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Selbst in Niederschlesien wurde die Schönheit der Gambenmusik gepflegt

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    Die Suche geht weiter. Und CD um CD erweitern Thomas Fritzsch und seine Musikerkollegen das Wissen um eine Musikwelt, die fast vergessen war. Dabei war sie einmal in vielen adeligen und bürgerlichen Salons zu Hause. Ernsthafte Männer beherrschten die Viola da Gamba. Und wenn einer wissen will, wie sich unsere Welt beschleunigt hat in den letzten 200 Jahren, der wird wieder mit Staunen hineinhören in diese neuen Fundstücke.

    Sie stammen zum Teil wieder aus der Sammlung von Schloss Ledenburg, wo sich nicht nur die Gamben-Kompositionen von Carl Friedrich Abel erhalten haben, dem Gamben-Star des 18. Jahrhunderts, sondern auch von Musikerkollegen, die heute erst recht vergessen sind. Und das, obwohl ihre Musik in den frühen Musikverlagen – wie bei Breitkopf in Leipzig – in hoher Stückzahl verlegt wurden. Gekauft wurden sie für den Hausgebrauch. Das gebildete Bürgertum und kulturvolle Adlige musizierten nach diesen Vorlagen. Ohne die Begeisterung für die häuslich selbst fabrizierte Musik hätte es den Aufstieg der Musikverlage nicht gegeben. Sie machten erst möglich, dass die besinnlichen Stücke von Abel, Raetzel, Milling oder Johann Christian Bach in besinnlicher Runde gespielt wurden.

    Aber mit der Veränderung der Musikinstrumente, des Musik- und Lebensgefühls im 19. Jahrhundert (über die E. T. A. Hoffman ja so phantasiereich schreibt), verschwanden nicht nur die Gamben aus der Hausmusik, sondern auch die alten Noten.

    Es war ein riesiger Glücksfall, als die Ledenburg-Sammlung ihre Schätze preisgab und damit auch der Gamben-Virtuose Carl Friedrich Abel als Komponist zu neuem Ruhm kam. Der Gambist Thomas Fritzsch hat sich diese Wiederentdeckung regelrecht zur Aufgabe gemacht und sorgt mit Musikerkollegen aus dem Leipziger Raum dafür, dass die alten Noten mit den altehrwürdigen Instrumenten der Zeit zu neuem Leben erwachen.

    Was natürlich auch zur Entdeckung der alten Sammlungen einlädt und zur Beschäftigung mit der Welt, in der die Viola da Gamba den Ton der Zeit angab. Wer sich darüber wundert, wie langsam temperiert und ausgeschmückt damalige Romane geschrieben wurden (man denke an den „Werther“ oder an Laurence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“), der findet hier das Pendant. Es ist die Musik einer Welt, die zwar schon höchst geschäftig war und in modernen Historienverfilmungen mit einer Dramatik unterlegt wird, wie man sie eigentlich erst mit Beethoven kennenlernte. Aber die Geschäftigkeit kannte noch Tag und Nacht und natürlich kein elektrisches Licht und schon gar keinen plärrenden Fernseher. Wenn es im Herbst früher dunkel wurde, mussten sich die Menschen etwas einfallen lassen zur Geselligkeit. Und die selbst gemachte Hausmusik gehörte dazu. Und das Erlernen eines Instruments gehörte in den „höheren Kreisen“ ebenfalls dazu.

    Mit dieser neuen Einspielung würdigen Thomas Fritzsch (Gambe), Michael Schönheit (Piano) und die Merseburger Hofmusik auch eine andere Sammlung, die zum Glück wenigstens in Teilen überdauert hat: die des preußischen Staatsministers Joachim Carl Graf Maltzan, wo sich Werke von Abel, C. F. Bach und Andreas Lidl erhalten haben, wie Thomas Fritzsch erläutert. Er erzählt auch, wie sich Notendrucke damals finanzierten und durch die emsige Subskription von Sammlern wie Maltzan zustande kamen.

    Und sogar in der Londoner Senate House Library hat sich ein Stück Abel erhalten, nicht ganz vollständig, aber die fehlende Stimme konnte ergänzt werden.

    Die Genießer dieser CD bekommen also sieben Stücke zu hören, die so seit langem nicht mehr zu hören waren. Echte Novitäten, die einen zurückversetzen in eine Zeit ohne hupende Autos, tragbare Lautsprecher und Polizeisirenen. Als es selbst in der Weltstadt London oft so ruhig war, dass man sich in diese Musik vertiefen und träumen konnte. Und Maltzan war einige Jahre als Diplomat in preußischen Diensten in London eingesetzt – kannte wohl auch Abel, C. F. Bach und Thomas Gainsborough persönlich. Und wollte nach seiner Abberufung auch nicht gleich wieder weg, blieb noch zwei Jahre länger da, bevor er nach Militsch (Milicz) in Niederschlesien zurückkehrte und sich in Breslau (Wroclaw) eine Gambe bauen ließ.

    In der Liste der Persönlichkeiten von Milicz taucht er bei Wikipedia leider nicht auf. Vielleicht entdecken ihn die Militscher ja noch (auf der Homepage der Stadt Militsch wird er zumindest im Kapitel Geschichte erwähnt, wenn auch nicht als besondere Persönlichkeit hervorgehoben). Vielleicht entdecken sie auch die Schönheit der Gambenmusik, wenn sie nicht ganz und gar vom westlichen Tempo eingenommen sind, das alles verschlingt, alle Muße, alle Nachdenklichkeit, alle Zeit.

    Wir haben ja nicht deshalb keine Zeit mehr, weil uns die Zeit abhanden kam, sondern weil wir die Zeit totschlagen mit lauter Ablenkungen und Zeitfressern, die uns daran hindern, die Welt noch wahrzunehmen, wie sie ist, und einer Musik so intensiv und aufgeschlossen zu lauschen, wie das im 18. Jahrhundert noch normal war. Auch weil Musik immer selbst gemacht werden musste und sich Menschen ganz und gar darauf einstellten. Man konsumierte nicht, sondern tauchte ein. Was man natürlich mit diesen Einspielungen (in denen auch Maltzans Viola da Gamba zu hören ist) auch jederzeit tun kann. Nur einen ruhigen Ort sollte man sich dazu suchen. Einen, wo die aufdringliche Lärmentfaltung der Gegenwart einmal nicht stört.

    Thomas Fritzsch, Michael Schönheit, Merseburger Hofmusik „Gamba Concertos“, Coviello Classics 2017

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