2.6 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Das Helikon Consort hat die Lieder der schottischen Renaissance zu neuem Leben erweckt

Mehr zum Thema

Mehr

    Abwege sind so etwas Herrliches. Gerade in einer Stadt wie Leipzig, wo alles von Bach redet, von Mendelssohn und Schumann. Notenspur, Gewandhausorchester, Oper. Ja, bleibt denn da noch Platz für den ganzen Rest der Musikgeschichte? Na logo, sagen sich immer häufiger junge, experimentierfreudige Ensembles. Wie das Helikon Consort, das sich jetzt einfach mal ins Schottland von Königin Maria Stuart begibt.

    „Der Ensemblename verweist auf den Berg Helikon, auf dem der griechischen Mythologie zufolge Apollo mit seinen neun Musen verweilt haben soll“, erläutern die sechs Musiker ihren Ensemble-Namen. Aber in der griechischen Musik aus der Zeit von Homer oder Euriklides sind sie noch nicht angelangt. Sie widmen sich, so betonen sie, „der Aufführung und Erforschung europäischer Musik des 16. und 17. Jahrhunderts“. Das ist die Zeit von Renaissance, Reformation und frühem Barock in Europa. Das ist in Deutschland Luther, in Frankreich sind das Calvinismus, Bartholomäusnacht und Hugenottenkriege und in England sind das Heinrich der VIII., Elisabeth I. und ihre dunkle Gegenspielerin Maria Stuart, die schottische Königin.

    Alles ganz großes Drama. Schiller hat sich für die stolze Maria begeistert, Stefan Zweig hat für sie Partei ergriffen und sie in ihren politischen Zwängen geschildert, die ihr persönliches Drama waren. Immerhin wurde hier – auf Königinnenebene – der Kampf ausgetragen zwischen Reformation und Katholizismus. In dem Maria am Ende unterlag. Ein Drama in lodernden Farben.

    Aber was dabei fast verloren geht (und auch Stefan Zweig malt ja eher mit den düsteren Farben eines Walter Scott), ist die Tatsache, dass Maria, die am französischen Königshof aufgewachsen ist, auch die Kultur des französischen Königshofes mit nach Edinburgh gebracht hat. Und das war ja nicht die Kultur des später berühmten Sonnenkönigs, sondern die Musik und die höfische Sitte der Renaissance. Musiker aus Frankreich, England, Italien und den Niederlanden versammelte die „kunstliebende schottische Königin“ an ihrem Hof, schreibt Christine Mothes im Booklet zu dieser CD, auf der das Helikon Consort 23 Lieder aus der schottischen Renaissance eingespielt hat. Nach alten Vorlagen rekonstruiert, neu besetzt und interpretiert.

    Zum Glück hat nicht nur die Musik an Mary’s Court die Zeiten überdauert, sondern auch die Aufzeichnung der Lieder, die zu ihrer Zeit und der ihres Sohnes, James VI, erklangen. Und einige Titel beziehen sich direkt auf die berühmte Königin und ihre gefährlichen Liebschaften. So wie „Departe, Departe“ möglicherweise den Abschiedsschmerz eines treuen Liebhabers wiedergibt. Während „Support your servant peirles paramour“ noch direkt erinnert an die Zeiten der höfischen Minne, die hier noch einmal erscheint als Motiv der gefährlichen Liebe zu eine verheiraten Adligen.

    Und wie klingt das nun? Wie eine Welt im Übergang. Denn das war ja die Renaissance. Die Musik – das ganze Mittelalter über im Grunde fast nur im Dienst der Kirche mit ihrem hohen Gipfelpunkt der Gregorianik und da und dort als Minne und Troubadour-Gesang auch an reisenden Adelshöfen – begann sich ganz ähnlich zu entfalten wie Malerei und Plastik, nahm neue Weisen auf, entwickelte eine Vielzahl neuer Instrumente, die sich nach und nach erst zu der Vielfalt auffächerte, die die Gründung von Orchestern ermöglichte. Das Jahrhundert Maria Stuarts, das 16., kannte noch keine großen Orchester. Aber es kannte die ersten professionellen Musikergruppen, die natürlich mit den modernen Instrumenten der Zeit spielten, so ähnlich, wie es das Helikon Consort heute tut: mit Laute, Gambe und Blockflöte.

    Das waren so ungefähr auch die Instrumente, die damals an den Fürstenhöfen und da und dort in reichen Haushalten gespielt wurden. Und die Weisen, die heute so zurückhaltend anmuten, waren die Tanzweisen der Zeit. Deswegen klingt Manches wie ein altes, zu Herzen gehendes Volkslied, Vieles auch so, als könnten es heute die bekanntesten Interpretinnen aus Irland, Wales oder Schottland singen. Die Sprache klingt sowieso so, es ist noch die sich erst formierende moderne englische Sprache vor Shakespeare. Das klingt heute exotisch. Und noch exotischer, weil es nicht von einem Sänger vorgetragen wird (wie es wohl zu Marys Zeit das Übliche war), sondern von Christine Mothes. Und die hat ihre Profession gelernt. Da wären wohl auch die ränkesüchtigen Herren am Hof Maria Stuarts auf die Knie gegangen und hätten lieber um die Hand der Sängerin angehalten. Denn so etwas Schönes lässt die Sinne schmelzen, das Herz aufgehen – und die Bilder mit rauen, einsamen Landschaften, einsamen Burgen, wilden Flüssen und majestätischen Seen kommen ganz von allein. Denn eigentlich sind es fast alles Liebeslieder, Lieder aus dem ganzen Spektrum vom ersten Bezaubertsein bis hin zum Verzagen, Verlieren und dem Gegenwärtigwerden der Vergänglichkeit.

