Nachdenken über ... Fake Quatsch

Warum die Zauberlehrlinge der technology companies das Problem noch nicht mal begriffen haben

Für alle LeserEs gibt keine „Fake News“, jedenfalls keine neuen. Kaum ein Wort erzählt so viel über den Narrentanz der Zeit wie dieses. Kaum ein Bemühen ist jämmerlicher als das von Facebook und Konsorten, jetzt irgendwas „gegen Fake News“ unternehmen zu wollen. So wie Tim Cook von Apple, der gleich eine ganze Kampagne forderte, um das Ausmaß von „Fake News“ zu minimieren.

„It has to be ingrained in the schools, it has to be ingrained in the public“, sagte Cook dem „Daily Telegraph“ in einem Interview zum Thema, in dem er eine große Kampagne forderte. „There has to be a massive campaign. We have to think through every demographic.“

Schön gesagt. Schön gefordert. Völlig daneben. „Spiegel Online“ machte daraus gleich mal „Ein neues Schulfach gegen Fake News“. Immer, wenn die erstaunliche Ungebildetheit weiter Bevölkerungsteile auffällig und zum Problem wird, kommt ein großer Narr daher und fordert ein neues Schulfach. Arme Lehrer.

Aber Tim Cook wäre nicht der Chef eines der modernen Hightech-Giganten, wenn er nicht auf ähnliche Gedankengänge wie sein Bruder im Geiste Mark Zuckerberg käme, wie man dem scheinbar gerade erst aufgeploppten Problem der „Fake News“ beikäme: „All of us technology companies need to create some tools that help diminish the volume of fake news.“

Mit Algorithmen gegen Lügen und Falschmeldungen? Zuckerberg hat ja erst einmal die Segel gestrichen und lieber ein paar Journalisten-Büros beauftragt, für ihn einige der Falschmeldungen aufzuarbeiten und zu korrigieren. Was schon erstaunlich ist: Erst zerstört er mit seinem Geschäftsmodell die Einnahmebasis klassischer Medien – und dann braucht er doch wieder Journalisten, um Falschmeldungen zu entlarven. Weil er in seinem krausen Köpfchen zumindest weiß, dass das die Leute sind, die es können, die wissen, wie es geht. Die das Handwerkszeug dazu gelernt haben.

Denn mal so für die Leichtgläubigen unter uns: Journalisten sind eigentlich immer die Leute gewesen, die im Dienste einer Gesellschaft das Richtige vom Falschen getrennt haben. Nicht alle und nicht immer. Keine Frage. Manche fühlten sich auch als Wasserträger für Politiker, Herausgeber und Konzerne wohl.

Aber die großen Geschichten des Journalismus handeln alle von der Arbeit von Redakteuren und Reportern, die sich die Aufgabe gestellt haben „Das kriege ich jetzt raus“ und losgegangen sind und dann berichtet haben – belegt mit Quellen, Fakten, Zitaten. In guten journalistischen Texten ist nachvollziehbar, wie die Geschichte entstand und auf welche Informationen sich der Autor beruft.

Deswegen ist die Presse als Herstellung von Öffentlichkeit so wichtig. Weil sie Regeln hat, die die seriösen Medien auch beachten. Deswegen werden sie gern angegriffen von Leuen, für die Wahrheit eher eine Art Glaubensbekenntnis ist. Oder eine Art Parteipropaganda. Spätestens als die wilden Kerle von PEGIDA mit „Lügenpresse“-Schildern auf die Straße gegangen sind, haben sie sich entlarvt und gezeigt, wes Geistes Kind sie sind.

Aber das ist ein Randthema.

Denn das Thema, über das Tim Cook geredet hat, ist eines, das seine geliebten „technology companies“ erst möglich gemacht haben: den Dammbruch nämlich. Und zwar mit Absicht. Sie haben nicht nur riesige Netzwerke geschaffen in denen alle Teilnehmer gleichwertig miteinander kommunizieren können. Sie haben auch systematisch Angebote geschaffen, mit denen sie den klassischen Medien massiv Konkurrenz gemacht haben und Aufmerksamkeit umgelenkt haben. Sie haben sich zu riesigen Medienkonzernen gemacht mit dem Anspruch, in ihren heiligen Netzen den Nutzern alle, wirklich alle Informationen zu liefern, die sie vielleicht brauchen könnten.

