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Herr K. kann keine Nazis mehr sehen

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    Herr K., Sie schreiben uns: „Jetzt wird von verschiedenen Mitgliedern der ‚guten’ Parteien bestimmt, wer bei der Buchmesse ausstellen darf. Das erinnert mich an die gute alte DDR. Nur dort gab es keine Demokratie. Bei uns soll es ja noch eine geben.“ Wie Sie sicher bemerkt haben werden, stimmt an ihrer verbalen Sonntagskutsche nichts.

    Und eigentlich hätte ich Ihren Leserbrief – wie üblich – gleich falten und als luftigen Flieger segeln lassen können. Aber Sie mussten ja noch einen draufsetzen: „Verbuchen Sie diesen Artikel als kostenlose Reklame für Compact. Übrigens, die Nazikeule zieht nicht mehr, weil die wenigsten Menschen Nazis sind und die echten Nazis sind auch fast alle schon tot. Die wurden auch kaum behelligt.“

    Da bleibt mir wirklich nur noch, zuzugestehen, dass Sie augenscheinlich nicht von dieser Welt sind, sondern die vergangenen 70 Jahre wahrscheinlich auf einer Insel im Südmeer zugebracht haben. Wahrscheinlich allein und ohne jegliche Nachricht aus der alten Heimat, weswegen Sie nach der Heimholung durch ein internationales Rettungsschiff bei ihrer Ankunft wohl hellauf begeistert feststellen durften, dass auf unseren Straßen keine SS- und SA-Uniformen mehr zu sehen sind, was bei Ihnen augenscheinlich den Trugschluss auslöste, es gäbe nun keine Nazis mehr, da ja keine mehr in den allbekannten Uniformen herumlaufen.

    Das setzt freilich eine gehörige Portion Naivität oder Ignoranz voraus, was einige Leute (wie zum Beispiel gerettete Schiffbrüchige aus der Südsee) zu der falschen Annahme verführen könnte, Nazis wären einfach keine Nazis mehr, wenn sie keine Uniformen mehr tragen. (Ein Trugschluss, dem ja bekanntlich die halbe frisch gegründete Republik seinerzeit verfiel.) Aber ich kann Ihnen versichern: Es braucht keine Uniform, um einen waschechten Nazi zu erkennen. Man erkennt ihn auch an seinen Sprüchen. Auch an dem mittlerweile allseits beliebten „Ich bin ja kein Nazi, aber …“

    Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie sagen, dass nur „die wenigsten Menschen Nazis“ sind. Was man ja Nazis nicht erzählen darf, die halten sich ja glattweg für das Volk. Aber ein manifest rechtsextremes Weltbild haben im Schnitt (je nach Jahrgang) zwischen 6 und 17 Prozent der Deutschen. Das sind also – ganz solide statistisch ermittelt – waschechte Nazis.

    Dazu kommen noch die Ja-Aber-Nazis, die wahlweise gern einen Führer hätten oder glauben, sie als weiße Inhaber eines deutschen Passes seien etwas  Besseres als andere Leute, auch dann, wenn sie nicht mal die Hauptschule geschafft haben, und die auch schon mal Juden und Ausländer hassen, obwohl sie noch nie welche getroffen haben oder nie mit welchen gesprochen, weil sie sich das nicht trauen … Bei all diesen „Dimensionen des Rechtsextremismus“ schwanken die Werte zwischen 4,6 und 31,6 Prozent Anteil an der Bevölkerung. Wobei es unter den alt gewordenen Pimpfen und HJ-Mitgliedern statistisch mehr echte Nazis gibt als unter den jüngeren Leuten.

    Das sind dann also eher halbe oder Ersatznazis, die wahrscheinlich im Fall einer neuen „Machtergreifung“ nur zu bereit wären, wieder KZ-Aufseher und Gestapo-Mann zu spielen.

    Alles nachlesbar in den „Mitte“-Studien, die sich nun seit Jahren mit dem latenten Rechtsextremismus in Deutschland beschäftigen.

    Mit „echten Nazis“ meinen Sie möglicherweise die verantwortlichen und hochdekorierten Täter aus der Zeit von 1933 bis 1945. Und sicher haben Sie die vergangenen Jahre auch ganz gut geschlafen in der Einbildung, mit diesen alten Verbrechern seien die Nazis an sich völlig verschwunden aus der Welt. Aber ich darf Sie trösten: Die echten Nazis von heute sind nicht die Spur besser als die echten Nazis von gestern. Sie sind genauso gewalttätig, ignorant und dämlich wie ihre Großväter. Und sie brandfackeln und morden noch immer genauso fleißig und mit denselben Argumenten wie ihre Vorbilder in Uniform.

    Vielleicht sollte Ihr nächster Schritt, nachdem Sie sich von den Strapazen ihres unfreiwilligen Südsee-Aufenthalts erholt haben, der Besuch bei einem Augenoptiker sein, der Ihnen eine neue Brille verschafft, nicht so eine, bei der die Gläser so rosarot und auf der rechten Seite augenscheinlich völlig undurchschaubar geworden sind. Vielleicht hilft Ihnen aber auch schon, wenn sie die extraschwarze Sonnenbrille einfach mal absetzen.

    Danach könnte es durchaus passieren, dass sie mehr Nazis sehen, als Sie bisher gedacht haben. Das aber ist ganz gewiss keine Sinnestäuschung, das kann ich Ihnen versichern.

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