Einmal Innenstadt bis Cospudener See bitte: Eine Flussfahrt auf Kurs 1 mit Hindernissen

Wasser ist Leben, besitzt mythische Kraft und Bedeutung, und Wasser verbindet und trennt zugleich. Kein Ereignis hätte das deutlicher machen können, als der lange erwartete, heutige "Tag Blau", die Eröffnung von "Kurs 1". Der Wasserweg, der vom Stadthafen bis zum Cospudener See führt. Historisch, umstritten, geliebt, gehasst und zukunftsträchtig. Nur elf Kilometer, aber elf Kilometer, die es in sich hatten.
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Na klar waren wieder mal alle gekommen. Alle, die wichtig waren, sich für wichtig hielten, wichtig sind und wichtig werden möchten. Schließlich galt es in Leipzig schon wieder einmal, einem geschichtsträchtigen Ereignis beizuwohnen. Und wer möchte da schon fehlen, der was auf sich hält? Welch magische Anziehungskraft Wasser doch besitzt. Schon als Kind planschen wir in Pfützen, sammeln immerwährend versiegendes Nass in Sandkästen, spielen an Stränden, stürmen Freibäder.

Gestürmt wurde diesmal der Stadthafen an der Schreberstraße. Und zwar von Leipzigern, denen ihre Wasserstraßen schon immer am Herzen lagen, von geladenen Gästen, die die elf Kilometer bis zum „Cossi“ per Motorboot zurücklegen durften. Und selbstredend natürlich auch begleitet von den Anhängern des vom Motor befreiten Wassersports, denen die Krachmacher, Abgasverursacher und Wellenmacher ein Dorn im umweltbewussten Auge sind. Und da war auch noch Gustav Gatter, Vertreter einer Minderheit, die sich bei jenem Ereignis gänzlich außen vorgelassen sah. Jener Gustav Gatter nämlich sitzt im Rollstuhl und ratlos vor den Treppen, die zum Anleger im Stadthafen an der Schrebergasse führen: „Ich finde das ganz traurig, dass Behinderte hier so benachteiligt werden. Wie kann man so etwas jahrelang planen, ohne an uns zu denken?“

Eine Frage, die Oberbürgermeister Burkhard Jung ob des himmelblauen Tages, der guten Laune sowie der vielen angereisten mehr oder weniger prominenten Gäste nicht so recht in den Kram passen wollte. Folglich druckste er, angesprochen auf die fehlende Barrierefreiheit, auch mehr oder weniger verlegen herum: „Das müssen wir natürlich auch in der kommenden Zeit bewältigen. Das sind Probleme, die wir in Angriff nehmen müssen. Ich verstehe auch die Ängste der Menschen, die gegen motorisierte Boote sind. Da muss man sorgfältig abwägen.“ Muss man wohl dann so sagen, wenn man sich des Politikersprechs befleißigt. Und so sagten an diesem Tag alle schöne Worte für eine an sich sehr schöne Sache. Und wer noch weiß, wie es in und um Leipzig damals so vor rund 20 Jahren ausgesehen hat, der reibt sich heute noch die Augen.

Speziell, was die Wasserlandschaft betrifft. Noch 1990 war der Autor dieses Beitrags losgezogen, um Leipzigs zahlreiche (nicht verrohrte) Wasserläufe mittels Kamera unter die Lupe zu nehmen. Was er sah, stimmte ihn depressiv: Trübe, stinkende Kloaken, die träge vor sich hin flossen. Autoreifen, geklaute Mopeds, alte Matratzen, Ölfässer und anderer unsäglicher Müll verstopfte das Wasser, der Gestank war an gewissen Tagen unerträglich. Der Wandel, der sich in der Umwelt nun vollzogen hat, mag nun verständlicherweise jene Umweltschützer und Aktivisten umtreiben, die komplett gegen motorisierte Wasserfahrzeuge auf Leipzigs Wasserstraßen und Seen sind. Die sich sorgen um ihren Auwald, um die einmaligen Feuchtgebiete und empfindlichen Ökosysteme. Und genau dieser Wandel treibt aber auch jene an, die Leipzigs einmaliges Aqua-Ambiente dazu nutzen wollen, um die Stadt, die „mehr Brücken als Venedig hat“, wie Burkhard Junge anmerkte, touristisch und wirtschaftlich voran zu bringen.

Beides anerkennenswerte Motive und beides Argumente, die zusammenfließen müssen, wie es manche Flüsse tun, um sich zu einem großen Strom zu vereinen, der alle voranbringt. So fuhren also beide Parteien, hier die Motorfraktion, da die Muskelfraktion nebeneinander her. Und manchmal trachtete die Muskelfraktion danach, die Motorfraktion zu behindern. Das hatte zur Folge, dass die ganze Tour etwas länger dauerte als geplant. Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok, OB Burkhard Jung, Landrat Gerhard Gey nahmen das gelassen hin. Ist auch gut so. Weil da, wo so viele Meinungen aufeinander prallen, Gelassenheit der beste Ratgeber scheint. Aber zu den Fakten.

Der Kurs 1 ist der erste von acht im Konzept des Gewässerverbundes, der Flüsse, Seen, Kanäle und Wasserläufe im Leipziger Südraum miteinander vernetzt. Dies zudem, in einer rekultivierten Tagebaulandschaft, die früher einer Mondlandschaft glich, wie OB Burkhard Jung es treffend formulierte. Von der Anziehungskraft des Wassers wurde schon gesprochen. Dieser Magnet soll Aktive wir Ruhe Suchende gleichermaßen in unsere Region locken. Wirtschaftsminister Sven Morlok machte die Dimensionen mit einer nüchternen Zahl klar: „In naher Zukunft sollen im Verbund 200 Kilometer schiffbar sein.“ Zurück zum gegenwärtigen Stand. Zwischen zwei und drei Stunden sollten Paddler und Kanuten für die Strecke zwischen dem Leipziger Stadthafen und dem Cospudener See schon einplanen. Inklusive zweier Schleusungen in Connewitz und am Cospudener See.

Übrigens muss nun niemand mehr, wie früher, sein Boot über Land zum nächsten Wasserlauf tragen. Auch erfreulich: Nach dem Probebetrieb der letzten Wochen wurde mit dem Tag Blau auch die Connewitzer Schleuse offiziell vom Projektträger LMBV an Leipzig als Betreiber übergeben. Die Gesamtkosten von rund vier Millionen Euro wurden vom Freistaat übernommen. Und das mit schon integrierten Rampen für Behinderte. Hätte man das nicht auch schon beim Stadthafen ins Augen fassen können? Sicher ist, dass eine „Nachrüstung“ wesentlich teurer kommt, als eine von Anfang an geplante Integration der Barrierefreiheit. Das Zähneknirschen der Verantwortlichen aus dem Rathaus hat man trotzt der lauten Feierlichkeiten gehört.

Fest steht, dass sich mit der Wiederentdeckung der Leipziger Wasserwege- und Landschaften sowie deren sanfter Erschließung eine einmalige Chance bietet, Leipzig zu noch mehr Attraktivität zu verhelfen. Es kommt einfach darauf an, dass alle Seiten zueinander finden und das Beste daraus machen.

AuwaldStadthafenKurs 1
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