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Ein Abend wie in Bayreuth: Thielemann dirigierte einen starbesetzten „Holländer“

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    Manchmal muss man nicht nach Bayreuth fahren, um die festspielträchtige Aufführung einer Wagner-Oper zu erleben. Die Besetzung, die diese Woche in der Semperoper beim „Fliegenden Holländer“ auf der Bühne stand, hätte so jedenfalls auch auf dem Grünen Hügel auf dem Programm stehen können.

    Christian Thielemann, in Personalunion Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle und Musikdirektor in Bayreuth, stand am Pult. Albert Dohmen (Holländer), Georg Zeppenfeld (Daland) und Anja Kampe (Senta), Christa Mayer (Mary), Tomislav Muzek (Erik) und Tansel Akzeybek (Steuermann) waren binnen der letzten Jahre allesamt im Festspielhaus zu hören.

    Florentine Kleppers Inszenierung aus dem Wagnerjahr 2013 ist ein bisschen wie Kino. Während des Vorspiels, von Thielemann temporeich dirigiert, peitschten animierte Regenschauer über den transparenten Vorhang vor dem Strand, der den Bühnenraum ausfüllt. Die Szene erinnerte nicht zufällig an Landschaftsmalereien Caspar David Friedrichs und Max Klingers. Dunkle Lichtstimmungen und zuckende Blitze untermalten die in satten Farben aus dem Orchestergraben tönenden Kapriolen, mit denen Wagner im Vorspiel die stürmischen Naturgewalten nachzeichnet.

    Trotz klar erkennbarer Nummernstruktur war Thielemann erkennbar um schnelle, beinahe gleitende Überleitungen bemüht. Ohnehin dirigierte der als konservativ geltende Maestro das Werk wie schon von 2012 bis 2014 in Bayreuth in vergleichsweise hohem Tempo. Waren früher Interpretationen in 140 Minuten und länger die Regel, tendiert nicht nur Thielemann zu einer schnelleren Spielweise, die summa summarum meist etwa fünf Minuten einspart.

    Dies entspricht nicht nur dem Klangideal zu Wagners Lebzeiten, sondern erspart dem Zuhörer grässlich langgezogene Klanggeschwülste, wie sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten. Thielemanns Zugriff fördert spürbar die Dramatik, die Interaktion zwischen den Figuren und nicht zuletzt den werkimmanenten Schauermythos.

    Dazu trug auch das prominente Solistenensemble seinen Teil bei. Allen voran gab Albert Dohmen mit seinem pechschwarzen Bassbariton einen Holländer, dessen schiere Stimmgewalt einem die Nackenhaare krümmten. Dohmen interpretierte den schaurigen Holländer-Monolog im ersten Akt mit überzeugend nihilistischen Untertönen, die im zweiten Akt der betörenden Faszination des Bösen weichen. Soll ich oder soll ich nicht? Dieser Holländer wirkt spätestens, wenn er allein mit seinem Opfer Senta im Kämmerlein weilt, hin- und hergerissen zwischen den Gegenpolen Liebe und Verdammnis.

    Anja Kampes Senta wirkte im Licht von Dohmens überragender Performance schwach und zerbrechlich. Die Sopranistin bewies erneut ihre Wandlungsfähigkeit. Gab sie letzten Sommer in Bayreuth unter Thielemann noch eine schier unnahbare Elsa, war sie an diesem Abend eine leicht verletzliche, junge Frau. Die bekannte Ballade sang Kampe in einer berührenden Mischung aus starker Sehnsucht und tiefer Traurigkeit. Die leidenschaftlichen Duette zwischen Holländer und Senta waren die Highlights des Abends. Mit Kampe und Dohmen hatte die Semperoper zweifellos zwei Solisten verpflichtet, die gerne häufiger gemeinsam zu hören sein dürfen.

    Tomislav Muzek sang den Erik wie gewohnt dramatisch, mit einigen lyrischen Einwürfen. Georg Zeppenfeld hielt sich im ersten Aufzug gesanglich noch etwas zurück, steigerte sich jedoch im Laufe des Abends. Christa Mayer stellte als Mary die strenge Oberlehrerin zur Schau. Tansel Akzeybek durfte als Seemann seinem komödiantischen Talent freien Lauf lassen. Insgesamt erlebte das Publikum in der ausverkauften Semperoper eine musikalisch überzeugende Aufführung von Wagners vierter Oper. Leider kamen nur wenige in diesen Genuss.

    Nach einer Folgeaufführung am Dienstag gab Thielemann den Taktstock wieder aus der Hand. Die nächsten Vorstellungen des Holländers werden in veränderter Besetzung von dem US-Amerikaner John Fiore geleitet. Thielemann bleibt „seinem“ Wagner natürlich treu. Bei den Salzburger Osterfestspielen leitet der Chefdirigent eine Neuproduktion der Meistersinger mit der Staatskapelle, die später auch in Dresden zu sehen sein wird. Im Sommer wird der 59-Jährige dann wieder auf dem Grünen Hügel anzutreffen sein, wo er wie schon 2018 die Dirigate des Lohengrin und Tristan übernehmen wird.

     

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