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Die Lieder der Jahrhunderte vor J. S. Bach in ihrer ganzen stillen Pracht

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    So ein Jubiläum, wie es St. Thomas im Jahr 2012 feierte, bringt einen natürlich auf Gedanken. Auf herrliche Gedanken. Denn wenn man schon 800 Jahre Kirche, Chor und Schule feiert - warum sollte man die 800 Jahre nicht auch wieder hörbar machen? Das machte sich das Quintett von Amarcord - alles ehemalige Thomaner - regelrecht zur Aufgabe. Und es ist nicht nur bei einem Ausflug in die glorreiche Geschichte geblieben.

    Denn Thomanerchor ist nicht nur Bach. Auch vor Johann Sebastian Bach verfügte der Knabenchor über ein breites und hochkarätiges Repertoire. Und zu den Glücksfällen der Überlieferung gehört auch, dass das um das Jahr 1300 entstandene Thomas-Graduale die Zeiten überdauert hat. Es hat den Kirchengesang aus der Zeit vor der Reformation bewahrt. Und es war eines der ersten Wiederentdeckungsprojekte, als Amarcord die Lieder des Thomas-Graduales einspielte: „Zu S. Thomas“. Dafür bekam die Gruppe 2013 den ICMA.

    Und machte dann einfach weiter, die große Überlieferung des Chores, aus dem sie hervorgegangen ist, in eindrucksvollen Aufnahmen hörbar zu machen. Die Aufnahme der Bach-Motetten mit der Lautten-Companey gehört dazu. Und auch diese CD, stimmungsvoll mit Detailaufnahmen des floralen Deckengewölbes der Thomaskirche umhüllt. Da muss man schon den Kopf in den Nacken legen, um die paradiesische Blütenfreude im roten Gitternetz zu erkennen.

    Was natürlich korrespondiert mit der Liedauswahl, die den Hörer mitnimmt in die Zeit vor Bach. Und natürlich in eine Musikwelt ganz ohne Instrumente – eben alles a cappella. Der Raum gehört ganz und gar den professionellen Sängern, die die Lebendigkeit und Vielstimmigkeit der alten Lieder hörbar machen. Es ging zwar nicht so bombastisch zu wie man es aus Bachs Musik kennt – Theatralik kannten diese frühen Jahrhunderte nicht, überschäumende Emotionen auch nicht. Der Gesang galt ganz dem Lobpreis Gottes. Und das war auch noch zu Zeiten der berühmten Vorgänger Bachs so – Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein und Sethus Calvisius sind in dieser Auswahl enthalten. Was man heraushört, denn die Entwicklung der Kirchenmusik ist ja nicht stehen geblieben.

    Auch wenn das Thomas-Graduale jahrhundertelang in Benutzung war, wenn die Thomaner sangen – die Formen der musikalischen Andacht veränderten sich auch in Leipzig. Anfangs wahrscheinlich viel langsamer, als es unser modernes Gemüt überhaupt aushalten würde. Aber mit Sixt Dietrich und Thomas Stoltzer – beide aus der Stimmbuchsammlung der Thomaskirche – werden schon zwei Komponisten hörbar, die für das frühe 16. Jahrhundert stehen, als nicht nur in der protestantischen Kirche die Veränderungen hörbar wurden.

    Man vergisst es so leicht, dass die große Veränderung in der Kirche damals schon in Italien begann und sich dort auch vehement in Architektur, Malerei und Musik spiegelte. Luther suchte ja nicht die Auseinandersetzung mit einer toten, in alten Riten erstarrten Kirche, sondern mit einer Kirche, die selbst nach Modernisierung schrie (Stichwort: Renaissance), aber in ihrer alten Hierarchie feststeckte. Was dann auch wesentliche Impulse zur Erneuerung der Kirchenmusik seinerzeit von Italien ausgehen ließ. Für das 16. Jahrhundert sind auf dieser CD stellvertretend hörbar Pandolfo Zallamella  und Orlando di Lasso, beide Komponisten zu finden im berühmten „Florilegium selectissimum hymnorom“, für das Thomaskantor Sethus Calvisius (der selbst mit fünf Kompositionen auf der CD zu finden ist) die Grundlagen schuf, bevor Erhard Bodenschaft die „Blütenlese“, das „Florilegium“ 1606 herausgab. Die Sammlung enthält 265 Motetten und war bis in die Bach-Zeit in Leipzig gebräuchlich.

