Gastmanns Kolumne: Leichtes Gepäck

Mit der Stadt Bautzen, der Stadt, in der Wessis am Ortsschild immer glauben, sie seien schon in Polen, hat man lange Zeit nichts Gutes verbunden. Seit der Wende aber kriegt man die Erinnerung an die haftorientierte Ortschaft mit etwas Senf ein wenig leichter runter, spätestens mit dem Bekanntwerden einer jungen Band, die sich dort als Schüler-Combo zusammengefunden haben soll, hat sich das Image von Budyšin, wie es viel lieblicher klingend auf sorbisch heißt, wieder zum Erträglichen hin bewegt. Silbermond und der menschlichen Bereitschaft zum schnellen Vergessen sei Dank.
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Gerade pünktlich zur Ferienzeit hat Silbermond nun ein neues Album herausgebracht – mit dem bezeichnenden Titelsong: „Leichtes Gepäck“.

Wer hier allerdings eine versteckte Botschaft der Deutschen Bahn oder gar der zurzeit sehr prosperierenden Schlauchboot-Branche („Ich mache in Schlauchboote“) argwöhnt, ist natürlich fehlgeleitet. Silbermond liefert wie immer freundlich-eingängige Lebenshilfe.

Und obschon ich als Reise-Erfahrene sehr genau weiß, dass es sich vor allem bestens ohne Musik von Silbermond im Gepäck reist und Silbermond mit Sicherheit im umgekehrten Fall ähnliches vermelden könnte, finde ich vieles richtig, was im besagten Songtext gefordert wird.

Recht nämlich haben die jungen Musiker, dass schwere Gepäckstücke unangenehm hinderlich wirken können. Längere Zeit unbeaufsichtigte besitzen oft noch weniger Sympathiewerte. Auch ist es sicher gut, ab und an zuhause aufzuräumen, und alle Staubfänger regelmäßig in die Tonne zu hauen. Silbermond plädiert sogar für 99 % der Dinge. Vorsicht also mit eher wenig bewegungsaffinen Lebenspartnern!

Ob allerdings der ganze symbolische Ballast der übrigen Zeilen tatsächlich so mir nichts dir nichts in die Tat umzusetzen sein wird, bleibt dahingestellt: „All der Dreck von gestern, all die Narben, all die Rechnungen, die viel zu lang offen rumlagen, lass sie los, schmeiß sie einfach weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

Jeder, der Rechnungen mal viel zu lange offen liegen gelassen und dann weggeschmissen hat, weiß doch um die Tatsache, dass hinterher mitunter oft vieles noch schwerer zu werden droht. Mit weggeschmissenen Narben kenne ich mich nicht so aus.

Am besten aber reist man heutzutage nicht etwa mit leichtem Gepäck, sondern mit PAKETEN. Schon mal aufgefallen, dass neuerdings von diesen überall die Rede ist? Pakete, Pakete, Pakete, wohin das Auge blickt. Da werden von Vereinen mit der Kommunalpolitik „Präventionspakete“ geschnürt, während der Freistaat Sachsen ein „Bildungspaket“ zu besitzen vorgibt, mit dem man sogar „Weichen stellen“ kann! Kein Wunder, dass die „Einstellungskorridore“, neuerdings auch äußerst beliebt, bei all den sperrigen Behältnissen erweitert werden müssen. Schade nur, dass sich immer mehr junge Menschen weigern, Bildungspakete anzunehmen. Vom Aufmachen ganz zu schweigen. Macht ja auch nichts, wenn die Zahl jener in der Bevölkerung rasant zunimmt, die niemals Gulasch von Gulag schriftlich unterscheiden werden können. Hoffentlich nehmen sie nur später die richtige Einladung an.

Das schönste Paket aber seit dem Westpaket heißt nicht Bildungspaket, sondern Asylpaket II, auch wenn es längst nicht so wohltuend nach Jakobskaffee, Feinstrumpfhosen und Lux-Seife riecht. Trotzdem wird damit gesäubert. In Ermangelung anderer Leistungen hält sich das Kabinett damit immerhin die dreckigen globalen Begleiterscheinungen kapitalistischer Lebensweise etwas vom Hals. Der Flüchtling mit geringer Anerkennungschance kriegt sein eigenes kleines Sammelbecken und Hänschen Klein, der allein in die weite Welt hinein ging, wird die Mama so schnell nicht wieder sehen. Saubere Sache, das. Ein Rundum-Sorglos-Paket sozusagen. Schade nur, dass der Aufschnittsbevollmächtigte der SPD, Sigmar Gabriel, nicht richtig hingehört hat, als der ganze Kram zusammengepackt wurde.

So what? Das Asyl-Paket wird losgeschickt und wir haben nichts zu verzollen als Entscheidungen, die irgendjemand getroffen haben muss, dem man früher immer die Vorhaut im Reißverschluss eingeklemmt hat. Anders ist das alles nicht zu erklären.

Im Mittelmeer ertrinkt es sich unterdessen weiter. Trotz leichten Gepäcks.

Kolumne
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