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Mit einer pfiffigen Lernstation kann man im Pongoland jetzt jeden einzelnen Schimpansen persönlich kennenlernen

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    1997 war's. Da ging es um die spannende Frage: Wohin kommt das neue Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie? Denn darüber entschied nicht nur die Schönheit der erwählten Stadt, sondern auch die Frage: Gibt es einen Zoo vor Ort, der bereit ist, in ein nachhaltiges Primaten-Forschungsprogramm mit einzusteigen? Glück für Leipzig: Es gab ihn.

    Und so landete 1997 nicht nur das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie am Deutschen Platz in Leipzig, sondern mit dem Leipziger Zoo zusammen wurde das erste Projekt angerührt, das den bis dahin doch recht biederen Tierpark in die erste Etappe zum „Zoo der Zukunft“ schießen sollte: Bis 1999 verhandelte und plante die Max-Planck-Gesellschaft mit dem Leipziger Zoo. Im Mai 1999 wurde dann der Grundstein gelegt für eine Attraktion, die bis heute zu den Lieblingen der Leipziger Zoobesucher gehört: dem Pongoland. Am 1. April 2001 konnte die riesige Halle, in der alle vier Menschaffenarten ein neues Domizil fanden, eröffnet werden. Und nicht nur das: Denn die Max-Planck-Gesellschaft finanzierte den Bau nicht nur zu 90 Prozent, um den nächsten Verwandten des Menschen eine ihrem Temperament entsprechende Heimat zu verschaffen. Das mit der Forschungskooperation war ernst gemeint.

    Blick ins Forschungslabor: Spielen die Testteilnehmer heute mit oder lassen sie sich von der Kamerameute ablenken? Foto: Ralf Julke
    Blick ins Forschungslabor: Spielen die Testteilnehmer heute mit oder lassen sie sich von den Kamerameuten ablenken? Foto: Ralf Julke

    Und die hält bis heute an. Und hat schon längst Früchte getragen. Denn im Pongoland können die Leipziger Forscher natürlich so intensiv mit den Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang Utans arbeiten wie nirgendwo anders. Die Experimentierräume sind direkt an die großen Tummelplätze der Affen angebunden. Manchmal können die Besucher des Zoos den Experimenten direkt zuschauen. Transparente Forschungsarbeit, nennt es Dr. Daniel Hanus aus der Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, der Forschungskoordinator fürs Pongoland. „Die Studien zielen darauf ab, herauszufinden, was Menschenaffen verstehen und wie sie ihre Umwelt wahrnehmen. Die Einmaligkeit in Leipzig besteht darin, dass vergleichende Studien zwischen den vier Arten durchgeführt werden können.“

    Die Leipziger Primatenforschung wird weltweit wahrgenommen. Denn sie hat auch einige Erkenntnisse gebracht, die man so vorher nicht hatte, die sich auch nicht mit Forschung in freier Wildbahn gewinnen ließen. So zum Beispiel, dass Schimpansen durchaus in der Lage sind, auch die Perspektive ihres Gegenübers einzunehmen – und entsprechend zu handeln. Selbst Altruismus bei der gemeinsamen Futtersuche konnte beobachtet werden, genauso wie die Fähigkeit, sich zu erinnern oder gar in die Zukunft zu planen. Anders als man noch vor einigen Jahren annahm, dass Tiere nur im Hier und Jetzt leben, so Hanus, ist es bei Menschenaffen auf jeden Fall.

    Sie sind uns also noch viel ähnlicher, als gedacht.

    Aber was hilft die ganze Forschung, wenn in der Welt die freien Lebensräume dieser Tiere zerstört werden und die Populationen dahinschmelzen.

    Gerade deshalb sei die Forschung wichtig, sagt Hanus. Auch weil wir eine Menge über unseren eigenen Umgang mit den Menschenaffen lernen.

    Oder lernen sollten.

    50 bis 60 Studien entstehen jedes Jahr im Pongoland. Da ahnt man nur, auf wie vielen Themenfeldern hier gearbeitet wird. Die Zwischenbilanz nach 15 Jahren: Über 180 abgeschlossene wissenschaftliche Arbeiten.

