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Gastmanns Kolumne: Ein Brief an die jungen Kräfte in der AfD

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    Ja. Ich gebe es zu. Ich beneide sie. Ich beneide die Menschen, die das können: Sich an einem Adventswochenende freiwillig mit einem riesigen Jacken-Daunengebirge zur Amöbe auszustaffieren, einen Haarreif mit einem Elchgeweih oder einer verspielt blinkenden Weihnachtstannen-Spirale überzustülpen, sich nach draußen zu begeben und in einer sich wie auch immer erklärenden Vergruppung in der Innenstadt einzufinden. Einem Ort, wo wider besseres Wissen „Stille Nacht, heilige Nacht“ in Blechblasinstrumente hineingetrötet wird und wo schon sehr sehr viele andere sind, die Glühweine rheinhessischer Winzer, verfeinert nach dem „Geheimrezept“ von Buden-Maik, in sich hineingeleitet haben.

    Ich beneide sie um diesen leicht tänzelnden Blick und die wirklich echt wirkenden Glücksgefühle in diesen Momenten. Aber nur weil mein Gruppen-Happiness-Gen weniger ausgeprägt ist, möchte ich das Treiben dieser Menschen nicht tadeln.

    Solange Menschen glücklich sind, gehen sie wenigstens nicht zur AfD. Da verhilft einem letztere dann doch zu ein paar Flugzeugen mehr im Bauch. Besorgniserregend finde ich ja weniger die drohende Alterspräsidentenschaft aus AfD-Reihen – mit als Nachbar verkleideten misanthropischen Cordhosen weiß man schließlich seit der Kindheit umzugehen. Dass aber immer mehr Junge sich in der AfD nicht nur aufgehoben fühlen, sondern dort auch ganz vorne mitzumischen wünschen, ist nichts weniger als verstörend.

    Das aktuelle ZEIT-Magazin porträtierte gerade sehr ausführlich sieben aufstrebende Funktionäre jener Partei, die vermutlich zu Unrecht eher mit einem aufregenden Blazer-Twinset-Perlenketten-Ensemble als mit juvenilem Esprit in Verbindung gebracht wird.

    Von Esprit war bei allen sieben Porträtierten allerdings wirklich nichts auszumachen. Hingegen einigte die aus unterschiedlichsten Bundesländern Stammenden eine seltsame Verdrießlichkeit – gepaart mit dem Credo, alle Welt sei gegen sie. Hinzu kam noch eine gehörige Brise Antipathie gegen Genderwahn, Feminis- und Vegetarismus. Eine merkwürdige Melange aus Trotz und Verbissenheit.

    Fakt ist: Jede Gesellschaft braucht ihre Rebellen. Und unsere vermutlich viel viel mehr als wir uns aufgeklärte Latte-Macchiato-Korrekt-Aussprecher eingestehen wollen.

    Aber mit Verlaub: Ihr, liebe junge AfDler, ihr seid keine. Wir brauchen euch nicht. Es gibt diese Rebellen schon lange. Sie sind in der Alt-Partei „Rock’n’Roll“ organisiert. Diese ganze verdammte Konsens-Soße, dieser genderweichgespülte verlogene Mist, dieses pseudovernunftgeleitete Leben, das man uns aufdrückt und das uns zweifelsohne auch manchmal gehörig über ist, ob wir wollen oder nicht, das wird seit langem schon vorbildlich von ein paar unterhaltsameren Leuten als euch weggesungen und weggetrunken. Viele davon krass drauf, aber wenige, die eine solche eiskalte seelische Mondkraterlandschaft vermuten lassen, über die man mit euren „Ausmist“- Parolen sofort mit dem inneren Auge schweift.

    Erinnern wir uns doch gemeinsam an den im letzten Jahr verstorbenen Lemmy. Lemmy Kilmister von Motörhead. Nicht direkt „Negermusik“, wie ihr kichernd sagen würdet, aber eben auch keine deutsche Kapelle. Vielleicht kennt ihr die Band dennoch.

    Keine Frage: Nicht Lemmy-Interviewsätze waren ohne Wenn und Aber zu unterschreiben, aber viele davon waren Philosophie. Unterhaltsame Philosophie! Eine Kunst für sich! Ein Ventil überdies, wenn einem der vernunftbeutelnde Alltag mal wieder calmundös im Nacken saß.

    Ihr müsst das nicht gut finden, liebe junge Alternativler, ihr müsst auch keine Lemmynge werden, aber erkennen könntet ihr eure Überflüssigkeit im öffentlichen Tun. Niemand verbietet euch, das hohe Lied der Liebe zu der Vernunft und der Leiden in der gelebten zweischneidigen Bürgerlichkeit zu singen, das ist euer gutes Recht – genau wie es Lemmy mit seinem Lebensmodell aus einem Drogen-Alkohol-Prostituierten-Mix zu tun wusste.

    Aber er hatte euch damit noch etwas voraus: Er hat seinen Weg niemals irgendjemandem als das Non-Plus-Ultra verkaufen wollen. Es mag wehtun, aber es ist wie es ist: Es ist das Desinteresse an Macht, was einem Charisma verleiht. Killed by death – das ist das, was Lemmy letzten Dezember ereilt hat.

    Wer seine Komplexe aber bei der AfD schaukeln lassen muss, den hat es bedauerlicherweise schon zu Lebzeiten getroffen.

    In eigener Sache: Für freien Journalismus aus und in Leipzig suchen wir Freikäufer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/11/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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