Tanners Jahreswechsel-Interview mit dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden der Leipziger Denkmalstiftung Dave Tarassow

Zum Jahreswechsel sollte Zeit und Muße sein, zurückzublicken und in sich zu gehen, die Gedanken auf Reisen zu schicken und vielleicht auch eigene Sichten zu hinterfragen. Um dann ausgeruht und gestärkt weiterzumachen. Oder etwas zu ändern. Tanner fragte bei Menschen nach und ließ sie reden, frei nach Heinrich Böll (im Aufsatz "Die humane Kamera" 1964) "...dass die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat."

2015 bimselt ja gerade aus. Welches Thema hat Dich denn in diesem Jahr besonders bewegt und warum?

„1000 Jahre Leipzig“ und „850 Jahre Leipziger Messen“! Als großer Leipzig-Fan und einer, der sich für Stadt- und Zeitgeschichte interessiert, habe ich lange auf das große Festjahr gewartet. Anfangs war mir für ein paar Sekunden nicht klar, weshalb nicht „850 Jahre Leipzig“, vor 50 Jahren hatte man ja schon mal was gefeiert. Ja, aber eben nur das Stadtprivileg von 1165. Dieses Jahr feierte man dann die urkundliche Ersterwähnung der Stadt. Kommt auch nicht alle Jahre wieder. Archäologen sagen, dass Leipzig schon über 2000 Jahre alt ist. Gibt’s mal wieder was zum Feiern. Und Messen gibt es in Leipzig auch schon immer, die kamen mit der (Erst)Erwähnung gleich mit. Also finden auch schon seit 1000 Jahren Messen in Leipzig statt. Man nehme also hier das Messeprivileg von 1165.

Mit dem ersten Bürgerball im April war es dann endlich soweit für mich. Bei diesem Ball wurden alle Leipziger und zahlreiche Ehrenamtliche, darunter ich, eingeladen und ich habe erstmals einen Twist getanzt, hat sehr viel Spaß gemacht. Dann schnell noch ein Vereinsgruppenfoto mit OBM Jung und BM Bonew. Es war ein sehr schöner Abend. Das nächste Highlight war dann das „StadtFestSpiel“, die für mich 2015 geilste Veranstaltung überhaupt. Von mittags bis abends war ich mit meinem Fotoapparat unterwegs und knipste unendlich viele Fotos von den Figuren, den Bürgerfesten und schließlich auch das Finale. Das Feuerwerk war Bombe, das ich in diesem Ausmaß noch nie live gesehen habe. Einfach „hammer, hammergeil“. Mit vielen Veranstaltungen ging es weiter zum großen Stadtjubiläum, wie die StadtFestTage, oder wie zuletzt am 20. Dezember, dem 1000. Geburtstag der ersten urkundlichen Erwähnung, auf dem Richard-Wagner-Platz. Als Hobby- und Berufsfotograf konnte ich durch die Festlichkeiten mehrere tausend Fotos einfangen, war da und da dabei und auch mit meinem bürgerschaftlichen Engagement trug ich mit einigen Aktivitäten bei.

Und von Deinen ganz persönlichen Erlebnissen. Welches war das Einschneidenste?

Puh. Da gibt’s einige Sachen. Wirklich am Herzen liegt mir auch die Kinder- und Jugendarbeit, wo ich mich in verschiedenen Gremien und Projekten engagiere, wie zum Beispiel das „Jugendparlament Leipzig“. Über vier Jahre hat es gedauert, bis mal Leipzigs Jugend eine sichtbare und erstgenommene Stimme erhält. Ich wurde damals vom Jugendamt gefragt, ob ich Lust hätte, hier mitzumachen, kurz nachdem, als meine Teilnahme bei der Jugendwerkstatt zum Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal zu Ende war. Zwischendurch habe ich mal zwei Jahre pausiert und kam 2014 zurück. Die Zeit, wo es richtig spannend wurde. Das JuPaLe kräftig bewerben, Kandidaten suchen und vieles mehr. Am 16. Juli 2014 kam dann endlich vom Stadtrat der Grundsatzbeschluss und im Herbst sollten die Wahlen stattfinden. Denkste. Die Wahl wurde dann in gemeinsamer Abstimmung auf März 2015 gelegt und sie fand auch statt. Mich und meine Freunde im JuPa ärgerte halt nur die echt geringe Wahlbeteiligung, was uns aber noch mehr Ansporn gab, richtig fett im Jugendparlament der Stadt Leipzig mitzumischen. Bei der konstituierenden Sitzung wurden einige Persönlichkeiten vom OBM Burkhard Jung gewürdigt, die sich maßgeblich verdient gemacht haben, darunter auch ich, was mich auch riesig freute. Die regelmäßigen Sitzungen und AG-Treffen fanden dann fortlaufend statt und immer mehr außenstehende Jugendliche finden Gefallen am JuPaLe und machen jetzt mit. Weiter so!

Zum Leben gehört ja auch Entwicklung, wenn’s gut geht, sogar Geistige. Befindest Du Dich da gerade auf einem Weg? Besonders, da zwischen den Tagen und im Jahresumbruch ja gerne auch Zeit ist für Tiefgang? Berausch uns bitte mit Deiner Sicht der Dinge.