    Und die Forscher belassen es ganz und gar nicht bei der Beschäftigung mit den Tieren. Jede Woche, so Hanus, gibt es zwei bis drei Führungen durch Institutsmitarbeiter insbesondere für Schulklassen und Studenten. Aber auch rund 40 Kindergartengruppen werden jedes Jahr von den Forschern durchs Pongoland geführt. Da lernen also nicht nur die Primatenforscher – da lernen auch die jungen Zoobesucher und bekommen ein ganz neues Verständnis für die Welt unserer nächsten Verwandten. Die Idee von 1997 ist also aufgegangen. Im doppelten Sinn, wie Zoodirektor Dr. Jörg Junhold betont.

    „Pongoland war damals die Initialzündung für unseren Zoo der Zukunft“, sagt er. „Wir haben damals gezeigt, wie es gehen kann.“ Heute bekomme man Rückmeldungen aus aller Welt, dass Pongoland nach wie vor eine der modernsten Anlagen für Menschenaffen in großen Zoos ist. Und die Bewohner scheinen sich wohlzufühlen: Über 50 Tiere leben heute in den glasüberdachten Räumen, 24 Geburten wurden seit der Eröffnung gezählt.

    Und ein neues Angebot für die Besucher gibt es zum 15-jährigen Jubiläum auch: eine Affenbeobachtungsstation.

     

    Alexander Loos und Jörg Junhold mit der neuen Affenbeobachtungsstation im Pongoland. Foto: Ralf Julke
    Alexander Loos und Jörg Junhold mit der neuen Affenbeobachtungsstation im Pongoland. Foto: Ralf Julke

    Das klingt nach großer Expedition in den Urwald, ist aber eher ein technisches Faszinosum, eine Lernstation, mit der die Besucher der Schimpansen jedes einzelne Mitglied der putzmunteren Truppe kennenlernen können.

    Die Lernstation ist das Ergebnis der gemeinsamen Entwicklungsarbeit des Zoo Leipzigs, des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Fraunhofer-Institute IDMT und IIS. Gefördert wurde das einjährige Projekt von der Klaus Tschira Stiftung in Heidelberg. Mit Hilfe der intelligenten
    Fraunhofer-Gesichtserkennungstechnologie, die man ursprünglich zur Gesichtserkennung von Menschen entwickelt hat, können die Schimpansen im Pongoland zukünftig automatisch identifiziert werden und die Besucher können Informationen zu den einzelnen Affen abrufen.

    Dafür sorgt eine Kamera, die von den Nutzern der Lernstation direkt gesteuert werden kann. Sie können das Gesicht jedes einzelnen Schimpansen heranzoomen und von der Software auslesen lassen. Im Ergebnis bekommt der Nutzer alle Angaben zum Tier – seinen Namen, seine Stellung in der Gruppe und so weiter. Auf die Weise lernt man die ganze Gruppe auf eine Weise kennen, wie das vorher nicht möglich war.

    Und die Software funktioniert, bestätigt Alexander Loos, Projektverantwortlicher am Fraunhofer IDMT.

    Dabei hat man diese gar nicht nur für die Anwendung in Leipzig entwickelt, sondern vor allem für die Erleichterung der Forschung in der freien Wildbahn, wo die Forscher oft mit fest installierten Kameras arbeiten und die Affengruppen über Stunden und Tage beobachten. Aber dabei entsteht ein Riesenberg an Material, der für gewöhnlich in ebenso langer Auswertungszeit von den Forschern durchgearbeitet werden muss. Mit der Gesichtserkennungssoftware können Computer das Material jetzt ganz eigenständig durchforsten und die Analyse deutlich abkürzen.

    Aber Forscher wären keine Forscher, wenn sie nicht gleich noch eine Idee mehr hätten. Daniel Hanus kann sich auch eine automatisierte Beobachtung in Leipzig vorstellen. Da das Programm ja die einzelnen Gesichter der Schimpansen schon unterscheiden könne, wäre eine Vision natürlich, dass die Gruppe über lange Zeiträume beobachtet wird und der Computer dann die wichtigsten Interaktionen in der Gruppe statistisch erfasst: Wer interagiert in der Gruppe mit wem wie oft?

    So könnte man die sozialen Beziehungen in so einer Schimpansengruppe genau nachvollziehen. Das ist noch Zukunftsmusik.

    Erst einmal steht – zum 15. Geburtstag vom Pongoland – das Osterprogramm vom 26. bis 28. März im Kalender, zu dem die Max-Planck-Forscher sich im Pongoland direkt über die Schulter schauen lassen.

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