Sie benehmen sich wie riesige digitale Verlagshäuser. Aber sie ziehen nicht die Konsequenz daraus. Sie unterwerfen sich nicht dem Presserecht. Weil alles allem gleich ist. Diese riesigen medialen Welten kennen keine redaktionelle Arbeit. Was auch kaum möglich ist, wenn Milliarden Menschen gleichzeitig permanent neue Inhalte produzieren – Terrorvideos genauso wie dusselige Twittermeldungen, Nazipropaganda, Politikerstatements, Katzenbilder, Kochrezepte und was des Krams mehr ist. Das ist so viel, dass eigentlich nur Algorithmen irgendwie eine Sortierung schaffen können. Aber welche?

Sie können nicht recherchieren, Quellen prüfen, die Lüge von der Unterstellung, die falsche Behauptung von der wissenschaftlichen Beweisführung unterscheiden.

Womit sie in gewisser Weise so dumm sind wie viele Nutzer, denen das auch alles Einerlei ist. Sie ahnen nicht mal, dass Lügen und Falschbehauptungen ihre Welt zerstören können. Sie schwimmen in einem Ozean der gleichwertigen Informationsschnipsel, ohne darin einen qualitativen Unterschied zu sehen.

Ohne die Illusion der völligen Gleichwertigkeit keine „Fake News“.

Was nicht neu ist. Das geliebte TV hat daran schon seit Jahrzehnten gearbeitet, weil es sich der Quote angedient hat: Es will die Nutzer nicht bilden oder aufklären, sondern unterhalten. Also liefert es, was möglichst viele Menschen vor die Röhre zieht. Man will ein Produkt verkaufen – also bedient man die niedrigsten Aufmerksamkeitslevel. Und verändert die Welt.

Zumindest einer wie Neil Postman hat es gemerkt. Aber den finden ja die Mediengurus von heute auch schon wieder überholt, weil dieser freche Kerl doch tatsächlich die ganze hübsche Technik (die technischen Spielzeuge unserer geliebten „technology companies“) nicht in der Schule sehen wollte. Weil sie vom Lernen ablenken, es regelrecht destrukturieren. Sie töten Bildung, weil sie suggerieren, dass man Wissen per Knopfdruck bekommen kann. Und sie suggerieren „modernes“ Lernen, obwohl sie gleichzeitig die Zeit fressen, die Lehrer eigentlich brauchen, Kindern das Denken beizubringen.

Vielleicht sogar ein wenig die Grundlagen des wissenschaftlichen Denkens. Berge von Lehrstoff bimsen hat mit Denkenkönnen nichts zu tun. Das verwechseln auch deutsche Kultusminister permanent. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft des Trugs, des Scheins, der opportunistischen Anpassung. Es wird nur noch für Punkte und Noten gelernt. Aber das humanistische Bildungsziel, einen wirklich ganzheitlich gebildeten Menschen zu erziehen, hat sich in Luft aufgelöst. Es gibt ja alles auf Knopfdruck.

Als Facebook die Schleusen öffnete, hat es schlicht einen wichtigen Konsens zerstört, den unsere Gesellschaft dringend braucht: Dass nicht jede beliebige Information Grundlage des Diskurses ist, sondern nur die geprüfte. Journalisten sind Filter. Keine Frage. Das ärgert ja die Lügner und Propagandisten so: Ihre Lügen und falschen Floskeln kommen nicht durchs Sieb, werden auseinandergenommen oder gleich als Schwachsinn im Papierkorb entsorgt. Sie wurden einfach nicht veröffentlicht und erreichten deshalb auch keine große Aufmerksamkeit.

Das aber hat sich geändert.

Denn für einige Leute ist es schwer auszuhalten: Nicht jeder, der sich zu Wort meldet, kann seine Wortmeldung als wahr und allgemeingültig behaupten. Zumindest in den Medien nicht, die von den Falschmeldern gern als „Mainstream“ abgetan werden, weil sie über Jahrzehnte sehr wahrnehmbar ihre Funktion erfüllt haben und sortiert haben. Das wollen ein paar Leute gern ändern. Auch Herr Zuckerberg und seine netten Freunde: Sie wollen diese „Mainstream“-Medien einfach vom Markt pusten und deren Geschäftsfeld ihrem Imperium einverleiben, alle, wirklich ALLE Aufmerksamkeit in ihre Netze lenken. Radikal und rigoros.

