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Sachsens Kultusminister lässt die kommunalen Träger mit der Personalplanung für die Kitas allein

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    Es gibt eine Reihe von Themen, bei denen man in den vergangenen Jahren merkte, wie orientierungslos Sachsens Regierung in ihrer Politik eigentlich steuerte. Es waren allesamt demografische Themen, egal, ob es um genügend Lehrer, Polizisten oder Studienplätze ging. Und bei der Planung für genügend Kita-Personal fährt die Regierung genauso der Wirklichkeit hinterher. Natürlich mit Folgen für die betroffenen Kommunen, kann Petra Zais jetzt feststellen.

    „Die Staatsregierung weiß nicht, wie viele Erzieherinnen und Erzieher aktuell und perspektivisch in welchen Landesteilen gebraucht werden. Und sie will entsprechende Zahlen auch künftig nicht erfassen. Das ist ausgesprochen bequem – aber ein Fehler“, bilanziert Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, die Antwort von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf ihre Kleine Anfrage zu den regionalisierten Personalbedarfen in der Kindertagesbetreuung (Drs 6/16234).

    „Personelle Engpässe gibt es längst nicht mehr nur in den Schulen, sondern auch in sächsischen Kindertageseinrichtungen. Die Fluktuation ist groß, ausgeschriebene Stellen bleiben unbesetzt. Es ist ein Irrglaube, dass der (Arbeits-)Markt es schon richten wird und die Kapazitäten automatisch dem Bedarf folgen. Betreuungsangebot, -nachfrage und -quote sind regional höchst unterschiedlich. Bei den 1- bis 3-Jährigen lag die Besuchsquote 2017 in der Stadt Leipzig bei 51,9 Prozent, im Landkreis Leipzig hingegen bei 77,8 Prozent. Auch die Geburtenzahlen und damit die künftige Nachfrage nach Betreuungsplätzen variieren je nach Region, ebenso wie die Altersstruktur der Beschäftigten in den Einrichtungen. Diese Unterschiede spiegeln sich nur unzureichend im Angebot an Ausbildungsplätzen wider“, kritisiert die Abgeordnete.

    Wie gravierend sich Bedarfe und Prognosen verändern, zeigt ein Blick in die Statistik. Im Jahr 2013 ging das Kultusministerium davon aus, dass 2018 ein Personalbedarf von 22.366 Vollzeitäquivalenten (VZÄ) in den Kindertageseinrichtungen bestünde. Es folgten ab dem Jahr 2015 Schlüsselverbesserungen in der Krippe und in der Kita – und tatsächlich sind es nun 28.536 VZÄ Personalbestand.

    Ähnlich wirkt sich die Entscheidung für die Anrechnung mittelbarer pädagogischer Tätigkeiten (‚Vor- und Nachbereitungszeit‘) aus, die einen Mehrbedarf von rund 1.300 VZÄ nach sich zieht. Im Schuljahr 2017/2018 befanden sich 1.941 angehende Erzieherinnen und Erzieher im 2. Ausbildungsjahr, werden also vermutlich 2019 ihren Abschluss erwerben. Laut Prognose liegt der Personalmehrbedarf im Vergleich zum Vorjahr aber bei 2.449 Personen.

    Übrigens alles Entscheidungen des Landtages, der ja auf Druck des Junior-Partners SPD den Betreuungsschlüssel in den Kindertagesstätten endlich (nach zehn Jahren Stillstand) langsam verbessert. Aber Betreuungsschlüssel heißt nun einmal: Es wird mehr Personal gebraucht. Deutlich mehr. Denn der bislang viel zu hohe Betreuungsschlüssel bedeutete eben auch in vielen Kitas eine völlige Überlastung des Personals. Das zeitigt irgendwann Folgen mit Erkrankungen und Berufsausstieg. Was man ja aus Schulen, Polizeiapparat und Justiz ebenso kennt.

    Einige Minister stecken augenscheinlich immer noch im fatalen Denken der 1990er Jahre fest, als man felsenfest der Meinung war, weniger Personal würde auch für schlechtes Geld eine bessere Betreuungsleistung erbringen. Da haben wir doch glatt die Krankenhäuser vergessen, wo mit Ärzten und Pflegepersonal genauso gutsherrlich umgegangen wird. Es ist überall dasselbe.

    Kein Wunder, dass die Oppositionsparteien im Landtag mit ihrer berechtigten Kritik bei den Ministern so schwer durchdringen.

    „Der Kultusminister macht sich einen schlanken Fuß und lässt die kommunalen Träger mit der mittel- und langfristigen Personalplanung allein. Dabei trägt er Verantwortung zumindest für die Ausweitung und auch die Reform der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Die Kompensation der zu erwartenden Altersabgänge ist das eine. Das andere ist die Einrechnung der Auswirkungen von politisch gewollten qualitativen Verbesserungen in den Kitas. Die erstmalige Anrechnung von Vor- und Nachbereitungszeiten zeigt: Mehr Qualität braucht auch mehr Personal. Derlei Bemühungen um bessere Kitas dürfen nicht an einem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern scheitern“, benennt Zais die Hausaufgabe für die Landesregierung.

    „Die Zeit ist reif für veränderte Arbeitszeitmodelle und stärkere Anreize für eine höhere Wochenarbeitszeit. Eine Studie des DIW Berlin hat aufgezeigt, dass es zwischen den Arbeitszeitwünschen und den tatsächlichen Arbeitszeiten der Erzieherinnen und Erzieher eine große Diskrepanz gibt. Gerade im Hort sehe ich hier noch viel Potenzial für eine Bedarfsdeckung aus den eigenen Reihen.“

    Zumindest aber scheint die Botschaft angekommen, dass das bisherige System die Erzieherinnen regelrecht verschleißt und oft schon nach kurzer Zeit zur Aufgabe ihres gewählten Berufes bringt. Zumindest will die Regierung jetzt mal wissen, wo die Absolventen der Ausbildungsgänge geblieben sind, die im System ganz offensichtlich fehlen. Wohin sind sie verschwunden?

    „Wir begrüßen, dass eine ‚Verbleibstudie‘ beauftragt werden soll“, sagt Petra Zais. „Denn es gibt zwar seit dem Jahr 2013 jährlich rund 2.000 Absolventinnen und Absolventen in der Ausbildung von Erziehungskräften. Allerdings wird ein nicht unerheblicher, bisher aber kaum zu beziffernder Teil davon nicht in einer Kindertageseinrichtung tätig, sondern in anderen Bereichen. Die Verbleibstudie kann jedoch keine regionalisierte Personalbedarfsprognose ersetzen. Hier sehen wir den Freistaat weiter in der Pflicht.“

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