    Und da die Sänger von Amarcord die Lieder aus dieser Sammlung zusammen mit denen von Schein, Schütz, Stefanini, Stoltzer und Dietrich zwischen den beiden Liedern aus dem Thomas-Graduale platziert haben, wirken sie wie eingerahmt. Man reist im Grunde auf ziemlich eindrucksvolle Weise aus dem 14. Jahrhundert ins 16. und 17., um über das 16. Jahrhundert zurückzukehren in die Zeit, als noch kein Riss durch die Kirche ging und auch die Motetten in der Thomaskirche noch stark von der gregorianischen Musik geprägt waren.

    Auch der Titel, den Amarcord für diese Einspielung gewählt hat, erinnert an diese Zeit, in der die Thomaskirche noch die Kirche des Klosters St. Thomas war (worauf auch die beiden ausgewählten Thomas-Lieder aus dem Graduale verweisen) und in den drei Klöstern auch die ersten Bibliotheken der Stadt entstanden. Im Booklet erklärt Dr. Christoph Mackert vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig, was ein Armarium war und warum das Thomaskloster wohl sogar mehrere solcher in die Mauern eingelassener Schränke zur Aufbewahrung von Gerätschaften und Büchern besaß. Und zu den Büchern, die dort aufbewahrt wurden, bevor auch die Leipziger Klöster im 15. Jahrhundert begannen, sich richtige Bibliotheken mit Lesepulten zuzulegen, gehörten natürlich auch die Bücher für den liturgischen Gebrauch.

    Sinnbildlich bedienen sich die Sänger von Amarcord also der alten Thomasbibliothek, aus der sie 15 faszinierende Beispiele für die über Jahrhunderte gesungenen Motetten herausgesucht haben. Doch um die Lieder aufzunehmen, war es den fünf begabten Sängern dann in Leipzig und der Thomaskirche wohl doch etwas zu laut und zu geschäftig. Sie sind für die Aufnahmen in die Kirche Altleisnig im Ortsteil Polditz der kleinen Stadt Leisnig an der Freiberger Mulde gefahren. Dass man beim Hören trotzdem glaubt, eine große Hallenkirche vom schwebenden Gesang der fünf Sänger erfüllt zu meinen, macht die Faszination dieser Aufnahmen aus. Als hätten die Fünf tatsächlich das lärmende, ruhelose 21. Jahrhundert verlassen, um sich in einem stilleren Zeitalter ganz der stimmlichen Hingabe an einen überwältigend großen Klangraum hinzugeben.

    Das Wort Hymnus, mit dem auch ein Lied von Seth Calvisius überschrieben ist, ist nicht zu hoch gegriffen – auch wenn es eindeutig noch ein Hymnus eines Zeitalters ist, in dem Jubel in der Kirche nicht denkbar war. Auch Sänger und Komponisten fühlten sich noch eins mit dem Kosmos, den man damals noch sehr ungebrochen als „Kirche“ erlebte. Und man spürt auch die Kraft dieser Lieder, die für die Zuhörer des späten Mittelalters wohl auch so etwas wie die Begegnung mit dem Unerhörten gewesen sein müssen, ein echtes Aussteigen aus den Sorgen und der Mühsal des Alltags. Diese Musik wirkt noch heute. Zumindest, wenn der Zuhörer bereit ist, sich aus dem Lärm der Geschäftigkeit auszuklinken und einzutauchen in diese Musik, die nicht berauschen oder überrumpeln will, sondern verinnerlichen und konzentrieren auf das Wesentliche. Gerade mit den italienischen Komponisten kommt die erste spürbare Unruhe in diese Liedersammlung, deutet sich ein rastloseres Zeitalter an, in dem es auch den Leipzigern immer schwerer fallen würde, die Einheit von Leben, Glauben und Musik zu empfinden.

    Bibliotheken würden bald aus allen Nähten platzen, Druckerpressen hämmern. Mit der alles umfassenden Frömmigkeit wäre es bald vorbei. Aber hier ist das alles noch dicht beieinander. Man kann sich noch einmal hineinhören in die Epoche vor dem großen Aufbruch in die Neuzeit, deren Tempo schon zu Bachs Zeit vielen Leipzigern viel zu hoch war. Aber ein Zurück gibt es nicht. Nur für Momente, die man sich aus dem Armarium holen darf – CD ins Laufwerk, Kopfhörer auf. Und einfach mal 500 Jahre zurück in der Zeit. Man muss nur lauschen. Die Bilder kommen von allein.

    Amarcord „Armarium. Aus dem Notenschatz der Thomaner“, Raumklang, edition apollon, EAN 4039731101140

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