Aber damit zerstören sie das, was an den großen klassischen Medien so wichtig ist: Deren Profession, die Dinge immerfort zu hinterfragen, falsch von richtig zu scheiden, Informationsmüll zu entsorgen und die für die Gesellschaft wichtigen Geschichten ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Facebook arbeitet nur scheinbar so ähnlich: Es wertet per Algorithmus auf, worüber eh schon ein Haufen Leute redet. Oft auch Geschichten, die in den klassischem Medien erschienen – die dann aber regelrecht angeeignet und gekapert werden und dann durchs Facebook-Universum rauschen, als gäbe es die ursprüngliche Quelle gar nicht mehr. Man eignet sich das Material an – und dann? Dann kocht in den Netzwerken eine wilde, durch nichts und niemanden kontrollierte Suppe. Debatte kann man das ja nicht nennen. Die würde einen Moderator brauchen, der weiß, worum es in der Geschichte eigentlich geht.

Und da selbst Lügen und Märchen so einen Effekt auslösen können, sind diese hübschen Technologien wahre Verstärker für jede Art Blödsinn, der Menschen aufregen kann. Sie machen „Fake News“ erst groß, weil das Aufblasen von Aufmerksamkeit ihr Geschäftsmodell ist.

Die „Fake News“ gab es schon immer. Und wahrscheinlich hat sich der Anteil von Leuten, die solchen Trash produzieren, nicht mal erhöht. Was sich verändert hat, ist die Zerstörung der Filter – nämlich der klassischen Medien – und die Entwicklung von „tools“, mit denen man digitale Netze zu Resonanzböden auch noch des größten Blödsinns gemacht hat. Was beabsichtigt war.

Es ist gut möglich, dass Menschen, die in der Schule gelernt haben, wie man Geschichten und „Fakten“ mit gesunder Skepsis begegnet, mit „Fake News“ besser umgehen können als all jene, die niemals gelernt haben, ihren Kopf zum Nachdenken zu benutzen. Aber das ist – wie so oft – das Pferd von hinten aufgezäumt.

Abgelenkt vom eigentlichen Problem: nämlich Unternehmensmodelle, die so radikal und rücksichtslos sind, dass sie selbst die wichtigen Grundstrukturen unserer Gesellschaft zerstören. Natürlich sind Menschen, die keinen Zugang mehr zu umfassender seriöser Berichterstattung über ihre Welt und ihre Gesellschaft haben, leichter verführbar, gehen dem Rattenfänger leichter auf den Leim. Wir erleben es ja gerade, wie solche Kampagnen wunderbar funktionieren.

Keine Frage: Unsere Schulen müssen anders werden, müssen wieder den zum Denken und Erkennen befähigten Menschen in den Mittelpunkt stellen. Was aber ganz bestimmt nicht so leicht ist, wie es Tim Cook im Interview behauptet. Denn die Schulen, die wir heute haben, sind Schulen, die auf technologische Effizienz getrimmt sind, Ergebnis von Jahrzehnten politischer Sparwut und Vernarrtheit in technische Spielzeuge. Da muss sich was ändern. Da hat Tim Cook Recht.

Aber das wird dauern. Denn hinter dieser Entwicklung stecken auch riesige Konzerne, die die Bildung in unserer Gesellschaft genauso haben wollten, wie sie heute ist. Bildung als Produkt und Ware, aber nicht als Befähigung zum selbstständigen Denken. Denn Menschen, die nicht gelernt haben, die Dinge zu unterscheiden, denen kann man alles andrehen, jedes noch so überflüssige Produkt und jede noch so dämliche Politik.

Das Problem ist nicht neu. Nur die Netze, die das Phänomen der verbreiteten Unwissenheit und der wütenden Überforderung sichtbar machen, sind noch relativ neu. Aber effektiv darin, diese Dinge überkochen zu lassen, sind sie. Das ist der Zauberlehrling, den Goethe bedichtete, und den die Schüler heute vielleicht noch kennenlernen – ob sie verstehen, was diese seltsame Geschichte eigentlich erzählt? Wir bezweifeln es.

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