013 begeisterte die virtuose Musikgemeinschaft beim “Rheingau Musik Festival” mit der “Marienvesper” das Publikum. Die Frankfurter Neue Presse sprach sogar von einer Minimalbesetzung, denn einige der Sätze erreichen den Umfang von bis zu zehn Stimmen.Im Oktober 2013 gingen die nun zehn Amarcords und die Lautten Compagney zu ersten Aufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, der zweite Teil der Aufnahmen folgte im April 2014. Und natürlich klingt es so, als hatten Musiker und Sänger die Kirche gar nicht verlassen und alles in einer Vesper am Stück gespielt. Fast lauert man auf den Funken, der in ein fasziniertes Publikum springt und es von den Sitzen reißt. Wenigstens am Schluss, nach dem letzten Amen. Und wahrscheinlich war es auch in all den Konzerten, die die an diesem Projekt beteiligten Künstler seitdem gaben, genauso.

Es ist eine andere Begeisterung, als man sie in Bachs großen Oratorien empfindet. Nicht nur, weil mancher Rezensent glaubt, hier einen satten Chor mit 50 Mitgliedern zu hören. Dadurch, dass die Sängerbesetzung wirklich das Minimum abbildet, kommen die einzelnen Stimmen viel prägnanter, wohl auch ergreifender herüber. Und damit natürlich auch die große Begeisterung des Frühbarock für die klare Sängerstimme. Und die große Kunst Monteverdis besteht ja darin, diese Stimmen strahlen zu lassen, selbst dann, wenn das barocke Orchester in regelrechten Jubel der Freude ausbricht. Es sind tatsächlich zwei Zeitalter und zwei Welten, die sich hier begegnen. Und man hört (und sieht auch vor dem inneren Auge), wie diese Art, mit Musik umzugehen, den Kirchenraum schon verlässt, hinausstrebt in eine Welt, die Feste liebt und grandiose Hofinszenierungen. Was kein Widerspruch ist, denn selbst die katholischen Fürsten der Monteverdi-Zeit lebten in der Regel in barockem Prunk und der dazugehörigen Sinnenfreude, sie unterhielten Kapellen, Sänger und kleine Hoftheater und konkurrierten eifrig mit den so genannten weltlichen Fürsten.Im Grunde ist Monteverdis Musik schon in einer Welt zu Hause, die wir mit Namen wie Bernini und Cellini verbinden. Auch wenn die erst viel später die Bühne der Kunst betreten sollten. Monteverdi ist der Türöffner. Als er die “Marienvesper” komponierte – oder aus verschiedenen Einzelstücken zusammenstellte – war er am Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga in Mantua angestellt. Und dass er auch die ersten Schritte zur Oper schon gegangen war, belegt sein “L’Orfeo”. Und ganz ähnliche Stilmittel hat er seiner “Marienvesper” als Basis zugrunde gelegt. Die Bühne wird zum Tableau für zehn emotionale Stimmparts, die miteinander kommunizieren, auch wenn sie scheinbar nur ihren eigenen Part im jeweiligen Psalm singen. Aber Psalmen – so ist unüberhörbar Monteverdis Haltung – sind eben nicht nur gesungene Lobpreisungen. Sie sind auch Gesänge der Freude, des Jubels, der innigen Hingabe. Hier öffnet sich der Blick – und im Lobpreis Gottes, Marias, im Gang zum Haus des Herrn widerscheint die schiere Lust am Leben, an Helligkeit, Liebe und Überfluss.

Fast so, als hätte Monteverdi mit seinen musikalischen Möglichkeiten das dunkle, eingeengte Mittelalter endgültig beendet. Während das “Laetatus sum” fast noch ein festliches, zurückhaltendes Lied der Freude ist (Nr. 6), entwickelt sich die “Marienvesper” mit jeden Stück immer mehr zum großen Hymnus, der – wie in “Ave maris stella” den ganzen Himmel und die ganze Welt einzuschließen scheint in einen vollen, vielstimmigen Gesang. Das ist schon wie eine Brücke ins noch 100 Jahre entfernte Zeitalter Bachs, das Öffnen eines neuen Saals im großen Palast der Musik. Fast festlich zieht Monteverdis Musik ein in diesen Saal, auch wenn es nur ein Hymnus an den “Stern des Meeres, hehre Mutter Gottes” zu sein scheint.

Und nichts ist einfach so abgesungen. Die Sängerinnen und Sänger dieses großen Amarcord-Ensembles nutzen den ganzen Raum, rufen manchmal wie über weite Abgründe, von Berggipfel zu Berggipfel. Der Gesang eilt regelrecht durch die Sphären, wir zum Duett, zum Spiel mit Klage, Erwartung, Freude. Amarcord hat sich diesen Monteverdi angeeignet, inszeniert ihn regelrecht im Wechselspiel von Nähe und Distanz, Verlorensein und gemeinsamer Freude.

Das Traurige daran: Die Reihe der “Marienvespern” ist vorläufig beendet. Zuletzt waren Amarcord und Lautten Compagney in Rotterdam und haben die Niederländer bezaubert. Wer ihr Meisterstück hören will, kann es jetzt mit dieser CD tun, kann mit ihr Eintauchen in eine Zeit, die große Emotionen noch mit tiefer Innigkeit verband – und deren Musik das Publikum trotzdem in Bann schlägt. Und nicht nur die Amarcords singen, als wären sie ein fünfzigköpfiger Chor – auch die Lautten Compagney beweist, dass auch ein kleines Barockorchester klingen kann wie ein großes Sinfonieorchester.

Nur am Ende ist man natürlich enttäuscht. Das “Amen” kommt viel zu früh. Da bleibt wirklich nur zweierlei: Noch einmal bei Track 1 beginnen. Oder hoffen, dass es noch eine Tour mit der “Marienvesper” gibt.

Amarcord und Gäste / Lautten Compagney Berlin “Claudio Monteverdi: Marienvesper”, Carus 83.394, LC 3989

www.amarcord.de

www.lauttencompagney.de

Zum Reinhören: www.youtube.com/watch?v=Lx9XyK16U50&feature=youtu.be

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