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Starke Stimmen, schwache Bilder: Verdis „Don Carlo“ als Psychokrimi

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    Für FreikäuferDie Oper Leipzig ist mit der Neuproduktion von Verdis „Don Carlo“ in die Spielzeit 2017/18 gestartet. Regisseur Jakob Peters-Messer fokussiert sich in seiner Deutung auf das zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren. Starke Bilder sucht man in dem dreieinhalbstündigen Abend fast vergebens.

    Während der Ouvertüre steht Don Carlo (grandios, Gaston Rivero) mit der Pistole in der Hand am Scheideweg. Der Protagonist zögert. Sterben oder Weiterleben? Schließlich drückt der spanische Infant nicht ab – und lässt sich von seiner Umwelt und seinen Gefühlen in einen Strudel an Ereignissen reißen, die ihm letztlich keine Wahl lassen werden, den Abzug zu drücken. Jakob Peters-Messer, der erstmals in Leipzig inszeniert hat, interessiert sich für die psychologische Seite der Geschichte, die auf Schillers Versdrama „Don Karlos“ beruht.

    Gespielt wird in Leipzig die (kürzere) italienische Fassung von 1884, die dem Publikum einen ganzen Akt und diverse Zusammenhänge vorenthält. Das ist in Anbetracht von Peters-Messers Ansatz keine glückliche Entscheidung. Visuell kennen der Regisseur und sein Team (Bühne: Markus Meyer, Kostüme: Sven Bindseil) nur Schwarz und Weiß. Während der Titelheld ganz in weiß gekleidet ist, tragen die übrigen Figuren beinahe durchweg dunkle Kostüme. Die aschfahlen Lichtstimmungen kontrastieren das schwarze, verschachtelte Wandgebilde, das Meyer auf die Drehbühne gestellt hat.

    Ein Hingucker ist das Bühnenbild mitnichten. Nur einmal, am Ende des zweiten Akts, gerät der Zuschauer kurz ins Staunen. Die Hauptbühne fährt samt Chor empor. Zum Vorschein kommt die weiß getünchte Unterbühne, die mit unzähligen Schädeln ausstaffiert ist. Don Carlo steht davor, der Vorhang fällt. Visuell überzeugt auch das blutige Finale, in dem sich der Infant schließlich selbst richtet. Bis dahin muss der Zuschauer jedoch viel ereignisloses Dialog-Gewitter über sich ergehen lassen. Wenigstens behandelt Peters-Messer den Stoff nicht abstrakt, sondern übt sich immerhin als Geschichtenerzähler.

    Innerhalb des einfallslosen Verschiebebahnhofs auf der Drehbühne funktioniert der tiefschwarze Psychokrimi leider nur bedingt. Ein aussagekräftigeres Bühnenbild als die elendigen schwarzen Wände hätte die knisternde Spannung, die dem Werk von der Ouvertüre bis ganz zum Schluss innewohnt, gewiss verstärkt.

    Während die Inszenierung schwächelt, wissen Solisten und Musik zu überzeugen. Vize-GMD Anthony Bramall unterstreicht am Pult des Gewandhausorchesters seine Qualitäten als Spezialist für das italienische Repertoire. Für den Engländer war der „Don Carlo“ übrigens die letzte Neueinstudierung in der Messestadt. Der gebürtige Londoner ist seit dieser Spielzeit neuer Chefdirigent am Münchner Gärtnerplatztheater.

    Unter den Solisten kann beim Publikum neben Rivero Sopranistin Gal James als Elisabetta reüssieren. Riccardo Zanellato gefällt als donnernder König Filippo. Mathias Hausmann (Rodrigo), Kathrin Göring (Prinzessin Eboli), Stefania Abbondi (Tebaldo), Danae Kontora (Stimme vom Himmel) und Sejong Chang (Mönch) sorgen für eine überzeugende Rundum-Performance des Leipziger Ensembles. Runi Brattaberg sollte den Großinquisitor singen, war allerdings am Sonntag krankheitsbedingt verhindert. Einspringer Ante Jerkunica erledigte trotz kurzfristiger Vorbereitungszeit einen souveränen Job.

    Weitere Aufführungen: 26. Nov. 2017, 15. Dez. 2017, 24. Feb. 2018 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

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