Seit Montag befasst sich das Leipziger Landgericht mit einem Fall von Totschlag. Ein 31-Jähriger soll seinen WG-Kumpel nach einer feuchtfröhlichen Nacht in einer Bar so brutal verprügelt haben, dass er an den Folgen starb. Die Sachlage erscheint vor allem dank einer Überwachungskamera klar – das Motiv dagegen rätselhaft.

Deividas R. kann keinerlei Argumente oder Erklärungen für seine Tat liefern. Schamhaft verdeckt er sein Gesicht, als Justizwachtmeister ihn an diesem Montagmorgen in den Saal 115 des Leipziger Landgerichts bringen. Der 31-Jährige sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Staatsanwalt Torsten Naumann beschuldigt den Litauer des Totschlags an einem gleichaltrigen Landsmann.

Am 17. März 2019 um 7:45 Uhr, einem Sonntagmorgen, habe Deividas R. den befreundeten Kollegen in einem Nachtklub auf der Dessauer Straße mit einem Faustschlag niedergestreckt, ihm wiederholt gegen den Kopf getreten und unter anderem einen Hocker auf ihn geworfen, obwohl der am Boden Liegende keine Regung mehr zeigte. Das Opfer erlitt Blutungen und Hirnschädigungen, starb eine Woche später.

In einer Erklärung, die sein Anwalt Matthias Luderer verliest, räumt Deividas R. den Vorwurf indirekt ein. Wenngleich er kaum noch Erinnerungen an den Ablauf des Geschehens habe, zweifle er nicht an der Richtigkeit der Anklage. Sein Mandant sei „über die Geschehnisse, deren Ursache er gesetzt hat, in höchstem Maße selbst bestürzt“, so der Strafverteidiger. „Er findet keinen Ausdruck, um sein Bedauern auszudrücken.“

Tatmotiv ist völlig unklar

Für die Strafkammer stellt sich damit die schwierige Frage nach dem Tatmotiv. Deividas R., der 2010 seine Heimat zunächst Richtung England verließ, dann nach Litauen zurückkehrte und 2018 in Deutschland einreiste, trägt dazu wenig Erhellendes bei. Das spätere Opfer habe er seit Ende 2018 gekannt und sich mit ihm eine Unterkunft in Krostitz geteilt, das Verhältnis zueinander sei „normal“ gewesen, sagt er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Hans Jagenlauf.

In Deutschland habe der ungelernte Maurer einen Job als Lagerarbeiter gefunden. Deividas R. spricht von Alkoholkonsum seit der Kindheit, während seiner Zeit in England, wo er Vater eines heute 4-jährigen Jungen wurde, habe er auch Gras, Amphetamine, Ecstasy und Heroin konsumiert. In Deutschland habe er dagegen einen Schlussstrich ziehen wollen, weil er miterlebt habe, wie sein bester Freund durch Drogensucht gestorben sei, sagt er. Gleichwohl hatte eine Blutprobe von Deividas R. nach der Tat Spuren von Cannabis aufgewiesen.

Am Vorabend sei er um 22 Uhr von der Arbeit heimgekommen und kurz darauf mit seinem WG-Partner Richtung Leipzig aufgebrochen. Man habe sich unterwegs ein paar Bier gekauft und diverse „Etablissements“ im Norden von Leipzig abgeklappert. Dabei hatte Deividas R., so sagt er, schon den ganzen Tag zuvor nicht geschlafen, obwohl er direkt aus der Nachtschicht gekommen sei.

Überwachungskamera zeichnet alles auf

Ein zentraler Beweis für seine Täterschaft ist die Überwachungskamera, welche die schockierende Tat in der Lounge eines Nachtklubs auf der Dessauer Straße aufzeichnete. Die tonlose Videosequenz, die das Gericht am ersten Prozesstag abspielen lässt, zeigt den Angeklagten und seinen Kumpel auf einer Couch sitzend. Teilweise hocken beide nebeneinander, ab und an stoßen Mitarbeiter der Bar und leicht bekleidete Damen hinzu. Gelegentlich kommt es zu Gestikulationen und Wortwechseln. Fünf Minuten vor der Tat scheint Deividas R. auf dem Sofa eingeschlafen zu sein, gleichzeitig fordert das Barpersonal die Männer offenbar wiederholt zum Gehen auf.

Nachdem sein Kumpel ihn mehrfach zu wecken versucht, stehen er und der Angeklagte sich gegenüber. In dem Moment, als der später getötete Mann Deividas R. aus unklaren Gründen sein Basecap vom Kopf schlägt, eskaliert die Situation. Der Beschuldigte nimmt seinen Kontrahenten in den Schwitzkasten, wirft ihn zu Boden, tritt mehrfach auf ihn ein und wirft diverse Gegenstände auf ihn, unter anderem eine Tischplatte. Das Ganze dauert nur Sekunden. Der Mann auf dem Boden rührt sich nicht mehr. Eine Woche darauf ist er tot.

Der schmächtig wirkende Deividas R., bisher zumindest nicht als Gewalttäter bekannt, nimmt die Bilder reglos zur Kenntnis, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Er spricht von einem Filmriss durch exzessiven Bier- und Wodkakonsum.

Zeugenaussagen bestätigen, dass die beiden Gäste in jener Nacht zumindest spürbar angetrunken waren. Das Opfer lag am Boden und sei nicht mehr ansprechbar gewesen, sagt ein Mitarbeiter des Nachtklubs (42), der erste Hilfe leistete. Als er die Prügelei mitbekam und fragte, was los sei, habe sich der Angeklagte sogar entschuldigt und das Haus sofort verlassen. Die Polizei fasste ihn wenig später. Der Barkeeper (44) erinnert sich: „Ich habe mitgekriegt, dass die sich geprügelt haben.“ Und beteuert: „Ich wollte dazwischengehen. Aber es ist mir zu heiß geworden. So wie der auf ihn eingetreten hat…“

Das Landgericht wird voraussichtlich bis 8. November verhandeln.

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