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Gastmanns Kolumne: Über die Sinnlosigkeit des Abgrenzens

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    „Du musst lernen, dich besser abzugrenzen“! Wer hat ihn nicht schon einmal gehört – diesen vielleicht sogar gut gemeinten Ratschlag? Abgrenzen. Das fiel mir schon immer schwer. Nicht nur bei mir selber. Auch bei allem anderen. Schaue man nur auf den Apothekerfrosch. Allein der Name macht für mich jegliches Abgrenzen unmöglich. Man liest „Apothekerfrosch“ und schon ist man drin im Gedankenkarussell.

    Dann liest man nach und kriegt mit, dass der Apothekerfrosch seine Berühmtheit seiner Eigenschaft als natürlicher Schwangerschaftstest zu verdanken hat. In den 30er Jahren habe man Fröschen den Morgenurin einer potentiell Schwangeren injiziert und gewartet, ob der Frosch innerhalb der folgenden 18 Stunden zu laichen gedachte. Dem Frosch habe das nichts ausgemacht, heißt es. So war das eben.

    Vielleicht. Vielleicht. … Ein grenzwertiges Gedankenspiel ist es allemal, wenn man sich vorstellte, dem Menschen würde hie und da Froschmorgenurin (oder Morgenfroschurin?) gespritzt, worauf er unmittelbar mit der Spermienproduktion begänne. Aber Schluss mit diesen Unflätigkeiten.

    Fakt bleibt: Grenzen sind im Grunde nicht zu ziehen. Sie sind fließend wie man sagt. Als seien sie ein Fluss.

    Der Fluss trägt uns ans Ufer des täglichen profanen Lebens. Mit all seinen enigmatischen Hinweisschildern, die einem gar nichts sagen. Vor allem nicht das, was wirklich interessant wäre. Täglich zwangsparkt man in der Bredouille. Wo hört Genuss auf, wo fängt Missbrauch an? Was ist Flirterei, was Belästigung? Was ist Besorgnis, was Rassismus?

    Die Übergänge sind zu Unrecht als unwesentlich gebrandmarkt. Die Übergänge sind das, was wir mehr ins Auge fassen müssten. Weil sie dazugehören. Weil sie das Sammelbecken aller Widersprüche sind, die wir gern auszublenden versuchen, weil sie sich eben nicht so smooth an einen heranwanzen, keine simplen Erklärungen zulassen.

    Wir sollten Menschen viel rascher beargwöhnen, die Grenzen hochziehen wollen, um etwas vermeintlich besser zu machen. Die wieder Mauern bauen, die den Schwachsinn von anderen fordern, sich „mehr abzugrenzen“. Wachsam sein bei Grenzwertigem. Bei als Politiker verkleideten Schubladen-Cowboys zum Beispiel, diesseits und jenseits des Atlantiks. Die einander gegenseitig gratulieren fürs Schnellkommertum im Umsetzen von Entscheidungen, die Millionen Menschen ins Unglück stürzen. Die in Maghreb-Staaten reisen und das Rückporto hintragen. Die fordern, sich von Kinderaugen abzugrenzen. Solche verzollen doch auch ihre eigene letzte menschliche Regung.

    Es tut mir leid. Ich kann mich nicht abgrenzen. Wer ausschließlich mit dem Kopf denkt, ist vielleicht noch in einem Übergangsstadium. Irgendwas zwischen Frosch und Mensch.

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