    Denn alle Lust vergeht. Wir sind alle nur „mortal men“.

    Und im Unterschied zu späteren, vielstimmigeren Zeiten, geht es hier noch um die Texte, die Regeln einer durchaus strengen Gesellschaft und die noch viel strengeren Regeln der Dichtkunst, die schon längst auf dem Weg war hin zum Barock. Das mischt sich hier noch. Das höfische Spiel der Anbetung mischt sich mit der frohen Lebenslust der Volkslieder und dem durchaus getragenen Ton der Kirchengesänge. Und wenn man aufmerksam ist, merkt man auch die Unterschiede zwischen schottischen Melodien der Zeit und dem französischen, nur ganz leicht beschwingten, Tanz der Zeit.

    Aber immer geht es irgendwie um Liebe. Und zwar ernsthafte Liebe. Allein schon die Ernsthaftigkeit des Vortrags erinnert daran, wie würdevoll die Menschen im 16. Jahrhundert das noch nahmen, wie viel Hoffnung sie darein legten und wie schwer sie sich an unerfüllter Liebe trugen. Selbst wenn die Lieder von Dichtern geschrieben wurden, die nichts anderes taten und dabei auch auf gesellschaftlich akzeptierte Muster zurückgriffen – es muss dennoch ganze Hofgesellschaften in den Bann geschlagen haben, wenn die Sänger vortraten und sich in diese halb spielerischen, halb melancholischen Weisen versenkten. Das „so tun als ob“ gehörte wohl dazu, war Ritus und Erwartung. Was eben nicht ausschloss, dass die Lieder nicht trotzdem eine ganz persönliche Funktion übernahmen.

    Wobei man sich auch daran erinnern darf, dass Autoren wie Petrarca, Ariost und Ronsard auch am schottischen Hof fleißig rezipiert wurden. Liebe durfte durchaus etwas Höheres, letztlich nie ganz Erfülltes und Unerreichbares sein. Das hatte auch den Vorteil: Der Sänger wurde nicht gleich wegen Anmaßung geköpft, sondern bekam ein huldvolles Lächeln. So wollten Königinnen schon gern angehimmelt sein. Gefährlich wurde es immer erst, wenn sie die Avancen irdisch nahmen und sich mit fliegenden Kronen auf Shakespearsche Abenteuer einließen. Das kostete dann in der Regel allen den Kopf: den Sängern und der Königin.

    Aber was passiert eigentlich, wenn Christine Mothes diese Lieder singt? Und das mit einer Stimme, die man sich nicht nur in der romanischen Kirche von Sankt Cyriak in Sulzburg vorstellen kann, wo die Lieder im Juni eingespielt wurden, sondern auch in Westminster, Notre Dame oder … naja, da stutzt man dann. In die durch und durch protestantischen Kirchen St. Thomas und St. Nikolai in Leipzig scheint das irgendwie nicht zu passen (auch wenn man in St. Thomas schon einige Aufführungen alter Musik erlebt hat). Das Problem ist der Raum. Fast fällt einem nur die Taborkirche in Kleinzschocher ein, die zu diesen Klängen passen könnte. Denn echte Renaissanceräume (vom Festsaal im alten Rathaus abgesehen) hat Leipzig ja nicht mehr.

    Es sind Aufnahmen, die die Reise in eine Zeit geradezu implizieren, in der Intimität auch für festliche Gesellschaften noch der normale Zustand war, Menschennähe sogar noch aushielten und sich auch über ritualisierte Leidenschaften nicht erbosten (auch wenn sie dann, wenn es um Macht und Titel ging, durchaus rabiat und einfallsreich werden konnten). Die Lieder sind von einer Ruhe getragen, die wir heute gar nicht mehr kennen. Auch von einer Selbstgewissheit der Emotionen, die uns fremd geworden ist. Auch fremd geworden, weil wir deutlich oberflächlicher, flüchtiger und flacher leben, selten bis nie im Augenblick. Da musste erst Goethe kommen mit seinem unüberlegten „verweile doch“. Auch das ein faustisches Problem: Nie inne halten zu können und das Königreich der Welt so zu nehmen, wie es jetzt ist.

    Aber wer hält das noch aus: diese Hoffnungen, Sehnsüchte, Vor-Freuden und die Trauer beim Abschied? Bestimmt hatten dann auch die tapferen Herren an Marys Hof ein Taschentuch im Ärmel und tupften sich die Wangen trocken, wenn’s einfach zu schön war und die Angebetete doch nur ein zauberhaftes Gänseblümchen: „Adieu, o desie of delyt“. Aber wer ist treuer als ein Gänseblümchen? Die stolze Rose in der Regel nicht. Dann doch lieber lauter freundliche Gänseblümchen, ein beschwingtes Helikon Consort und eine kleine Kirche.

    Aber wie der Terminkalender verrät, kann man die sechs Musiker erst wieder im Mai 2016 erleben – ausgerechnet auf Schloss Werdenberg. Das liegt in Liechtenstein. Aber vielleicht findet sich ja doch noch ein beschaulicher Ort hier in der Gegend, eine Hofstube oder ein Klostersaal. Irgendein heimeliger Raum, in dem man sich ein bisschen fühlt wie zu Shakespeares Zeit. Bis dahin kann man sich die CD auflegen und einfach mal abtauchen in eine Zeit, in der man noch richtig Zeit hatte für die Liebe.

    Helikon Consorts „Yee Gods of Love“, Verlag Zweitausendeins, Leipzig 2015

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