Muss man ja mal fragen dürfen, sagte sich der Landtagsabgeordnete der Linken, André Schollbach. Irgendwie scheint Sachsen ja seit 1990 so etwas wie eine christliche Republik geworden zu sein. Kirchen sitzen nicht nur im Aufsichtsgremium des MDR, sie haben dort auch ihre festen Sendeplätze. In Leipzig wird ein angekündigter Katholikentag gleich mal mit einer Million Euro Steuergeldern unterstützt. Politiker tragen ihren Glauben wie eine Fahne vor sich her. Aber wie sieht's denn eigentlich aus mit den Kirchenmitgliedern? Ganz offiziell?

Das Ergebnis hat es in sich. Denn während die öffentliche und politische Diskussion immer stärker den Eindruck verschafft, der Freistaat Sachsen sei gerade dabei, wieder zu einem kleinen konfessionellen Königreich zu werden, verlieren tatsächlich die beiden großen Kirchen in Sachsen weiter an Mitgliedern. Und zwar nicht nur durch altersbedingte Abgänge, auch durch Austritte, wie die Antworten der Sächsischen Staatsregierung auf zwei Kleine Anfragen (Drucksachen 6/177 und 6/178) des Abgeordneten André Schollbach ergeben haben.

Die Mitgliederzahlen sind seit Jahren rückläufig. 1995 hatten die evangelischen Kirchen in Sachsen noch 1.168.392 Mitglieder. 2013 waren es nur noch 804.802. Ein Rückgang von 31,1 Prozent, wie Schollbach ausrechnet. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Mitglieder der Katholischen Kirche in Sachsen von 189.449 um 39.319 (20,7 Prozent) auf nunmehr 150.139.

Seit 1994 sind in Sachsen insgesamt 128.347 Menschen aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, 17.461 Mitglieder verließen die Katholische Kirche. Damit haben von 1994 bis 2013 insgesamt 146.808 Menschen den beiden großen Kirchen in Sachsen aktiv den Rücken gekehrt, so Schollbach.Allein im vergangenen Jahr 2013 traten 5.122 Mitglieder aus der Evangelischen Kirche in Sachsen aus, 1.189 verließen die Katholische Kirche. Das ist eine Entwicklung, die schon lange nicht mehr der Säkularisierung in der DDR zuzurechnen ist. 2010 hat das Bundesamt für Statistik dazu einmal eine Bilanz erstellt, in der es unter anderem heißt: “Diese gegenläufige Entwicklung der den christlichen Volkskirchen angehörigen Personen und der ‘übrigen’ Bevölkerung war bereits vor der deutschen Vereinigung in den alten Bundesländern zu beobachten. – Durch die deutsche Vereinigung hat sich die Zahl der Kirchenmitglieder zwar erhöht (in der evangelischen Kirche um 4,3 Mill. Mitglieder, in der römisch-katholischen Kirche um 1,5 Mill. Mitglieder), am grundsätzlichen Trend hat sich hierdurch jedoch kaum etwas geändert. Auch nach 1990 setzt sich die bereits lange vor der deutschen Vereinigung konstatierbare und zu Lasten der beiden großen Volkskirchen verlaufene Entwicklung unvermindert fort.”

So ist es auch in Sachsen. Die Kirchenaustritte verstärken nur den demografischen Trend, mit dem die beiden großen Kirchen jedes Jahr Mitglieder verlieren. So machen bei der Evangelischen Kirche 2013 die Austritte nur ein Drittel der Mitgliederverluste aus. Die Katholische Kirche hat ihre Mitgliederzahl seit 2009 sogar wieder leicht erhöhen können – trotz der Kirchenaustritte. Was wohl eher nicht mit einer späten Re-Katholisierung Sachsens zusammenhängt, sondern auch in diesem Fall mit der demografischen Entwicklung.

Denn zu dieser gehört natürlich auch die Wanderungsbewegung in die sächsischen Großstädte, die nicht nur von der Zuwanderung aus den ländlichen Räumen profitieren, sondern auch von verstärkter Zuwanderung auch aus westdeutschen Bundesländern. In Leipzig etwa wachsen beide Religionsgruppen seit dem Jahr 2000 kontinuierlich, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Die Kirchenmitglieder wechseln quasi – wie auch alle anderen jüngeren Wanderungsteilnehmer – in die Großstadt. Die Frage ist natürlich: Bieten die beiden Kirchen noch die richtigen Antworten für das Leben in der sich verändernden Welt?

Der Dresdner Landtagsabgeordnete André Schollbach versucht die nun abgefragte Entwicklung für sich so einzuordnen: “Die Kirchen geben aus Sicht vieler Menschen lediglich Antworten von gestern auf die Fragen von morgen. Hinzu kommt der Umstand, dass die Kirchen in der heutigen Zeit nicht mehr über ein Moral-Monopol verfügen. Der Glaube an Gott ist in der aufgeklärten Welt eine Frage der persönlichen Freiheit und individuellen Entscheidung.”

Die Analyse des Bundesamtes für Statistik: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/Gastbeitraege/EntwicklungKirchenmitglieder.pdf?__blob=publicationFile

Die Antwort auf Anfrage “Mitgliederentwicklung der Evanglischen Kirche” als PDF zum Download.

Die Antwort auf Anfrage “Mitgliederentwicklung der Katholischen Kirche” als PDF zum Download.

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