Zwischen den Jahren versuche ich immer, das nachzuholen, wozu ich die letzten Wochen oder besser gesagt Monate keine Zeit hatte. Meistens klappt das, meistens aber auch nicht. Dann machst du es halt im neuen Jahr. Ehrenamtlich engagiere ich mich viel, viel zu sehr. Zum Beispiel in der „Leipziger Denkmalstiftung“, die ich 2009 mitgegründet habe, um mal unser wertvolles Bauerbe vor der weiteren Zerstörung zu retten. Keine so leichte Sache. Vor allem, wenn man wenig Ehrenamtliche hat und auf der Suche nach neuen ist. Das Ehrenamt ist für mich in den letzten Jahren immer mehr ein undankbares Amt geworden, hoffentlich kein ungewolltes. Aber wenn man dann auch mal ein Dankeschön oder eine Spende kommt, gar beides, freut mich das sehr, und sehr viele Freunde und Kollegen, die sich auch ehrenamtlich engagieren. Leider erhält man im Ehrenamt aber auch viele Arschtritte. Da bekomme ich gern mal eine Krise. Aber bei den 1.000 Jahre Leipzig-Führungen, die ich für die Leipziger Denkmalstiftung organisierte, war das Interesse, wie immer, sehr groß und man sah auch die Dankbarkeit in den Augen der Interessierten und Spenden gab es auch reichlich für unsere Vereinsarbeit. Das freute nicht nur den Schatzmeister. Allein der „Tag des offenen Denkmals“ im Felsenkeller brachte uns über 1.000 Leute ein. Wenn das mal kein Omen im Festjahr war.

Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen im neuen Jahr und warum?

Ich wünsche mir unter anderem, dass der eine oder andere bürgerschaftliches Engagement ausübt und dies mit der Welt teilt. Schon eine kleine Gabe reicht, wie eine Stadtführung für Kinder oder eine Fotosession für einen Bildband eines Bürgervereins. Ist natürlich Geschmackssache. Klasse finde ich, dass immer mehr jüngere Leute zum Ehrenamt greifen, wie aktuell bei den Flüchtlingen. Man sagt ja ständig: „Die Jugend von heute ist sich für alles zu fein“ oder „Die können sich doch gar nicht engagieren“. Das will ich ungern im Raum stehen lassen, weil es einfach nicht so ist. Bürgerschaftliches Engagement ist sehr wichtig und tut vielen Menschen gut. Man kann auch mal was machen ohne kommerzielle Gedanken. Viele Bürger- und Themenvereine trocknen aus, weil sie keine Mitglieder und/oder kein Geld mehr haben. Das darf man nicht zulassen. Das „Leipzig Kollektiv“ zum Beispiel tut in dieser Richtung schon einiges.

Ich las gerade folgenden weisen Satz: „Dick macht nicht, was man von Weihnachten bis Neujahr isst, sondern was man von Neujahr bis Weihnachten isst.“ Da sind wir beim Genusse. Wie ist’s mit dem Speisen und Trinken bei Dir an den Tagen? Was gibt es auf die Teller? Besonderheiten?

Der Vorteil ist, dass bei mir kein Fett ansetzt und ich mir darüber keine Gedanken machen muss. Aber selbst wenn, hau‘ ich rein. An sich wird immer die Familientradition fortgeführt, die mir auch sehr gefällt: An Heiligabend Kartoffelsalat und Würstchen und am ersten Weihnachtsfeiertag Ente, Pute, Gans oder ähnliches mit Klößen, Rotkraut und brauner Soße. Am zweiten Weihnachtsfeiertag dann die Reste vom ersten. An Silvester wieder Kartoffelsalat, der diesmal hoffentlich bis übers Neujahr reicht. Getränke, wie mir grad ist, meistens Tee oder Chai Latte.

Und welche Wünsche möchtest Du Dir selber 2016 erfüllen?

Einmal wieder, wie die letzten Jahre, in verschiedene Städte reisen, die eine schöne mittelalterliche Architektur haben, mit vielen ihrer Sehenswürdigkeiten und Kulturen. Ein Kirchturmausblick darf zum Abschluss natürlich nicht fehlen. Und immer unterwegs sein mit der Bahn. Von meinem ehrenamtlichen Engagement möchte ich einige Tätigkeiten minimieren, was ich mir aber nun auch schon ständig vornehme. Und ganz besonders, noch viele Jahrzehnte mit meiner Familie, meinen Freunden, Kollegen und Bekannten zusammen zu sein.

Bist Du glücklich? Fühlst Du Dich schön?

„Ich bin Leipziger. Ich wohne im Leipziger Westen.“ – Dieses Statement hat man vermutlich schon öfters gehört. Ich bin auf jeden Fall glücklich. Habe eine tolle Familie und viele Freundschaften, die rocken. Und schön fühle ich mich auch, deshalb zeige ich auch ein Porträtbild von mir. Aufgenommen im Russischen Pavillon, wo ich ihn mit Lost-Places-Freunden-Fotografen unter die Lupe nahm.

Danke für Deine Antworten.

Besten Dank dir, Volly, für die Möglichkeit!

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