Armin Petras zählt zu den führenden Schauspielregisseuren im deutschsprachigen Raum. In Leipzig inszeniert der Intendant des Stuttgarter Schauspiels Lutz Seilers Wenderoman „Kruso“. L-IZ.de hat den bekannten Theatermacher vor der Premiere in der Theaterbar „Pilot“ getroffen.

Sie haben schon unter den Intendanten Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszeniert. Wie hat sich die Stadt in Ihrer Wahrnehmung im Laufe der Zeit verändert?

Das ist relativ einfach. Seit ich Leipzig beruflich kenne, das ist seit Ende der Neunziger, war die Stadt schon immer attraktiv und ist inzwischen zu einer fantastischen Stadt geworden. Das liegt für mich daran, dass sich die Infrastruktur toll entwickelt hat und sich die Lebensqualität für mich als bekennenden Schwimmer durch die Seen und durch das Wasser um einen ganz hohen Prozentsatz verbessert hat. Leipzig ist eine sehr attraktive, lebendige Stadt. Nicht zu groß, nicht zu klein. Nicht zu reich, nicht zu arm. Ich finde es sehr angenehm, hier zu sein.

Wie nehmen Sie als Theaterschaffender den Wandel innerhalb der Leipziger Kulturszene wahr?

Da stecke ich nicht so drin. Im Großen und Ganzen bin ich immer hier im Schauspielhaus. Ich bin ab und zu in der Schaubühne Lindenfels, weil ich seit vielen Jahren Leute kenne, die dort was machen und tun. Ich nehme aber ziemlich stark den Wandel der modernen Musik wahr. Da war Leipzig schon immer stark und ist stark geblieben.

Mit „Kruso“ adaptieren Sie am Schauspiel einen Roman. Welche Faszination geht für Sie von dem Werk aus?

Das ist bei mir eine vielfache Faszination. Lutz Seiler kann mit Worten malen. Das können nicht so viele Autoren. Er arbeitet mit Sprache. Das liegt mir sehr. Und der Roman erschließt eine Zeit, die ich als junger Mensch selbst erlebt und mit der ich mich schon mehrmals auseinandergesetzt habe. „Als wir träumten“ ist ja quasi ein Anschluss an die Zeit, die jetzt auf der Bühne vorkommen wird. Einige Leute, die als Vorlage für die Kunstfiguren in dem Roman dienten, habe ich selber gekannt.

Wie sind Sie auf den Stoff aufmerksam geworden?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe meist sechs, sieben Bücher auf dem Tisch. Der Roman hat den Deutschen Buchpreis 2014 erhalten. Deswegen liest man das sowieso. Diesmal hatte ich allen gesagt, die meinten, das müsse ich machen, das mache ich nicht. Nicht schon wieder ein Oststoff. Dann habe ich den Roman doch gelesen und war begeistert. Enrico Lübbe und ich hatten auch zusammen nach einem Stoff gesucht, den wir in Leipzig inszenieren können. Nachdem wir einen anderen Stoff aus verschiedenen Gründen nicht machen konnten, haben wir uns diesen Roman gegenseitig vorgeschlagen.

Seit wann stehen Sie mit Enrico Lübbe in Kontakt?

Seit zwanzig Jahren. Er war mein Assistent hier am Schauspiel Leipzig.

Wovon handelt der Theaterabend?

Ein wichtiges Thema für mich ist Freiheit. Was war das damals? Es ist keine Zeitspiegelung. Anders als bei „89/90“. Wir haben eher einen poetischen Ansatz. Was bedeutet die ganze Geschichte für uns heute? Ich wusste selber nicht, dass es am Ende der DDR-Zeit eine kleine Enklave von Aussteigern auf einer Insel gab, die versucht haben, ein anderes Leben zu leben bzw. die versucht haben, Menschen vor dem Tod zu retten. Die gesagt haben, bleibe bei uns, lebe mit uns und dann wirst du nicht mehr flüchten wollen, du wirst nicht mehr schwimmen wollen, du wirst nicht mehr sterben. Ich bin 1988 in den Westen gegangen. Für mich ist es interessant zu schauen, wenn man den anderen Weg gewählt hätte und dageblieben wäre.

Lutz Seiler hat den anderen Weg gewählt. Er ist geblieben. Haben Sie sich mit dem Autor ausgetauscht?

Auf jeden Fall. Wir haben uns getroffen, zusammengesessen und über alles geredet. Das war sehr erhellend, weil dieser Roman – so sehr ich ihn mag – hat natürlich poetische Untiefen. Er ist an einigen Stellen unklar. Es war sehr schön, sich das beschreiben zu lassen. Andererseits ist mir in diesem Moment klar geworden, dass es wichtig ist, nicht eins zu eins eine Romanadaption zu machen, sondern die lyrischen Momente, das Poetische im Theater anders umzusetzen.

Wie haben Sie selbst die DDR in den Jahren vor der politischen Wende wahrgenommen?

Für mich war das ganz klar eine Truman-Show. Man hat gedacht, das stimmt alles nicht, das ist alles Fake, nicht real.

Sie haben bereits in der DDR Theater gemacht. Vor welchen Hürden standen Sie damals?

Die letzten Shows fanden im Berliner Dom statt. Die Kirche hatte immer Räume, die man nutzen konnte. Damals standen 200 Stasi-Männer vom Berliner Dom bis zum Alexanderplatz. Wir hatten 200 Zuschauer. Das ist eine Bedeutung von Theater, die mir heute fehlt.

Sie meinen die politische Komponente?

Absolut. Ich meine eigentlich Bedeutung. Ich will nicht jeden Abend 400 Polizisten um mein Theater herumstehen haben. Aber ich vermisse diese Wirkung von Theater. Und ich denke, dass es heute nicht mehr so leicht ist, Theater zu machen, das berührt oder dazu führt, über das eigene Leben nachzudenken.“

Vielen Dank für das Gespräch.

Schauspiel Leipzig
Kruso
nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk

Premiere: 1. Oktober, 19:30 Uhr

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